5. November 2012, 06:57 Uhr

Suggestivfragen vom Oma-Versteher

Es menschelte mal wieder richtig nett bei Günther Jauch. Dabei ging es doch um ein brisantes Thema: Altenpflege. Doch statt ernsthaftem Polittalk gab es Undercover-Tests aus deutschen Pflegeheimen. Von Christoph Forsthoff

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Moderator Günther Jauch diskutierte über Altenpflege.©

Von Frank Plasberg habe ich keinen Blumenstrauß bekommen." Helmi Uebach strahlte über das ganze Gesicht, als Günther Jauch der 97-Jährigen zum Schluss der Sendung noch ein hübsches Bukett in die Hände drückte - und natürlich werde sie zu ihrem 100. Geburtstag gern wiederkommen, versprach die Seniorin. Ja, der Jauch versteht es eben, die netten alten Damen mit seinem charmant-verschmitzten Lächeln einzuwickeln: Mag es auch nicht ganz reichen für die "Oma-Knutscher"-Qualitäten des Bremer Altbürgermeisters Henning Scherf, als Oma-Schnacker macht dem Moderator so schnell keiner etwas vor.

Was all das mit der 60-minütigen, vermeintlichen Talkshow zuvor zum Thema "Kostenfaktor Oma – wird Pflege unbezahlbar?" zu tun hatte? Nichts. Aber um eine ernsthafte Aufbereitung, gar Diskussion von Themen geschweige denn politischen Inhalten scheint es am Sonntagabend um 21.45 Uhr ja schon länger nicht mehr zu gehen. Und "droht" das Gespräch dann doch einmal konkreter zu werden wie hier kurz vor Ende der Sendung, als Ex-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) und Unions-Gesundheitsexperte Jens Spahn sich ein klein wenig mehr über Bürokratieanforderungen an Alten- und Pflegeheime auslassen, dann ist da schwupp-di-wupp auch schon der Jauch dazwischen: "Sie merken ja, dass wir jetzt in die Details kommen..." Und das will der 56-jährige Moderator natürlich unter allen Umständen vermeiden und wechselt umgehend das Thema und den Gesprächspartner. "Macht die Politik alles richtig oder sind Sie da sauer?" fragt er Carola Ferstl. Eine Suggestiv-Frage, die dann aber offenbar auch der TV-Kollegin allzu plump ist und in allgemeine Betrachtungen flüchten lässt.

Mit der plumpen Machart einer Boulevardzeitung

Nein, eine ernsthafte Diskussion kommt an diesem Abend nicht zustande. Jauch fragt ab, nimmt aber die Antworten kaum einmal auf oder nutzt sie für eine Auseinandersetzung in der Runde. Stattdessen gibt es Einspielfilme über Undercover-Tests in deutschen Pflegeheimen, die natürlich miserable Zustände und Ergebnisse ans Licht bringen, doch in ihrer plumpen Machart jede Boulevardzeitung als ein hochseriöses Intelligenzblatt erscheinen lassen. Oder das Projekt eines Alzheimer-Zentrums in Thailand als ernsthafte Alternative für die hiesigen Pflegeprobleme darstellen - dabei sagt dessen Gründer Martin Woodtli in der Sendung selbst, dass es keineswegs darum gehe, nun zahlreiche solcher Einrichtungen in Fernost aufzubauen, sondern lediglich um "Überlegungen, wie wir zusätzlich zu unseren Angeboten neue Ideen entwickeln können".

Milchmädchenrechnung und populistische Fragen

Zwischendurch wird dann nochmal kurz das Finanzierungsproblem in Deutschland mittels einer nachgestellten Milchmädchenrechnung für eine 80-jährige Witwe angerissen und Günter Schröder, Leiter eines katholischen Alten- und Pflegeheims, darf feststellen, "80 Prozent sind Personalkosten", denn der Gesetzgeber verlange "rund um die Uhr 50 Prozent examinierte Fachkräfte". Was Jauch dann offenbar schon wieder zuviel des Hintergrundwissens ist und populistisch fragen lässt: "Brauchen Demente rund um die Uhr Fachkräfte oder nicht eher ein Lachen und Zuwendung?" Pech, dass da Schmidt dann doch die Suggestivfragen leid ist und ihn aufklärt, dass Demenz keineswegs eine Alterserscheinung, sondern eine Erkrankung ist: "Diese Menschen brauchen Pflege durch Fachkräfte."

Fachleute, wie sie auch eine politische Talkshow eigentlich bräuchte, wollte diese ihrem Anspruch gerecht werden. Doch stattdessen begnügt man sich in der ARD mittlerweile mit einem Magazin auf dem Königsplatz des Polit-Talks - und selbst das ist noch so platt, reißerisch und negativ aufgemacht, dass Spahn um mehr Wertschätzung bittet für deutsches Pflegepersonal, das "mit sehr viel Empathie und Engagement" arbeite. Aber wen interessiert das schon, solange die Einschaltquote stimmt.

Von Christoph Forsthoff
 
 
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