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10. Januar 2012, 08:15 Uhr

Wulff als Nacktmull am Stammtisch

Christian Wulff und sein Privatleben lägen doch inzwischen da wie ein "Nacktmull": Die Bemerkung des Journalisten Hajo Schumacher sorgte für reichlich Heiterkeit im Studio. Und auch sonst ging es eher unterhaltsam als "Hart aber fair" zu bei Frank Plasbergs Stammtisch zum Bundespräsidenten. Von Christoph Forsthoff

"Was lehrt der Fall Wulff?": "Hart aber fair"-Moderator Frank Plasberg verhob sich schon mit der Titelfrage seiner Talkshow© Illustration Philipp Möller

Hat das nicht allmählich auch Stammtischniveau?" Mochte die Frage Fritz Pleitgens auch mehr rhetorischer Natur gewesen sein, spätestens in der letzten Viertelstunde rutschte die Plasbergsche Talkrunde um den "Pattex-Präsidenten" tatsächlich auf selbige Ebene ab. Hier noch eine ganz aktuelle Umfrage, nach der ebenso viele ARD-Zuschauer den Rücktritt von Christian Wulff fordern wie ablehnen, dort die kleine filmische Spielerei eines SMS-Wechsels zwischen der Kanzlerin und dem SPD-Vorsitzenden; dazu der Redaktions-Vorschlag nun doch den seinerzeit unterlegenen Joachim Gauck zum neuen Staatsoberhaupt zu machen - und als unterhaltsamer Höhepunkt die sichtlich erschrocken-abwehrende Reaktion von SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles auf die Idee, ob sie nicht mal bei ihrem Parteichef Sigmar Gabriel übernachten wolle: "Oh, nee…"

Spätestens da hatte sich Frank Plasberg von jeder ernstzunehmenden Diskussion verabschiedet, nachdem der Moderator bereits zuvor durch seine nassforsche Art immer wieder nicht nur seine Gäste unterbrochen, sondern auch jede mögliche echte Debatte verhindert hatte. Oder sollte diese seltsam anmutende Form des Infotainments der Verzweiflung über seine einstelligen Einschaltquoten geschuldet gewesen sein?

"Es ist eine kleinkarierte Geschichte"

Der längst auf den Boden der harten Zahlen gefallene ehemalige Talk-Liebling der ARD hat(te) es natürlich auch schwer: Nachdem tags zuvor Kollege Günther Jauch bereits das Präsidententhema aufgerufen hatte, musste nun der 54-Jährige versuchen, mit einem anderen Dreh der gleichen Geschichte nachzulegen. Und verhob sich dabei schon mit seiner Titelfrage "Was lehrt der Fall Wulff?" gewaltig: Schließlich ist die Diskussion um den Bundespräsidenten noch längst nicht beendet, so dass hier bestenfalls von Momentaufnahmen, ganz sicher aber nicht von Lehren gesprochen werden kann.

Vor allem aber sei in dieser andauernden Diskussion mittlerweile offenbar jedes Gefühl für die Wertigkeit des Themas verlorengegangen, kritisierte der langjährige ARD-Korrespondent und WDR-Intendant Pleitgen: "Wenn sich jemand unangemessen benimmt, müssen wir uns nicht auch noch unangemessen benehmen." Und erfuhr darin Rückendeckung von Hans Leyendecker: "Es ist eine kleinkarierte Geschichte", stellte der Journalist der Süddeutschen Zeitung ganz nüchtern zu den Wulff vorgeworfenen Verfehlungen fest - die allerdings auch vom Bundespräsidenten kleinkariert behandelt worden sei und werde.

Jeder echte Konfliktstoff erledigt

Was dann auch schon eines der Probleme dieser Talkrunde verdeutlichte: Längst herrscht auch in weiten Teilen der Bevölkerung darüber Konsens, dass Wulff sich nicht nur mit seinen Gratisurlauben und Hauskrediten unangemessen verhalten, sondern auch auf deren Veröffentlichung alles andere als präsidial reagiert hat - selbst CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe räumte eine, eine "völlige Aufklärung von Anfang an" wäre besser gewesen.

Doch mit eben dieser grundsätzlichen Einigkeit hat sich auch jeder echte Konfliktstoff für eine anregende oder gar vertiefende Diskussion erledigt, sodass bestenfalls noch kleine parteipolitisch motivierte Zänkereien bleiben, derer die meisten Zuschauer indes längst überdrüssig sind. Wen interessiert es schon ernsthaft, ob Nahles Wulff für ein geeignetes Vorbild für Schulklassen hält oder Gröhe glaubt, der Bundespräsident könne das verlorengegangene Vertrauen wieder zurückgewinnen?

"Ganz fürchterliche Leidensgeschichte"

So stand am Ende auch hier mehr Unterhaltsames als Nachhaltiges: Der ehemalige "Spiegel"-Redakteur Hajo Schumacher bekundete kein Interesse an weiteren Einzelheiten über das "Fichteninterieur" von Wulffs Ferienwohnungen und prognostizierte mit Blick auf dessen kommende drei Amtsjahre das "spannende Experiment" einer "ganz fürchterlichen Leidensgeschichte".

Leyendecker wies mit gespielter Empörung auf die bizarre Situation hin, dass durch das Verhalten des Bundespräsidenten nun ausgerechnet der Chefredakteur der "Bild"-Zeitung "sich hier wie ein Staatsmann aufführen kann": "Das werfe ich Herrn Wulff am meisten vor!" Und wer es zuvor noch nicht gewusst hatte, dem dürfte zumindest nun klar geworden sein, dass letztlich nur Wulff selbst für ein vorzeitiges Ende seiner Amtszeit sorgen könnte. Plasberg indes dürfte mit solch gehobenen Stammtischrunden seine Quoten kaum verbessern.

Von Christoph Forsthoff
 
 
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