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Sie sind nur Kachelmann!

Der PR-Versuch ging nach hinten los. Jörg Kachelmann durfte bei Günther Jauch zwar ungehindert gegen die böse Justiz wettern. Doch dann nahm ihn sich einer seiner Mitdiskutanten zur Brust.

Von Christoph Forsthoff

  Günther Jauch (l.) scheiterte mit dem Versuch, das Boulevard-Thema Kachelmann mit gesellschaftlicher Relevanz aufzuladen

Günther Jauch (l.) scheiterte mit dem Versuch, das Boulevard-Thema Kachelmann mit gesellschaftlicher Relevanz aufzuladen

"Ich weiß, dass wir alle relativ unbefriedigt hier rausgehen werden." Wie schön, dass zumindest Günther Jauch am Ende des Abends einen Erkenntnisgewinn aus der soeben verkorksten Talkstunde mitgenommen hatte. Für alle übrigen blieb nach seiner Diskussionsrunde (wieder einmal) nur das Fazit: Außer teuren GEZ-Spesen inhaltlich nichts gewesen.

Was keinen wirklich überraschen konnte, wie bereits auch die Diskussion im Online-Forum seiner Sendung im Vorfeld gezeigt hatte: Wer glaubt, aus dem persönlichen Fall des Wettermoderators Jörg Kachelmann allgemeine Betrachtungen zu Vorverurteilungen und Justizirrtümern in Deutschland ableiten zu können, der ist entweder naiv - oder kalkuliert ganz bewusst mit der Quotentauglichkeit des prominenten Namens.

Und wer dann noch das gerade veröffentlichte Buch des 54-Jährigen und seiner Ehefrau Miriam zum Aufhänger für eine Sendung macht, muss sich zumindest fragen lassen, ob dies nicht dem Rundfunkstaatsvertrag widerspricht, wo es heißt: "Schleichwerbung, Produkt- und Themenplatzierung sowie entsprechende Praktiken sind unzulässig."

Kachelmann teilt aus - Rest der Runde reagiert

Denn mit dem eigentlichen Auftrag, gesellschaftlich relevante Themen zu diskutieren, hatte dieser Abend rein gar nichts zu tun. Was Kachelmann bereits eingangs selbst feststellte: Sein Fall sei "nicht auf andere Fälle übertragbar", er "taugt nicht als Beispiel".

Und doch ging es im weiteren Verlauf der Diskussion immer wieder um sein Verfahren, das im vergangenen Jahr mit einem Freispruch für den Wettermoderator geendet hatte, ohne dass die Richter von dessen Unschuld überzeugt waren. Unwidersprochen durften der Schweizer und seine 26-jährige Gattin nun also heftigste Vorwürfe gegen das Mannheimer Gericht und die dortige Staatsanwaltschaft richten, die von Anfang an versucht hätten, aus dem Verfahren eine "Moraldiskussion" zu machen und ihn "liebend gern verknackt" hätten. Kachelmann teilte aus - nicht zuletzt gegen die angebliche "Falschbeschuldigerin", die ihn 2010 der Vergewaltigung und gefährlichen Körperverletzung bezichtigt und damit den Prozess gegen ihn ausgelöst hatte - und der Rest der Runde reagierte.

Tiedje attestiert Kachelmann "miesen Charakter"

Entweder in bissig-verletzendem Ton wie Ex-"Bild"-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje, der das Buch kurzerhand abkanzelte ("Man muss es wirklich nicht lesen") und dem Autor ob seiner zahlreichen Frauengeschichten einen "miesen Charakter" attestierte: "Sie kommen so nett daher, ich kann mir das vorstellen, wie Sie irgendwelchen Frauen die Stradivari vorgespielt haben."

Empört wie Ex-Bundesinnenminister Gerhart Baum, der Kachelmanns Unterstellung, das Gericht habe aus Angst vor möglichen Strafzahlungen des Landes Baden-Württemberg seine Vorbehalte im Urteil formulieren müssen, als "abenteuerlich" zurückwies. Oder im besten Fall mit dem Versuch einer Abstraktion: "Überall dort, wo sich ein Geschehen zwischen zwei Personen abspielt, sind Falschbeschuldigungen möglich", konstatierte Winfried Hassemer, ehemaliger Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichtes.

"Nur Kachelmann, der gute alte Wetterfuzzi"

Ansonsten aber taugte diese Runde allenfalls noch für psychologische Betrachtungen: Wie etwa die laut Selbstdarstellung ausgebildete Schauspielerin und Psychologiestudentin Miriam Kachelmann den Fall ihres Gatten mittlerweile zu ihrem eigenen gemacht hat und sich nun auf einem Kreuzzug gegen (vermeintliche) Ungerechtigkeiten der Justiz sieht. Dass offenbar "Prominenz" dazu verleitet, persönliche Erfahrungen zu verallgemeinern und mal kurzerhand das gesamte Rechtssystem eines Staates in Frage zu stellen. Oder wie grandios Jauch mit seinen Frage-Versuchen scheiterte, dieses am Ende doch nur boulevardeske Thema auf eine gesellschaftlich relevante Ebene zu hieven. Ja, selbst Beleidigungen untereinander nicht mehr widersprach: "Sie stilisieren sich hier als Opferanwalt", durfte da Tiedje unbehelligt poltern. "Sie sind aber keine historische Figur, sie sind nur Kachelmann, der gute alte Wetterfuzzi." Ausfälle, die dann zumindest den einen oder anderen Voyeur befriedigt haben mögen.

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