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Terror gehört zu den neuen Lebensrisiken

In der Talkshow von Günther Jauch versuchten Politiker und Journalisten über das Unfassbare von Paris zu sprechen - es war ein Versuch und mehr konnte es nicht sein.

Von Andrea Zschocher

Ehepaar Schmitz bei Jauch

Das Ehepaar Schmitz war Augenzeuge des Pariser Anschlags - bei Günther Jauch erzählten sie von der Nacht des Schreckens

"Terror von Paris - was ist unsere Antwort?" war die Frage, die Günther Jauch mit der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, dem Präsidenten des Europäischen Parlaments Martin Schulz und den Journalisten Georg Mascolo, Jaafar Abdul Karim und Ulrich Wickert besprechen wollte. Eine Antwort gab es kaum. Geeinigt werden konnte sich darauf, dass die Flüchtlinge weiterhin Unterstützung brauchen und nicht unter Generalverdacht gestellt werden dürfen.

Jauchs unsensible Fragerei

Begonnen hatte die Sendung mit einem sehr emotionalen und auf Seiten Jauchs ungewöhnlich sensationslüsternem Interview. Das Ehepaar Julia und Thomas Schmitz war am Freitag auf dem Konzert im Bataclan, als die Attentäter dort in die Menge feuerten. Es gelang ihnen, sich gemeinsam mit zirka 30 anderen Menschen in einem Backstage-Raum zu verbarrikadieren. "Sofa, Kühlschrank, alles was schwer und sperrig war" wurde vor die Tür geschoben. Dann harrten die Menschen über drei Stunden in Todesangst aus. Thomas Schmitz fasst seine Angst in dem unfassbaren Satz "Man hat sich wirklich gedacht, ich sterbe jetzt, hoffentlich tut es nicht weh" zusammen.

Günther Jauch aber fragte das Paar, ob es sein kann, dass sie durch das Verbarrikadieren andere Menschen in den Tod geschickt hätten, weil so eben nicht mehr in den Raum hineinkonnten. Schulterzucken auf Seiten des Paares. Sollten die beiden bis zu diesem Moment noch nicht daran gedacht haben - dank der unsensiblen Frage von Jauch könnten sie auf diesen Gedanken nun auch noch herumkauen.

Keine Vorverurteilung von Flüchtlingen

Martin Schulz und Georg Mascolo wurden nicht müde zu betonen, dass diese Anschläge nicht zur Folge haben dürfen, Flüchtlinge zu verurteilen. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hielt sich hier über weite Teile bedeckter und antwortete ausschweifender. Dennoch, auch sie sagte: "Es ist enorm wichtig, dass wir uns nicht einschüchtern lassen." Auf Jauchs Frage, wieso es den Attentätern in Zeiten von Vorratsdatenspeicherung und Telefonüberwachungen möglich ist, miteinander diese Anschläge zu planen, hatte von der Leyen keine Antwort. Stattdessen lobte sie, dass die Deutschen ja nicht merken würden, "was verhindert worden ist". Das mag sein, aber dennoch wäre eine klare Stellungnahme hier wichtig gewesen.


Trotzdem forderte von der Leyen "zu kontrollieren, wer zu uns kommt ist das Recht der EU." Als Günther Jauch dann das Wort "Krieg" in den Mund nahm, kam Bewegung in die Verteidigungsministerin. Sie sprach sich gegen den Terminus aus und mahnte zur Ruhe und Besonnenheit. Auf die Anklage Jaafar Abdul Karim, dass viele Menschen im Nahen Osten die Frage stellen würden, wieso Deutschland nach wie vor Waffen nach Saudi Arabien verkauft, erhielt er keine Antwort. Von der Leyen führte ins Feld, dass der Krieg in Syrien kein deutscher sei, Deutschland könnte nur "unterstützen", eben auch in Form von Waffen.

Europäische Solidarität ist eine Grundsatzfrage

Von Jauch auf die Reaktion Polens auf die Terroranschläge in Paris angesprochen fand Martin Schulz deutliche Worte. "Solidarität ist eine Grundsatzfrage, keine Rosinenpickerei." Und wenn Polen seine Drohung, keine Flüchtlinge mehr aufzunehmen umsetzen wird, dann sei dies "ein Aufgeben des Solidargedankens Europas".
Weil aber die Frage im Raum stand, ob einer der Attentäter eventuell ein Flüchtling gewesen sein könnte, erklärte der Europaparlamentspräsident, dass dies aller Wahrscheinlichkeit nach nicht der Fall gewesen ist. "Experten sagen, dass es ungewöhnlich ist", dass ein Attentäter die Flüchtlingsroute nehmen würde. Es gäbe für diese Menschen sicher andere Wege ihre Zielorte zu erreichen, so Schulz. Er erkannte aber durchaus die Gefahr, die von solchen Unterstellungen ausgehen würde. In der Konsequenz könnte es nämlich geschehen, dass in Europa die Flüchtlinge unter Generalverdacht gestellt werden und Menschen nun ihre Hilfsbereitschaft verweigern würden.
Diese Erfahrung hat auch der Deutsche Welle- Journalist Jaafar Abdul Karim bei seiner Recherchereise in Paris gemacht. Er fuhr nach den Anschlägen von Freitag ins 18. Arrondissement der französischen Hauptstadt, in ein Viertel, in dem viele Muslime wohnen. Auch sie hätten Angst vor der Vorverurteilung, fühlen sich "eingeschränkt". Der Journalist hörte nach den Anschlägen besonders häufig den Satz, dass die Flüchtlinge "genau deshalb aus Syrien geflohen" sind.

Terror im 21. Jahrhundert

Georg Mascolo erkannte genau darin auch das Problem dieser Attentate. Denn, diese Form "von Terrorismus kennt keine Grenzen". Sie kennt nur "unterschiedsloses, bestialisches Töten", ohne sich um Religion, Alter oder Ländergrenzen zu kümmern. Die Gefahr eines Anschlags gelte, seiner Meinung nach, "für alle Staaten, die sich an dem Kampf gegen den IS beteiligen".
Der vielleicht wichtigste Satz des Abends kam von Julia Schmitz. Auf die Frage, ob sie nun nicht mehr auf Konzerte gehen werden, antwortete sie: "Wir werden natürlich weiter unser Leben leben!" Genau das empfahl auch Martin Schulz. Auch wenn er sich, in einem Statement, das Gänsehaut bereitete, sicher war, dass der Staat Deutschland seine Bürger vor dieser Form des Terrorismus nicht schützen kann. "Der Terror gehört zu den Lebensrisiken des 21. Jahrhunderts". Ein Satz, der lange nachhallen wird.

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