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8. Januar 2012, 21:45 Uhr

Zwei Entführungen und ein Krisenfall

"Keine Polizei", fordern Entführer und Erpresser meist. Das Kölner Ermittlerduo Ballauf und Schenk mischt sich natürlich trotzdem ein und klärt gleich zwei Verbrechen auf einmal. Ungelöst bleibt allerdings der Fall Ballauf. Von Dieter Hoß

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"Du bist ja keine Frau. Du bist 'ne Kollegin": Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) stellt sich nicht nur bei der Polizeipsychologin (Juliane Köhler) ungeschickt an© WDR

Wann hat das eigentlich angefangen? Wohl bei jenem schicksalhaften "Klassentreffen" vor fast auf den Tag genau zwei Jahren, als der WDR die Kölner "Tatort"-Kommissare ins Ruhrgebiet schickte, um die damalige Kulturhauptstadt in Szene zu setzen. (Sie wissen schon: Kein Thema der Zeit, das der "Tatort" nicht aufgreift). Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) wurde damals mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert – inklusive der oft schmerzlichen Frage: "Was ist aus Dir geworden?" Seither ist der Kölner Kommissar für alle sichtbar in der Krise. Er hat realisiert, dass er viel mehr als seinen Job und seine engsten Kollegen im Leben nicht hat, und Partner Freddy Schenk schmiert ihm das allzu gern und allzu oft aufs Butterbrot. Er meint es sicher nur gut.

Noch ist es zu früh, einen Bruch des beliebten Kölner Ermittlerduos zu befürchten. Noch ist nicht genug passiert. Doch die Möglichkeit, dass es einmal soweit kommen könnte, schimmert doch langsam aber sicher am meist trüben Horizont der Domstadt. Auch der aktuelle Fall am Rhein wurde von diesem Widerpart geprägt. Dort Ballauf, einsam und verdruckst, unfassbar hölzern im Umgang mit umworbenen Frauen - in Gestalt der von Juliane Köhler gespielten Polizeipsychologin ("Du bist ja keine Frau, Du bist ja 'ne Kollegin") - und als Ermittler in seinen Methoden und Schlussfolgerungen immer wieder haarscharf neben der heißen Spur. Hier Schenk, als junger Opa mit beiden Beinen mitten im Leben, zwischen zwei Ermittlungsgängen stets fähig, mal eben die Einkäufe zu erledigen, und dennoch in der Lage, selbst aus geringsten Hinweisen hellwach Ideen zu entwickeln, um den Tätern auf die Schliche zu kommen. Aus der klassischen Paarung "Good Cop/Bad Cop" wird hier "Schussel-Bulle/Durchblicker-Bulle".

"Ich hab' sie!"

Seinen Höhepunkt hatte dieses Motiv, als Schenk dem großen Showdown eigenmächtig fern bleibt, auf eigene Faust den Fall löst und dann seinen Partner mit einem einfachen Anruf einmal mehr schlecht aussehen lässt: "Was immer du da tust, blas' es ab und komm' hierher. Ich hab' sie!" Schenk – von Dietmar Bär wie meistens süffig gespielt – hält die Fäden in einem "Tatort" in der Hand, der trotz prominenter und gutklassiger Besetzung (Thomas Heinze, Katharina Wackernagel, Ulrike Grote) lange blutleer bleibt. Erst allmählich, beinahe zu spät, entwickelt "Keine Polizei", so der Titel, seine vielleicht nicht wirklich spannenden, aber doch ungewöhnlichen Wendungen.

Im Kern geht es um zwei Entführungsfälle – einen aktuellen und einen einige Jahre zurückliegenden. Diese verlaufen derart nach gleichem Muster, dass ein Zufall ausgeschlossen ist. Sind also dieselben Täter am Werk? Im Laufe ihrer Ermittlungen schaffen es Schenk und Ballauf, die Kidnapper des alten Falls, in den die Polizei seinerzeit nicht eingeschaltet worden war, zu überführen. Das bedeutet aber gleichzeitig: Diese können nicht auch hinter der neuen Entführung stecken. Natürlich ist es Schenk, der die entscheidende Idee hat: Außer den Tätern kann nur das damalige Opfer die genauen Einzelheiten des Tathergangs kennen.

"Einmal nicht die Opfer sein ..."

Und so ist es auch: Elmar Schmitz-Thom (Oliver Bröcker), seit seiner eigenen Entführung psychisch gebrochen und durch die Zahlung des Lösegelds finanziell am Ende, steckt hinter der aktuellen Verschleppung. Das Motiv: Rache an dem einstigen beruflichen Konkurrenten Markus Wächter (Thomas Heinze). Dieser hatte beim Verkauf von Schmitz-Thoms Betrieb, mit dem seinerzeit das Lösegeld aufgebracht werden sollte, immer wieder den Preis gedrückt und die Familie so ruiniert. Nun wollten die Thoms mit gleicher Münze zurückzahlen und sich gleichzeitig sanieren. "Einmal nicht die Opfer sein ..." Dass der Entführte, Wächters Sohn Daniel (Janusz Kocaj), fliehen kann und dabei zu Tode stürzt, war nicht geplant.

Auch diesmal gibt es also kein Schwarz-weiß, auch diesmal zeigt jeder seine dunkle Seite. Dass die Zweischneidigkeit der Charaktere, die aufgesetzten Masken, die quälenden Zwangslagen glaubhaft und nachvollziehbar dargestellt werden, ist in den "Tatorten" allerdings längst keine Selbstverständlichkeit. Es darf daher Autor Norbert Ehry, Regisseur Kaspar Heidelbach und nicht zuletzt den Darstellern positiv angerechnet werden. Glaubwürdig macht die Geschichte zudem, dass auch der Einsatz der Polizei längst nicht jeden Entführungsfall zu einem guten Ende wendet.

Ballauf ein Burn-out-Kandidat?

Und Ballauf? Welches Ende es mit dem Kommissar in der Krise nimmt, muss sich zeigen. Die übliche Abschlussszene an der schon legendären Wurstbraterei scheint nur noch für ihn ein Highlight zu sein. Während Max seine Currywurst hastig und freudig genießt, kommt Freddy nur "auf eine schnelle Wurst" vorbei. Assistentin Franziska scheint eh außen vor und die umworbene Polizeipsychologin sucht lieber wortlos das Weite. "Deine Lebensweisheiten haben sie wohl verschreckt", stichelt Schenk. Im wahren Leben würde man vermuten, dass Ballauf auf ein ausgewachsenes Burn-out zusteuert. Das hier ist allerdings nur Fernsehen. Obwohl, Sie wissen schon: Kein Thema der Zeit, das der "Tatort" nicht aufgreift.

Von Dieter Hoß
 
 
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