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TV-Kritik

Punktsieg für Beatrix von Storch

Kann die Methode Trump auch in Deutschland gelingen? Mit Beatrix von Storch hatte Frank Plasberg eine Rechtspopulistin geladen, die die Wahl Donald Trumps als "welthistorische Wende" bezeichnete. Eine Entzauberung der AfD-Frau gelang nicht.

Von Jens Wiesner

Beatrix von Storch mit den anderen Talkgästen bei "Hart aber fair" zum Wahlerfolg von Donald Trump

Beatrix von Storch mit den anderen Talkgästen bei "Hart aber fair" zum Wahlerfolg von Donald Trump

"Willkommen in einer neuen Welt, in der Hetze, Lügen und Drohungen den Wahlerfolg bringen!" Ein launiger Satz war es, mit dem Frank Plasberg am Montagabend in seine Talkrunde startete. Aber eben auch ein Satz, der in den USA nun Tatsache geworden ist. Kein Zweifel: Eine Woche nach dem GAU, der die politische Landschaft rings um den Erdball erschütterte, besteht noch immer eine Menge Gesprächsbedarf: als US-Präsident - diese Vorstellung galt auch hierzulande als so wahrscheinlich wie ein Striptease von Mutti Merkel bei der Neujahrsansprache oder die Meisterschale für den DSC Wanne-Eickel.

Das merkte man auch den Reaktionen an, die am Mittwochmorgen nach der Verkündung des Wahlergebnisses  eintrudelten. Außenminister Frank-Walter Steinmeier war derart konsterniert, dass er sich einer Gratulation schlicht verweigerte. Kanzlerin Merkel gratulierte zwar, stellte aber im selben Atemzug Forderungen für eine weitere Zusammenarbeit. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann sprach derweil von "wilden Zeiten", die jetzt auf Deutschland zukämen. Nur eine Partei wollte fest mit dem Wahlergebnis gerechnet haben: die . Trumps Sieg sei ein historisches Signal und "nur für das Establishment eine Überraschung" gewesen, posaunte AfD-Vize Beatrix von Storch.

Wie reagiert von Storch?

Natürlich war es von Storch, auf die alle Augen bei Plasbergs Talk gerichtet waren. Im Einklang mit dem Duktus ihrer Partei, der es peinlichst vermeidet, eine allzu offen rechtsextreme Sprache zu benutzen, um in Richtung bürgerliche Mitte wählbar zu bleiben, verurteilte und verharmloste sie gleichzeitig Trumps Rhetorik als "einzelne unsägliche Äußerungen". Er habe zwar "schlimme Dinge gesagt", die anderen aber - sie meinte Clinton, Obama und Co. - hätten "schlimme Dinge getan". Ein rhetorisch nicht ganz fairer, aber durchaus nicht ungeschickter Kniff.

Wer darauf gesetzt hatte, dass sich die AfD-Frontfrau mit allzu selbstdarstellerischer Häme oder eklatantem Unwissen selbst demaskieren würde, wurde eines besseren belehrt. Zwar sorgte von Storch für diverse hochgezogene Augenbrauen, als sie Trumps Botschaft als eine "des Friedens" bezeichnete (in Hinblick auf das sich nun wohl entspannende Verhältnis der zu Putins Russland), vermied es aber geschickt, allzu breitbeinig aufzutreten. Musste sie auch nicht: Die Erklärung, dass die US-Wähler ganz bewusst gegen das Establishment gestimmt hatten und ähnliche Tendenzen in ganz Europa zu vernehmen seien, fand auch bei den übrigen Talkgästen Widerhall, die allesamt verschiedene Teile eben dieses Establishments verkörperten: Politik, Wissenschaft, Journalismus und Finanzwirtschaft.

Schockstarre der alten Eliten

Stellvertretend für den Journalismus hatte Plasberg das WDR-Urgestein eingeladen, Intendant des öffentlich-rechtlichen Senders von 1995 bis 2007 und langjähriger Auslandskorrespondent in Moskau und Washington zur Zeit des Kalten Kriegs. Dass die Wahl des politisch völlig unbeleckten Trump den erfahrenen Journalisten völlig kalt erwischt hatte, war Pleitgen sichtlich anzumerken. "Wer will ihn denn stoppen?", fragte der Journalist ratlos in die Runde und verwies auf die Mehrheitsverhältnisse in den Häusern und beim Obersten Gerichtshof. Die Hoffnung auf einen gemäßigteren Präsidenten Trump - im Gegensatz zum misogynen, rassistischen und Hass schürenden Wahlkämpfer - teile er nicht.

Der Politologe Christian Hacke mahnte dagegen an, den Ball flachzuhalten. Jetzt mit der Moralkeule anzukommen, sei der komplett falsche Weg. Das Verhalten der deutschen Politik und der Medien nach Trumps Wahl kritisierte er scharf, verglich es gar mit einem bockigem Kind, dem sein Spielzeug weggenommen wurde. Stattdessen müsse man Trump "nehmen, wie er ist" und nüchterne Interessenpolitik betreiben. "Wir brauchen Amerika mehr, als die Amerikaner uns."

