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Schluss mit der Transparenzdebatte!

"Wollen wir den gläsernen Abgeordneten?" fragte Günther Jauch in die Runde. Die Antworten wirkten sattsam bekannt. Nur ein ehemaliger Minister machte deutlich, dass ihm die Debatte ziemlich egal ist.

Von Ina Linden

  "Wann wird es mal wieder richtig Sommer?": Günther Jauch hat die brennenden Fragen.

"Wann wird es mal wieder richtig Sommer?": Günther Jauch hat die brennenden Fragen.

  • Ina Linden

Michael Glos muss überlegen. Der Vorsitzende der Piratenpartei, Bernd Schlömer, hatte ihn gefragt, wie viele Nebentätigkeiten er zusätzlich zu seinem Amt als Bundestagsabgeordneter noch ausübt. "Ich habe das nicht alle im Kopf", sagt Glos gut gelaunt. "Ungefähr zehn, die allermeisten davon unbezahlt." Auch auf die Frage von Günther Jauch, warum er nicht offenlege, wer ihn für welche Nebentätigkeit in welcher Höhe bezahlt, antwortet der ehemalige Bundeswirtschaftsminister: "Warum soll ich eine Sonderrolle spielen? Der Streber war nie sehr beliebt in der Klasse."

Glos' Reaktion zeigt, dass ihm die ganze Transparenzdebatte um die Nebeneinkünfte von Abgeordneten relativ egal ist. Er hat zwar grundsätzlich nichts dagegen, seine Tätigkeiten einzeln nach genauer Einkommenshöhe und jeweiligem Auftraggeber aufzulisten, wie es SPD, Grüne und Linke fordern, aber aus der Ruhe bringen, lässt er sich nicht, auch wenn Jauch es mit mehrmaligem teils hitzigen Nachhaken redlich probiert.

Identische Debatte bei Illner

Auch die anderen Talkshow-Gäste - Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl, Publizist Jakob Augstein, Piratenpartei-Chef Bernd Schlömer und SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles - ließen sich in Jauchs Runde zum Thema "Total transparent- wollen wir den gläsernen Abgeordneten?" selten zu Emotionen hinreißen, was beim Sujet auch nicht weiter verwunderte. Schließlich hatte sich Talkfrau Maybrit Illner mit ihren Gästen erst vor wenigen Tagen eine Diskussion zum fast identischen Thema geliefert. Dazu beherrscht die Debatte um Nebentätigkeiten und Transparenz, angestoßen durch die rege Vortragstätigkeit des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, seit Wochen die Öffentlichkeit - und auch Jauch, der den ehemaligen Finanzminister zu diesem Thema erst vor zwei Wochen einvernahm.

So durfte Andreas Nahles ausgedehnt die SPD-These vertreten, dass sie nichts gegen Nebentätigkeiten von Abgeordneten hat, solange sie diese nach Auftraggeber und jeweiliger Vergütung offenlegen und ihre Unabhängigkeit wahren. Aus der Ruhe geriet die sonst oftmals streitlustige SPD-Linke erst, als Modeunternehmer Wöhrl in den Raum stellte, Abgeordnete ohne Nebentätigkeit seien in ihrem Beruf vielleicht schlicht nicht gut genug. "Das fasse ich als persönliche Beleidigung auf", entgegnete Nahles.

Piratenchef Schlömer wiederholte gebetsmühlenartig seine These, Politiker müssten mit Transparenz Bürgervertrauen zurückgewinnen und sprach von Offenheit und Transparenz als Bürgerrechten - Sätze, die zu vielen anderen politischen Diskussionen genauso gut gepasst hätten. Unterstützt wurde der Pirat von Publizist Augstein, der stets die Sonderrolle des Politikers herausstellte, der sich unabhängig von Klientelinteressen zeigen müsse und in Zeiten des Internets nicht mehr einmauern dürfe.

Jauch im Angriffsmodus

Wöhrl hingegen nahm die Rolle ein, die Wolfgang Kubicki in der Illner-Runde gespielt hatte. Er betonte, sich einen Bundestag ohne die Lebenserfahrung berufstätiger Volksvertreter nicht vorstellen zu können und hält den engagierten Job des Abgeordneten als absolut vereinbar mit anderen Berufen.

Jauch selbst zeigte nach anfänglichem Warmlaufen zunehmende Angriffslust, ohne die Diskussion wesentlich vertiefen zu können. Die stärksten Momente hatte der Moderator, wenn er vom eigentlichen Kernthema abwich. "Geht es nicht darum, dass wir auch neugierig, voyeuristisch sind?", reduzierte er die Debatte jenseits von Korruptionsaspekten und ernsthaftem Engagement von Parlamentsvertretern auf die Neidfrage. Leider ließ sich der Fernsehmann das Thema von Augstein zu schnell wieder aus der Hand nehmen. Ähnlich erging es Jauch mit Michael Glos, den er mit der Frage, ob er mit einem Besuch als Berater eines Unternehmens in Aserbaidschan nicht einen totalitären Staat aufwerte, kurzzeitig ordentlich erzürnte.

Schließlich stellte Jauch noch für einen Moment seinen Unterhaltungswert unter Beweis, als er auf den Vorschlag von Wöhrl, Politiker sollten doch von sich aus - wie in einer schnöden Gehaltsverhandlung - fordern, wie viel sie verdienen möchten, entgegnete: "Wird dann nicht der Billigste gewählt?"

Ein wenig mehr ironische Distanz kann der ausgewalzten Transparenzdebatte tatsächlich nur gut tun. Auf zu neuen Themen.

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