Unser Lehrer Doktor Precht

6. Mai 2013, 07:06 Uhr

Das deutsche Schulsystem gehört revolutioniert, findet Philosoph Richard David Precht. Er fordert: Noten weg, Lernspaß her! Jauchs Talk schwankt zwischen Pädagogen-Bashing und Pennälerhumor. Von Simone Deckner

Günther Jauch, Jauch, Talkshow, Lehrer, Schulen, Noten

©

Harald Schmidt hat's erwischt. Edmund Stoiber auch. Und Peer Steinbrück sogar zweimal: Alle sind sie sitzengeblieben. Mit dem Hinweis auf die Riege der prominenten Ehrenrundendreher eröffnet Günther Jauch die Diskussion zum Thema "Notendruck, Sitzenbleiben - weg mit der alten Schule?" Hintergrund: Mehrere Bundesländer wollen das Sitzenbleiben abschaffen, Niedersachsen etwa. Es geht ihnen dabei nicht nur um das Wohl der Schüler. Sie haben ganz profane Sorgen: Jeder Schüler, der kleben bleibt, liegt dem Staat auf der Tasche: 800 Millionen Euro Kosten verursachten die 156.000 Sitzenbleiber des vergangenen Jahres.

Wie passend, dass Deutschlands Philosophen-Primus Richard David Precht just ein Buch zum Thema veröffentlicht hat: In "Anna, die Schule und der liebe Gott: Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern" rechnet er mit dem hiesigen Schulsystem ab. Dem Mann mit dem durchdringenden Blick ist in der Runde die Rolle des Revoluzzers zugeteilt. Als Bewahrer des Bisherigen in Szene gesetzt werden: Ursula Sarrazin, ehemalige Grundschullehrerin und Ehefrau von Thilo (was seltsamerweise nicht erwähnt wird). Melda Akbaş, deutsche-türkische Schriftstellerin, die 2010 Abi gemacht hat. Sowie: der CDU-Politiker Armin Laschet aus NRW, auch er ein ehemaliger Sitzenbleiber.

Philosoph Precht will Schule revolutionieren

Precht teilt ordentlich aus: Übers Sitzenbleiben könne man gerne reden, "wobei das für mich ein Nebenschauplatz ist". Um was es ihm eigentlich geht: Weg mit dem bisherigen System! Es könne doch nicht sein, dass Millionen von Schulabgängern drei Kreuze machen würden, wenn sie endlich ihre Zeit abgesessen hätten. Seine berechtigte Frage: Wo bleibt da die Lust am Lernen?

Precht würde Deutschlands Schulen eine Sechs geben. Aber er ist ja gegen Noten. An ihre Stelle sollen ausführliche Persönlichkeitsgutachten treten. Man kann den Schweiß der Pädagogen zuhause vor dem Bildschirmen förmlich riechen ... Statt Klassen will Precht kleine Projektgruppen. Auf dem Stundenplan stünde nicht mehr Physik, sondern etwa der Klimawandel. Die Idee: Schüler lernen besser, wenn sie wissen, wofür.

Precht, ganz Medienprofi der er mittlerweile ist, haut eine griffige These nach der anderen heraus: Spricht davon, dass er "keine Kuschelschulen will", sondern vom Spaß, den Schüler am Lernen haben sollen. Und erfindet neue Begriffe wie das Bulimielernen: "Vor der Klausur reinfressen, dann wieder ausspucken."

So spannend wie eine Lehrerkonferenz

Doch die Diskussion ist in weiten Teilen so aufregend wie eine Lehrerkonferenz. Prechts durchaus kontroverse Thesen werden kaum hinterfragt. Nur die Jüngste in der Runde, Melda Akbaş, kontert: "Ich finde Noten gut." Schließlich wolle man seine Leistung ja einschätzen können.

Dass es auch ohne Sanktionen geht, zeigen Filme aus Berlin und Nürnberg. Gut gelaunte Schüler erzählen vom Spaß, den sie am unkoventionellen Unterricht haben. Weil sie etwa Referate halten dürfen über Kaugummis. Melda Akbaş berichtet danach von einem Lehrer, der seinen Schülern die Kurvendiskussion anhand des Smartphone-Spiels "Angy Birds" beigebracht hat. Gequälten Blickes fragt Bildungsbürger Jauch, was denn dann aus Goethes "Faust" werden soll? Muss der vom Lehrplan gestrichen werden? Keineswegs, kontert Precht. Man könne daran ja das heutige Wirtschaftssystem erklären. Wenn man denn nur wolle.