Elefant im Porzellanladen der politischen Kultur

SPD-Fraktionschef Oppermann verteidigte die ungewöhnlich scharfe Reaktion seiner Amtskollegen. Trump könne das "vertragen", es sei eine Sprache, die der Geschäftsmann sicher besser verstünde, als würde man ihm "unterwürfig entgegen treten" und die "Regelverletzungen durchgehen lassen". Pleitgen pflichtete ihm bei: Er könne sich nicht erinnern, dass sich ein deutscher Kanzlerkandidat jemals derart abfällig über die USA geäußert habe. Trumps Verletzung des politischen Umgangstons stelle alles in den Schatten - sei aber ungemein effektiv gewesen.

Was die Zahlungen Deutschlands an die Nato betrifft, musste selbst SPD-Mann Oppermann zugeben, dass die bisherige Praxis alles andere als fair gewesen ist. Statt der vertraglich vereinbarten 65 Milliarden Euro im Jahr hatte Deutschland nämlich jahrelang nur knapp über die Hälfte an das Verteidigungsbündnis gezahlt. Dass Trump nun den gesamten Betrag einfordere, sei verständlich, da waren sich auch die restlichen Gesprächsteilnehmer - inklusive von Storch - einig. Besonders Hacke pochte darauf, dass gute Diplomatie einen starken militärischen Apparat im Rücken bräuchte, um auch in Krisenzeiten ernst genommen zu werden. Kalter Krieg? Ick hör dir trapsen!

Make Europe whole again?

Einer eigenständigen europäischen Armee, wie sie Oppermann gerne sehen würde, erteilten der Journalist und der Politologe ("Hirnrissig!") allerdings eine Absage - auch weil sie sich nicht vorstellen können, dass sich die heillos zerstrittene EU auf ein solches Großprojekt einigen kann. Oppermann sieht das anders: Der Sozialdemokrat setzt darauf, dass Europa durch den Schock, Amerika als starken großen Bruder zu verlieren, wieder neu zusammenfindet und die Risse der letzten Jahre kitten kann. 

Einen Wake-up-Call ganz anderer Art forderte dagegen die in New York lebende deutsche Juristin Sandra Navivi, die als Finanzexpertin geladen war: Die deutsche IQ-Elite müsse dringend ihre Hochnäsigkeit gegenüber dem weniger gut ausgebildeten Teil der Gesellschaft ablegen und dürfte nun kein Business-as-usual betreiben. "Wenn die richtige Person kommt, werden die Menschen auch hier eine Handgranate ins System werfen wollen." Pleitgen pflichtete ihr selbstkritisch bei: "Stigmatisieren wir nicht Leute mit einer anderen Meinung und schließen sie dadurch von unserer Gesellschaft aus?"

Kampfbegriff: political correctness

An dieser Stelle muss Beatrix von Storch innerlich frohlockt haben: Schließlich ist es ihre Partei, die immer wieder die angebliche Überhöhung von political correctness in der Gesellschaft anprangert, die das unsägliche "Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!" zum Kampfbegriff und Instrument für die Verbreitung von Ressentiments erhoben hat und damit die Elitenverdrossenheit noch befördert.


Eben diesen Eliten steht nun ein Tanz auf dem Vulkan bevor, wollen sie eine Trumpisierung Deutschlands noch verhindern. Niemand mag es, wenn er sich von oben herab belehrt fühlt. Die Folge ist blinder Trotz, der selbst die besten Argumente wirkungslos verpuffen lässt. Der Ton macht eben doch die Musik. Doch bei aller Öffnung gegenüber den teilweise begründeten, teilweise unbegründeten Ängsten der  Menschen, müssen Rassismus, Homophobie und Frauenfeindlichkeit dort, wo sie auftreten, weiter klar benannt und bekämpft werden.

Über die eigene Hybris gestolpert

Wie schwer dieser Weg noch sein wird, hat die Talkrunde eher unfreiwillig gezeigt: Die verbalen Spitzen, mit der Talkmaster Plasberg von Storch aus dem Konzept bringen wollte, liefen nämlich auch deshalb ins Leere, weil sie in eben jenem Duktus spöttisch-moralischer Überlegenheit abgefeuert wurden, den sich das Establishment im Kontakt mit denen, die sich der Gesellschaft nicht mehr zugehörig fühlen, möglichst schnell abgewöhnen muss. Wie es besser geht, hat Plasbergs Kollegin Dunja Hayali übrigens vor einigen Wochen vorgemacht: Entzauberung nicht durch Spott und Überlegenheitsgebaren, sondern durch hartes, detailliertes Nachfragen

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