27. August 2012, 10:00 Uhr

Mafia-Merkel auf dem Prüfstand

Angela Merkel als weiblicher Don Corleone? Günther Jauch hatte in seiner Sendung die ehemalige Kohl-Beraterin Gertrud Höhler zu Gast und ging der Frage nach: Ist die Kanzlerin zu mächtig? Von Sophie Lübbert

Günther Jauch, Jauch, Angela Merkel, Gertrud Höhler

Jauchs Thema diese Woche: Kanzlerin Angela Merkel©

Wenn man Gertrud Höhler zuhört, bekommt man Angst. Angst davor, dass Deutschland kurz vor einer Diktatur steht. Oder vor einer Monarchie. Oder irgendeiner anderen Staatsform, bei der nur ein Mensch an der Spitze steht und die Geschicke des Landes lenkt: Angela Merkel. Denn Publizistin Höhler hat eine Mission. Sie will die Menschen warnen: vor einer Kanzlerin, die macht, was sie will. Und sie hat gleich ein ganzes Buch darüber geschrieben.

"Die Patin" heißt Höhlers Werk über Angela Merkel und deren angeblich langsamem Abschied von der Demokratie. Es ist knapp 300 Seiten stark, ein herber Angriff auf die Kanzlerin - und diesmal die Grundlage für Günther Jauchs TV-Talk. "Machtfrau Merkel - wie tickt die Kanzlerin?" lautet das Thema.

Merkel als weiblicher Don Corleone?

Zugegeben: Es bietet sich an. Gerade von einem Magazin zur mächtigsten Frau der Welt gewählt, scheinen Merkel tatsächlich kaum Grenzen gesetzt. In Deutschland folgt die Opposition ihr brav, in Europa nimmt sie eine Führungsrolle in der Krise ein (oder versucht es zumindest). Also lohnt sich die Frage: Ist die Kanzlerin tatsächlich zu mächtig geworden? Ist sie eine Art Mafiaboss des Parlaments, ein weiblicher Don Corleone, der Konkurrenten kaltmacht und eigene Regeln aufstellt? Oder dient sie den Menschen nur als eine Leitfigur in schweren Zeiten? Ist sie stark, weil alle anderen viel zu schwach sind?

Höhlers Position ist klar: Merkel betreibe Macht-, aber keine Sachpolitik. Sie weiche Gesetze auf, verändere sie nach ihrem Willen und sorge für eine zunehmende Zentralisierung in Deutschland. Außerdem bediene sie sich bei allen Parteien an deren Themen - je nachdem, wie es ihr gerade ins Programm passe. "Wer da kein Unbehagen verspürt, der ist schon Teil dieser Veränderung", sagt Höhler. Unterstützung erhält sie von Moderator Wolfgang Herles.

Trotzdem hat die Publizistin ein Problem. Es heißt Ursula von der Leyen und sitzt ihr direkt gegenüber. Die Ministerin hat nicht nur das Buch gelesen, sondern auch eine klare Meinung dazu: "Die gezogenen Schlüsse sind abstrus." Ähnlich sieht es Lothar de Maizière, letzter DDR-Ministerpräsident und seines Zeichens Entdecker von Angela Merkel ("Ich bekenne mich schuldig"): Das Parlament habe genauso viel Macht wie immer. Die Union verändere sich mit der Zeit, aber nicht wegen Merkel. Außerdem sei die Kanzlerin sehr bescheiden, ehrlich, intelligent.

Die Diskussion driftet ab

Was denn nun: gnadenlose Macht-Politikerin oder sanfte Mutter der Nation? Diese Runde zumindest wird es nicht herausfinden, das ist bald klar. Denn nach einem guten Anfang driftet die Diskussion schnell ab. Die Teilnehmer sind viel zu sehr damit beschäftigt, sich selbst darzustellen, als dass sie vernünftig reden könnten. Moderator Herles wirft mit markigen Sprüchen um sich (Merkel "ist von ihrem Vater in den Osten veschleppt worden", "Ich hätte ein Problem damit gehabt, in so einem Scheissland aufzuwachsen"). Von der Leyen schafft es, mit Merkel auch gleich ihre eigene Arbeit zu loben.

Und Frau Höhler? Die inszeniert sich als einzig Erleuchtete zwischen lauter Unwissenden. Ihre Argumente mögen klug sein, leider kriegt man davon kaum etwas mit. Denn die Publizistin ist sicherlich eine gute Autorin, eine gute Talkshow-Rednerin ist sie an diesem Abend nicht.

Hanni-und-Nanni-Literatur statt politischem Werk

Ihre Sätze sind viel zu lang, verschachtelt, kompliziert. Sie weicht den Fragen aus, verliert sich in endlosen Argumenten, wirkt außerdem aggressiv und angespannt. Mehrere Male fährt sie sowohl Jauch als auch die anderen Gäste an, weil sie angeblich falsch aus dem Werk zitierten: "Das sind wieder so Vokabeln, die stehen nicht in meinem Buch." Dann rudert sie auch noch zurück und erklärt, sie habe keine Polemik verfasst, sondern nur "den Weg einer jungen Frau" beschrieben. Das klingt nicht mehr nach politischem Werk, sondern nach Hanni-und Nanni-Literatur.

Es mag sein, dass die Menschen zu bequem sind, um sich gegen eine mächtige Merkel aufzulehnen. Um gefährliche Veränderungen wahrzunehmen. Leider dürfte ein solcher Auftritt von Gertrud Höhler nicht dabei geholfen haben, das zu ändern.

Von Sophie Lübbert
 
 
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