Hälfte der Lehrer ungeeignet für den Job

Es ist der Startschuss zum Pädagogen-Bashing. Schuldirektor Jens Großpietsch aus Berlin, der aus dem Film, sagt, dass 50 Prozent aller Lehrer eigentlich lieber einen anderen Job machen sollten. Akbaş ätzt: "Lehrer haben immer ihre Lieblinge." Wasser auf Prechts Mühlen. Er will, dass mehrere Lehrer die Schülerperönlichkeit beurteilen. Da regt sich auch die lange schläfrig wirkende Sarrazin: So etwas sei "undemokratisch", öffne "der Subjektivität Tür und Tor." Auch CDU-Mann Laschet stellt sich schützend vor die Lehrer. Mit einer kollektiven Lehrerschelte sei niemandem gedient. Lehrer müssten heutzutage nicht nur unterrichten, sondern auch erziehen. Laschets bemerkenswertester Satz: "Viele, die den sozialen Aufstieg geschafft haben, hatten einen Lehrer, der an sie geglaubt hat."

Ist es am Ende also doch nur die persönliche Beziehung, die über Wohl oder Wehe entscheidet? Darüber hätte man gern mehr erfahren. Was auch fehlte: Kritisches Nachhaken bei Precht. Es ist ja so: Nicht jeder Schüler kann sich für jedes Fach begeistern. Da können noch so viel Schriftsteller im Klassenzimmer vorbei kommen und live Gedichte texten. Es wird immer Schüler geben, die sagen: Bei Deutsch schlafen mir die Füße ein. Bei Günther Jauch fehlte dazu dieses Mal auch nicht viel.

Zum Thema
Kultur


Interaktive Datenbank: Alles, was Sie über das Dschungelcamp wissen müssen Interaktive Datenbank Alles, was Sie über das Dschungelcamp wissen müssen
stern TV-Programm
Kostenlos downloaden: stern TV-Programm für iPhone, iPad und Android-Smartphones und -Tablets Mehr Infos über die App
 
Humor
Tetsche, Haderer, Mette und Co. Tetsche, Haderer, Mette und Co.
 
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von Amos: Rauchen auch auf dem Balkon bald verboten? Rauchen nur noch im Keller unter Luftabschluß?

 

  von Amos: Ich kapiere es einfach nicht: hätte ich 100.000 Schweizer Franken: wären das jetzt mehr oder...

 

  von StechusKaktus: Was genau kauft die EZB im Rahmen des QE an?

 

  von blog2011: Problem mit dem Downloadhelper auf YouTube im Firefox-Browser

 

  von bh_roth: Gibt es mehr als einen Bundespräsidenten??

 

  von Gast 104252: Umzug eines Hartz iv-Empfängers in das elterliche Haus

 

  von wiesse: Muss ein Inkassobüro den Nachweis erbringen, dass sie den Auftrag vom Auftraggeber erhalten haben

 

  von Reinhard49: wie hoch ist die Kfz-Steuer bei Dieselfahrzeugen

 

  von Gast 104125: Warum weht der Wind VOM Tiefdruckgebiet her ? Zum Luftdruckausgleich müsste ein Tief doch eher...

 

  von Celsete: Muss man sich mit dem System Hartz IV abfinden?

 

  von Amos: Hörte eben: the Secretary General für den Uno-Generalsekretär. Wieso ist das umgekehrt wie im...

 

  von Gast 103454: Wann erbe ich? Betreffend Umzug und Steuer!

 

  von Gast 103439: Geburtstagsparty trotz AU

 

  von MrSweets: IPhone IMatch deaktivieren

 

  von dorfdepp: Soll sich die westliche Welt Kuba gegenüber öffnen?

 

  von dorfdepp: Gibt es noch Vorbehalte gegen Online-Banking?

 

  von JennyJay: Heißt es "mittels Mobilkrane" oder "mittels Mobilkränen"?

 

  von bh_roth: Vorsätzliche Tötung

 

  von Amos: Warum muß ein Blinder bei "Wetten dass" eine geschwärzte Brille tragen?

 

  von Amos: Seit heute steigen die Preise der DB, wenn ich per Kreditkarte oder Internet bezahle.