4. April 2012, 08:26 Uhr

Statistiken, bis der Arzt kommt

Machen uns die Ärzte eher krank als gesund? Bei Sandra Maischberger übertrumpften sich Mediziner und Gesundheitsexperten gegenseitig mit Studien und Zahlen. Patienten kamen nur am Rande vor. Von Mark Stöhr

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"Eine großartige Lotterie": SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nahm bei Sandra Maischberger unter anderem das umstrittene Mammographie-Screening auseinander©

Darmkrebs tut nicht weh. Erstmal nicht. Wenn's weh tut, ist es oft zu spät. Der Schauspieler Walter Kreye ("Der Alte") hatte erst Pech, dann Glück: Sein Hausarzt hielt den Krebs für einen Pilz. Als das Karzinom nach Jahren endlich entdeckt wurde, war es schon sieben Zentimeter groß. Wie durch ein Wunder hatte der Darmkrebs nicht in die Leber gestreut. Eine frühzeitige Darmspiegelung hätte dem Schauspieler möglicherweise zehn Chemotherapien erspart. Sollten die Krankenkassen regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen also nicht für jeden Patienten verpflichtend machen, wie es Kreye fordert?

Eine einfache Frage eigentlich, bei Sandra Maischberger wird die Sache jedoch wie immer kompliziert. Denn ihre Gäste sind sich meistens dermaßen uneins, dass die Meinungsbildung der Zuschauer zur Achtbahnfahrt wird. Das obligatorische Beweismittel im Für und Wider der Kontrahenten: die Studie oder Statistik. Wenn Wissenschaft drauf steht, so die Ansicht, ist automatisch Wahrheit drin. Nur welcher wissenschaftlichen Wahrheit von den vielen soll man glauben, welchem Experten folgen?

Gerade Gesundheitsthemen sind bei Maischberger in dieser Hinsicht die Hölle, nicht nur für Hypochonder. Diesmal war ein Arzt da, Gunter Frank, der behauptete, die Normwerte für den Blutdruck, Blutzucker oder auch das Cholesterin seien in den letzten Jahrzehnten systematisch gesenkt worden. Damit würden automatisch mehr Menschen für krank erklärt. Die Profiteure, klar, sind die Ärzteschaft und die Pharmaindustrie, die sich über jede Menge neue Kunden freuen dürfen.

Im Grunde besteht so ein Expertentalk fast nur aus Zahlen

Wenn das denn so stimmt. Karl Lauterbach, der Gesundheitsexperte von der SPD, hält Franks Thesen nämlich für Quatsch. Er bezeichnete sie als "Außenseitermeinung". Die "Behandlungsleitlinien", die von den Hochschulen entwickelt werden, so der Rheinländer, basierten nicht auf ökonomischen Überlegungen, sondern auf Studien. Da war es wieder, das Wort, das jeder Diskussion den Zahn zieht.

Auch bei der Frage der Vorsorgeuntersuchungen bekamen sich die Beiden in die Haare. Frank vertrat die Ansicht, allein schon die Angst vor Krankheiten könne krank machen. Es müsse von jedem Patienten ein "Risikoprofil" erstellt werden – über die familiäre Vorbelastung etwa also –, die wahllose Vorsorge führe nur zu Verunsicherungen. Lauterbach darauf: "Nicht jede Verunsicherung ist grundlos." Er brachte das Beispiel der umstrittenen Mammographie-Screenings, die vielen Frauen zwar immer wieder falsche Operationen einbrockten, aber auch dazu führten, dass von 1000 Leben eines gerettet würde – "eine großartige Lotterie".

Es war nicht die letzte Zahl an diesem späten Abend. Im Grunde besteht so ein Expertentalk bei Sandra Maischberger ja fast nur aus Zahlen. Das dient – zumal in Gesundheitsfragen – zwar nicht durchgehend dem eigenen Wohlbehagen, liefert aber mitunter guten Stoff für das nächste Partygespräch. Also: In Deutschland werden fünfmal so viele Bandscheibenoperationen wie in Großbritannien durchgeführt und doppelt so viele wie in Frankreich. Und: Allein in München stehen so viele Kernspintomographen wie in ganz Norditalien zusammen. Es ging vom Darm zum Rücken, auch da liegt – logisch – vieles im Argen.

80 Prozent der Bandscheibenoperationen seien überflüssig

Jetzt zankten sich also zwei Rückenspezialisten, Martin Marianowicz, ein Orthopäde, und Michael H. Mayer, ein Wirbelsäulenchirurg. Die Diskussion drohte sich zunächst wieder in den unterschiedlichen Schulmeinungen zu verlieren wie bei den Streithähnen davor: Marianowicz erzählte, in seiner Praxis säßen immer mehr "voroperierte" Patienten. Es würde zu viel operiert, 80 Prozent der Bandscheibenoperationen seien überflüssig. Der Chirurg hielt naturgemäß dagegen: Die Leute kämen oft einfach zu spät zur OP, dann nämlich, wenn man nicht mehr viel auszurichten sei.

Doch dann sagte Marianowicz etwas sehr Schlaues, das den Unterschied zwischen der orthopädischen und der chirurgischen Therapie auf den Punkt brachte: Bei der einen trifft man ein Arrangement mit dem Körper und akzeptiert, dass die Bandscheiben mit 50 nicht mehr so geschmeidig sind wie mit 15 – die Chirurgie dagegen versucht, den Modellzustand wiederherzustellen. Das war doch mal ein Satz, den man mit in die Nacht nehmen konnte und noch eine allerletzte Zahl: 90 Prozent der Bandscheibenvorfälle geben sich von selbst wieder.

Von Mark Stöhr
 
 
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