HOME

Wallraff macht den Obdachlosen

Er schläft bei minus 15 Grad draußen und feiert Silvester in einer Notunterkunft: Sechs Wochen lang hat Günter Wallraff das Leben eines Obdachlosen geführt. Daraus ist eine eindringliche Reportage entstanden, die das ZDF heute Abend zeigt.

Von Johannes Schneider

Günter Wallraff sieht so aus, wie man ihn kennt. Er hat eine Perücke aufgesetzt, vorne kurz, hinten lang, dazu eine schwarze Hornbrille. Er trägt eine zerschlissene Jeans, einen Parka aus der Altkleidersammlung und klobige Arbeitsschuhe, die hat er noch aus seiner Zeit als türkischer Arbeiter "Ali" bei Thyssen. Kurz: Er hat sich angepasst, für seine nächste Mission.

Schwer hat er es in letzter Zeit gehabt, der Aufklärer der Nation. Für seinen Kinofilm "Schwarz auf Weiß", in dem er als Somalier ein Jahr lang Deutschland bereist, hat er viel Kritik, auch Spott geerntet. Und in seinen Talkshow-Auftritten wirkte er häufig wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Seine Weltsicht, unten gegen oben, gut gegen böse, die schien nicht mehr zu passen in eine Gesellschaft der Grautöne, in ein Land, in dem die SPD Sozialabbau betrieb und in dem die konservative Regierung Hartz-IV-Empfänger besser stellen will.

Doch es gibt sie noch, die Wallraff-Themen. Und mit seiner neuen Reportage hat Wallraff mal wieder einen Treffer gelandet.

Als Obdachloser Wolfgang ist er im vergangenen Winter sechs Wochen lang in die Welt der Wohnungslosen eingetaucht. Sechs Wochen, in denen er in Notunterkünften geschlafen hat, oder bei minus 15 Grad auf der Straße übernachtet hat. "Unter Null" heißt die 45-minütige Reportage, die während dieser Zeit mit versteckter Kamera entstanden ist. Es ist ein Film, den man sehen sollte.

250.000 Menschen ohne Wohnung

Denn der typische Wallraffsche Selbstversuch, beim Thema Obdachlosigkeit funktioniert er. Etwa, wenn Wallraff in einer der kältesten Nächte des Jahres durch die Kölner Innenstadt streift, auf der Suche nach einem halbwegs geschützten Schlafplatz - und abgewiesen wird von anderen Obdachlosen, die ihren Platz nicht teilen wollen. Wenn er bei der Bahnhofsmission hört, er solle "innerhalb der Geschäftszeiten" wiederkommen. Oder wenn er aus einer Notunterkunft fliehen will, weil sein Zimmernachbar ihn bedroht - und verängstigt feststellen muss, dass das Eingangstor verschlossen ist und der Pförtner nicht am Platz.

"Ich bin ein Tester", hat Wallraff mal über sich gesagt. Und dadurch, dass er testet, dass er sich den Situationen aussetzt, die zu häufig nur abstrakt beschrieben werden, gelingt es ihm, das Große im Kleinen zu zeigen, unmittelbar, anhand von konkreten Geschichten. So bringt er ein Thema auf die Agenda, das es wert ist, diskutiert zu werden. 250.000 Obdachlose gibt es nach Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe in Deutschland, die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen.

Angesichts dieser Zahlen sollte man Wallraff auch ein bisschen Theatralik verzeihen. So zieht er sich im Wohnheim die Decke bis zum Kinn und pustet kräftig durch, als ob eine weitere eiskalte Nacht bevorstünde. Und ein, zwei publikumswirksame Huster gibt es oben drauf. Und dennoch: Mit "Unter Null" zeigt Wallraff, dass er noch immer zum schlechten Gewissen Deutschlands taugt. So ein schlechtes Gewissen kann nervig sein, man würde es gern loswerden. Doch manchmal hat man es aus gutem Grund.

"Unter Null" läuft am 15. Dezember ab 21 Uhr im ZDF.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo

Partner-Tools

  • Johannes Schneider