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16. Januar 2012, 09:15 Uhr

Ach, du dicke Neune!

Gerade hatten wir gedacht, Günther Jauch sei mit seiner Sonntagsrunde auf einem guten Weg, da kam es wieder ganz dicke: "Deutschland, ein Land der Übergewichtigen - machen all die Fette(n) unsere Gesellschaft krank?" Eine Diskussion, die nicht nur von ihrer Beliebigkeit plattgemacht wurde. Von Christoph Forsthoff

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Rückfall in alte Zeiten: Talkmaster Günther Jauch landete mit dem Thema Übergewicht im Abseits© Illustration: Philipp Möller/stern.de

Beliebiger geht's kaum noch: Das Thema der Woche will Günther Jauch sonntags mit seinen Gästen diskutieren, doch was stand stattdessen gestern Abend auf dem Speiseplan? "Deutschland XXL - Brauchen wir Steuern auf Dickmacher?" Aktualitätsbezug keiner, die gefühlte Brisanz irgendwo zwischen Gleichgültigkeit und "Oh, nicht schon wieder", die Argumente so ausgelutscht, dass eine echte Kontroverse kaum möglich war. Und wir uns fragten, warum denn nach den beiden letzten anregenden Sendungen die Redaktion nun wieder den Weg zurück zum Jauchschen Magazinformat vergangener Zeiten mit einem halben Dutzend Einspielfilmchen antrat?

Gut, nochmals eine Debatte zum strauchelnden Bundespräsidenten hätte es vielleicht nicht unbedingt sein müssen - auch wenn der unterhaltsamste Satz des Abends in diesem Zusammenhang stand: "Ich habe gewulfft", bekannte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, als er einen Schokoriegel aus der Tasche zog, den er "ohne zu bezahlen" in der Studiokantine mitgenommen habe; doch die Herabstufung von neun Staaten des Euro-Raumes durch die Ratingagentur Standard & Poors am Freitagabend oder auch das sich verschärfende Spiel des Irans mit der Ölwaffe wären zweifellos nicht nur aktuellere, sondern auch politisch gewichtigere Themen gewesen.

Verhandlung von Schwergewichten

Stattdessen also nun die Verhandlung von Schwergewichten: Jeder zweite deutsche Erwachsene ist zu dick, über 15 Prozent gelten gar als fettleibig (das auch in der Sendung gepflegte, wissenschaftliche Verniedlichungsgeschwafel von "Adipositas" sparen wir uns an dieser Stelle) - da präsentierte Jauch natürlich auch gleich ein lebendes Beispiel. Helga Fernandez Kettler, einst bei 175 Kilo, nun nach einem Gewichtsverlust von 40 Kilo in einem Monat auf dem schweren Weg zu einem gesunden Leben. Warum sie denn so viel gefuttert habe, wollte er wissen? Aus Stress, Traurigkeit und um zu verdrängen, lautete die Antwort. Essen als Suchtmittel - welch neue Erkenntniss…

Und damit das Ganze dann auch die nötige Dramatik bekam, durfte die sie begleitende Therapeutin Dorit Roeper gleich noch feststellen, das zunehmende Übergewicht in der deutschen Bevölkerung sei "erst der Anfang einer Epidemie-Flutwelle" mit Blick auf die vielen daraus resultierenden Folgeerkrankungen. Noch so eine brandneue Analyse…

"Je ungebildeter, desto dicker"

Entsprechend kurz und knapp lassen sich denn auch die in den folgenden 50 Minuten angeführten Gründe und Hintergründe für das Problem zusammenfassen: Es fehlt an frühzeitiger Aufklärung und Wissen über Ernährung wie auch über die Zubereitung gesunder Mahlzeiten - "je ungebildeter, desto dicker", brachte es Jauch auf den Punkt. Zudem mangele es gerade bei jungen Menschen in "hohem Maße an Bewegung", zitierte Werner Wolf, Präsident des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde, aus einer aktuellen Studie. Und auch das Futtern aus Frust wie aus Stress sei mittlerweile weit verbreitet, stellte Dagmar von Cramm, Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, fest: Viele übergewichtige Menschen "sind allein und unausgefüllt".

Da hätte sich jetzt die Frage angeboten, was denn die beste Aufklärung bringt, wenn in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen vereinsamen und eben deshalb essen - aber das wäre dann doch zu viel der Tiefgründigkeit für eine Talkshow gewesen.

Bonmots statt Erkenntnisgewinn

Also lieber einen Ansatz wie Steuern auf zu viel Salz, Fett oder Zucker aufgreifen, der derzeit schon in Ungarn, Dänemark und Frankreich erprobt wird, doch in dieser Runde parteiübergreifend abgelehnt wurde. "Ich habe erhebliche Zweifel, ob man über Steuern Ernährungsgewohnheiten umstellen kann", meinte Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner - das sei doch wohl eher eine Möglichkeit, die Staatskasse aufzubessern. Streit gab's allein über die von Lauterbach geforderte Lebensmittel-Ampel, die die CSU-Ministerin nicht zuletzt mit Verweis auf die fehlende Unterstützung in der Europäischen Union ablehnte.

Die Frage (und Antwort), ob sich das Ganze nicht auch im nationalen Alleingang beschließen lasse, verpennte der Moderator leider. Dafür gab's nette Bonmots wie von Wolf - "Wenn Sie sich nur von Äpfeln ernähren, werden Sie irgendwann auch tot umfallen" oder der neunmalklugen Sängerin Maite Kelly: "Süßstoff ist erfunden worden, um Schweine zu mästen - und es macht mich dick."

Bleibt die Hoffnung, dass die Geschehnisse der neuen Woche die Redaktion kommenden Sonntag zu einem spannenderen Thema zwingen.

Von Christoph Forsthoff
 
 
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