22. April 2012, 21:45 Uhr

Blut, Humor und De­kolle­té

Zum dritten Mal ermittelten die Frankfurter Kommissare. Es macht Spaß, der forschen Polizistin und ihrem bärbeißigen Kollegen zuzuschauen. Doch die düstere Geschichte hatte manche Haken. Von Jan Rößmann

Tatort, Frankfurt, Conny Mey, Frank Steier, Joachim Król, Nina Kunzendorf

Hart aber herzlich: Die Kommissare Conny Mey (Nina Kunzendorf) und Frank Steier (Joachim Król) beschimpfen sich beim Ermitteln gegenseitig.©

Gleich vorweg: "Es ist böse" ist ein guter "Tatort". Wegen des spannenden Anfangs, der unterhaltsamen Kommissare und der dichten Atmosphäre - allerdings nicht wegen der Story, denn die ist einfallslos. Dabei beginnt der dritte Fall des Frankfurter Duos packend. Ein Herz pumpt. Bässe wummern bedrohlich. Ein Killer wickelt sich selbst in Klarsichtfolie ein. Schnitt. „Es ist böse“, seufzt Kommissar Frank Steier (Joachim Król) direkt nach der Begrüßung seiner Kollegin und führt Conny Mey (Nina Kunzendorf) zum Tatort. Die Kamera gibt den Blick frei auf das brutale Werk eines Raubmörders, der offenbar hasserfüllt eine Prostituierte aufgeschlitzt hat – Dutzende Messerstiche und Kehlkopfschnitt inklusive – und dennoch ihr Geld mitnahm. Wer macht sowas? Und warum?

Zuerst gerät der Ex-Mann des Opfers in Verdacht (Uwe Bohm). Auf der Suche nach dem Serienmörder muten die Drehbuchautoren dem Zuschauer weitere blutige Bilder und übel zugerichtete Leichen zu. Die passende Kameraführung von Armin Alker, die streckenweise den Einfallsreichtum US-amerikanischer Serienproduktionen zeigt, hält das Publikum bei der Stange: Fahrten durch lange Gänge, Schemen im Gegenlicht sowie immer wieder Schnitte auf das grausame Werk des Killers. Die sparsame Musik untermalt verstörende Szenen.

Dagegen sorgt das grundsympathische Kommissar-Duo fürs Wellnessprogramm. Unterhaltsam beschimpfen die Ermittler sich gegenseitig als "Tussi aus 'nem Mannheimer Prollviertel" und "Kotzbrocken, der es sich in der zweiten Reihe gemütlich macht". Solche Charaktere machen den "Tatort" seit mehr als 40 Jahren erfolgreich.

Man möchte den Bullen knuddeln

Riesenohrringe, enge Jeans, tiefes Dekollete: Nina Kunzendorf (40) sieht aus wie Nelly Furtado und schimpft wie Ruhrpott-Prolet Ralf Richter. Sie spielt Mey ehrgeizig und angriffslustig, fast machohaft. "Der Chef meint, ihr könnt jede Hilfe gebrauchen", begrüßt der geltungssüchtige Polizeikollege Seidel (Peter Kurth) das Team. Mey keift zurück: "Ja, was machen Sie dann hier?" Erfrischend.

Und Joachim Król gehört ohnehin zu den sympathischsten Schauspielern Deutschlands. Selbst wenn er als Steier einen Reporter auf dem Stehklo bedroht, weil der öffentlich gegen seine Partnerin schießt, wirkt der 54-Jährige, als wolle er seine Tochter beschützen. Dabei hat die schlagfertige Mey solchen Schutz nicht nötig. Król gibt den Papi unter den Tatort-Kommissaren. Intelligent, illusionslos, aber warmherzig - man möchte den Bullen knuddeln. Kein Wunder, dass das Duo schon bei seinem ersten Einsatz vor fast einem Jahr die Intendanten des Hessischen Rundfunks mit Traumquoten euphorisierte. Für den zweiten Fall, "Der Tote im Nachtzug", räumten die Schauspieler gar den Deutschen Fernsehkrimipreis ab.

Das ungleiche Paar, die Bilder und die Musik unterhalten besser als die abflachende Geschichte. Ein perverser Serienmörder, der Prostituierte absticht? Gähn. Das ist auch deshalb schade, weil als Vorlage für diesen "Tatort" ein authentischer Fall diente; ein Kapitel aus dem Buch "Auf der Spur des Bösen" des Profilers Axel Petermann.

Berechnende Mörder sind spannender

Auch der unnötige Nebenstrang langweilt: Conny Mey leidet im Laufe der Geschichte mehr und mehr an Tinnitus und Nervenschwäche. Das kennen "Tatort"-Fans schon, im vorherigen Fall kämpfte Steier mit einem Alkoholproblem. Der Spannungsbogen erschlafft und die Kommissare verzetteln sich. Mal ist das Ermittlerduo dem schmierigen Schreiber Eggers auf den Fersen, dann könnte doch wieder der sexbesessene Ex-Mann der ersten Toten der Mörder sein. Die dunklen Kulissen und bedrohlichen Effekte wirken immer schwerfälliger. Das Finale kommt arg klischeehaft daher: Da muss wieder eine fiese Kindheit herhalten als Grund für grausame Gewalt, der Killer wird auf ein Produkt seiner schlechten Erfahrungen reduziert. Dabei sind berechnende Mörder mit freiem Willen viel spannender.

Regisseur Lars Kraume hatte schon während der Dreharbeiten zu seinen Filmen mit Król und Kunzendorf das Gefühl, dass er mit dem brummigen Kommissar Steier vor dunklen Frankfurter Fassaden Zuschauer vergrault und wollte Szenen nachdrehen. Króls Schauspiel bedarf jedoch keiner weiteren Klappe. "Entspann dich, das einzige, was mir nicht passieren kann, ist, unsympathisch zu wirken", beruhigte der Schauspieler seinen Regisseur. Deswegen gucken wir ihm ja so gern zu.

Jan Rößmann
 
 
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