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Was Jauch schon immer über Sex wissen wollte

Natascha Kampusch bleibt ein heikles Thema nicht erspart. Sensationsgier aber ist fehl am Platz. Die "Botschafterin des Überlebens" kommt in anderer Mission: Sie will Gewaltopfern Mut machen.

Von Sylvie-Sophie Schindler

  "Wann wird es mal wieder richtig Sommer?": Günther Jauch hat die brennenden Fragen.

"Wann wird es mal wieder richtig Sommer?": Günther Jauch hat die brennenden Fragen.

Natascha Kampusch, und das ist bekannt, will nicht darüber sprechen, ob es jemals Sex zwischen ihr und ihrem Entführer gegeben hat. Günther Jauch, nicht auf Indiskretion bedacht, fragte sie trotzdem danach. Wohl auch inspiriert von einem Spielfilm über das Martyrium des Entführungsopfers, der in wenigen Tagen in die Kinos kommt. Freilich kein Zufall, aber dazu später. Darin werden einschlägige Szenen gezeigt - und Jauch präsentierte Talkrunde und Publikum prompt einen kurzen Ausschnitt. Musste das sein? Macht Null Punkte auf einer Skala für Feingefühl.

Wenigstens ließ der Moderator das heikle Thema schnell vom Haken, vergewisserte sich nur noch: "Ist das jetzt das Signal für die Öffentlichkeit, so ist es gewesen, das können Sie jetzt sehen, aber lassen Sie mich damit jetzt in Ruhe?". Die knappe Antwort von Natascha Kampusch: "Ja, genau." Doch war es nicht die einzige Szene, die zur Ansicht freigegeben wurde, es wimmelte quasi davon: Die kleine Natascha, wie sie verzweifelt um Essen bettelt, die jugendliche Natascha, der die Flucht gelingt. Die nicht zu übersehende Werbung für den Kinofilm machte arge Bauchschmerzen. Dennoch: Zum Vorwurf gereicht sie nicht. Einfach auch deshalb, weil man mit allen Vorwürfen, die man der Sendung an diesem Sonntagabend machen könnte, und die gibt es durchaus, auf die falsche Fährte gerät.

"Den Erregungsdienst verweigern"

Man sollte besser mal "den Erregungsdienst verweigern" - so nennt das beispielsweise der Philosoph Peter Sloterdijk. Jedes Verbal-Gepöbel würde nur von der Relevanz des Themas ablenken. "Verschleppt und misshandelt - wie gelingt ein Leben danach?", der Titel zielt freilich, und da verstehen die Macher nun mal ihr Geschäft, auf die niederen Instinkte. Mögen für manche Zuschauer also Sensationsgier oder Voyeurismus die Triebfeder gewesen sein, um einzuschalten, so bleibt zu hoffen, dass sie darin nicht reglos verharrten. Denn auch wenn andere unsere schlimmsten Albträume erleben mussten, so können wir uns nicht einfach wegducken. Jede Misshandlung ist eine Misshandlung zuviel. Daraus erwächst gesellschaftliche Verantwortung. Und darüber muss gesprochen werden, und sei es, dass dies an besonders spektakulären Fällen verhandelt wird.

Natascha Kampusch gehört zu denen, die sich als Opfer von Gewalt nicht den Mund verbieten lassen. Gut so. Krisenpsychologe Georg Pieper nannte Kampusch ein "leuchtendes Beispiel", eine "Botschafterin des Überlebens". Auch, weil sie sich weigert, sich auf die Rolle des Opfers reduzieren zu lassen, sondern alles daran setzt, sich ihr eigenes Leben zu erobern. Das darf, das soll Mut machen. Denn, so Pieper: "Wir sind keine Marionetten des Schicksals."

"Wir bekommen lebenslänglich"

Aber: Kann man wirklich vergessen? "Wir bekommen lebenslänglich", sagte Johannes Erlemann, der heute noch Albträume hat, "mitunter jede Nacht". Elf Jahre war er alt, da wurde er entführt und musste zwei Wochen lang angekettet in einem winzigen Holzverschlag ausharren. Nach seiner Befreiung, so erzählte er, sei an Fußball nicht mehr zu denken gewesen: "Meine Kindheit war vorbei." Die Zeit danach, die Presse, der Rummel, seien allerdings ähnlich traumatisch gewesen, "ich wurde wie ein Vieh durchs Dorf getrieben." Dass auch er sich wie Kampusch nicht zum Opfer degradieren ließ, das still vor sich hin leidet, habe ihm nicht nur Sympathiepunkte gebracht. Übelsten Anfeindungen sieht sich Kampusch bis heute ausgesetzt, "weil ich mich anders verhalte, als es von einem Opfer erwartet wird." Jauch, auch hier wieder mit dem Holzhammer zugange, las aktuelle und besonders bösartige Internetkommentare vor. Kampusch, scheinbar niemals aus der Fassung zu bringen, erwiderte darauf: "Da sind viele Verletzungen bei den anderen geschehen, die überspielen das, weil sie nicht damit umgehen können."

Weil Natascha Kampusch zu zwei Dritteln der Sendezeit mit Fragen bombardiert wurde, deren Antworten man längst schon in ihrem im Jahr 2010 erschienen Buch nachlesen konnte, blieb für die anderen drei Talkgäste nur noch wenig Raum, insbesondere für Marcus Hellwig. Der Reporter hielt sich im Iran auf, um über eine zum Tode verurteilte Frau zu berichten. Er fiel der Staatsgewalt zum Opfer, und wurde fast fünf Monate in einem iranischen Gefängnis inhaftiert und gefoltert. "Ich sehe Freiheit nun mit anderen Augen", sagte Hellwig. Es lohne sich, dafür Werbung zu machen. Manchmal hat Werbung eben auch noch andere Ziele. Und dass Natascha Kampusch für mehr Sensibilität wirbt und für mehr gesellschaftliche Wachsamkeit, wer wollte es ihr verübeln? Sie hätte an diesem Abend auch ihren 25. Geburtstag feiern können.

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