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Massenbordelle und Flatrate-Sex

Zehn Jahre Prostitutionsgesetz: Die Bilanz bei "Maischberger" fällt allenthalben kritisch aus. Doch ansonsten sind die Fronten gewohnt verhärtet.

Von Jan Zier

Schafft Prostitution ab! So richtig fordert das hierzulande grad niemand in der Politik, aber das macht ja nichts. Prostitution, das geht immer. Also: Als Talkshow-Thema. Und natürlich als Geschäft.

Seit zehn Jahren ist Prostitution in Deutschland nicht mehr "sittenwidrig", rein gesetzlich betrachtet. Und die Bilanz dieser rot-grünen Novelle ist, sagt Alice Schwarzer, eine "Katastrophe", Deutschland seither eine "Drehscheibe des Menschenhandels". Aber von der ewigen Feministin hätte man auch kaum anderes erwartet. Entsprechend verkniffen guckt sie auch drein, bei Sandra Maischberger auf dem Sofa. "Das ist kein Beruf", sagt sie, immer wieder, schon gar nicht einer wie jeder anderer. Und es gehe bei Prostitution auch nicht um Sex, sagt Schwarzer, sondern um Macht. Soweit, so Schwarzer. Irgendwie hofft sie immer noch, Prostitution könnte dereinst geächtet werden wie einst die Sklaverei. Und, ja, sie will Strafen für Freier.

Die Positionen in dieser Debatte, sie sind abgesteckt, seit langem schon. Und da will sich auch niemand so richtig auf den anderen zubewegen. Deswegen reden sie auch alle durcheinander an diesem Abend, Alice Schwarzer und Volker Beck, der parlamentarische Geschäftsführer der grünen Bundestagsfraktion, einst Initiator des Prostitutionsgesetzes. Sabine Constabel, die seit 20 Jahren als Sozialarbeiterin Prostituierte betreut und Jürgen Rudloff, Herr über eines der größten Bordelle Europas.

"Es gibt keine glücklichen Huren"

Immerhin, auch Becks Bilanz fällt selbstkritisch aus. Das Gesetz sei auf halbem Wege stehen geblieben, Prostitution, so seine Idee, sollte eine "ganz normale Dienstleistung" werden - "ist es aber nicht", sagt Beck, der gerne das Gewerberecht ändern würde, um Clubs und Bordelle besser kontrollieren zu können. Doch immerhin gebe es jetzt mehr krankenversicherte Prostituierte als früher.

"Es gibt keine glücklichen Huren", sagt Constabel dann, und da hilft es auch nichts, dass neben ihr Kyra sitzt, eine selbstständige Prostituierte ohne Zuhälter, mit 30 seit zehn Jahren im Milieu aktiv. Freiwillig, wie sie sagt, und ohne Zwang. Doch auch Kyras Bilanz des rot-grünen Gesetzes fällt kritisch aus – Massenbordelle und Flatrate-Sex, das habe es so vorher nicht gegeben. Doch Frauen wir Kyra, sagt Constabel, seien die Minderheit. Und natürlich auch nicht glücklich. 80 Prozent aller Prostituierten käme aus dem ¬ vorwiegend osteuropäischen ¬ Ausland, viele, weil sie ebenda keine Perspektive hätten.

"Es würde mir das Herz zerreißen"

Das ist der Punkt, wo Beck gerne auch über "haushaltsnahe Dienstleistungen" reden würde, wobei er nicht Sex meint, sondern all die stillschweigend geduldeten Pflegekräfte, die hierzulande arbeiten, mehr oder minder illegal. Und auch diese kommen meist aus Osteuropa, und auch meist wegen des Geldes, und nicht, weil sie den Job als Berufung empfinden. Aber soweit soll die Diskussion dann doch nicht von gewohnten Pfaden abweichen. Und auch Kyras Einwand, Armutsprostitution sei eher ein Ausweg und nicht die Wurzel des Übels verhallt irgendwie. Lieber will Frau Schwarzer noch ausführlicher über das Frauenbild von Freiern reden. Und über Herrn Rudloffs Doppelmoral, weil er sagt: "Es würde mir das Herz zerreißen, wenn meine Tochter Prostituierte würde."

Frankreich debattiert gerade, ob Freier mit 3,750 Euro Geldstrafe oder zwei Monaten Knast belangt werden sollten. Schweden hat ähnliche Regelungen schon länger. Und die Bilanz? Unklar. Das ist schade. Denn das hätte die Debatte mal wirklich vorangebracht.

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