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22. Juli 2008, 16:53 Uhr

Lachen macht schlau

In den USA gibt es vieles, was es hier noch nicht gibt. Zum Beispiel eine Satire-Sendung, die ihre Zuschauer besser informiert als die Nachrichtensendungen: US-Talker Jon Stewart bringt mit seiner "Daily Show" ein Millionenpublikum zum Lachen - und zum Nachdenken. Eine Hommage. Von Hannah Streck

Seine Zuschauer wissen mehr über das Weltgeschehen als die Konsumenten der Nachrichtensendungen: US-Comedian Jon Stewart© Chris Carlson/AP

Können Sie sich in Deutschland eine Sendung vorstellen, mit einem Talkmaster, der erst einen Politiker lächerlich macht, ihn minutenlang nachäfft und vorführt, peinliche Videos einspielt. Und dann eine Minute später exakt diesen Menschen mit offenen Armen im Studio begrüßt? Denkbar hier? Eben nicht. In Amerika gibt's das jeden Abend, und mehr als eine Million Leute gucken zu.

Ein Anarchist im Anzug

Mit 13 Jahren begegnete ich der "Daily Show" zum ersten Mal. Meine Schwester und ich zappten bei uns zu Hause in New York durch die Kanäle und stießen auf einen Mann mit Anzug und Krawatte, der hinter einem großen Schreibtisch saß und so aussah, als würde er die Nachrichten präsentieren: Jon Stewart. Aber irgendetwas passte nicht. Im Hintergrund lachte das Publikum, denn der Anzugträger machte Witze über George W. Bush, Dick Cheney, Condi Rice und Donald Rumsfeld. Damals verstand ich noch nicht alles. Aber nach ein paar Tagen, in denen ich Zeitung las und Nachrichten schaute, kapierte ich die Hintergründe mehr und mehr - und bin seitdem süchtig nach Jon Stewarts "Daily Show".

Er sieht einerseits aus wie jemand, der für CNN arbeitet und ist andererseits so lustig und frech wie kein zweiter im amerikanischen Fernsehen. Er zerreißt sich über Republikaner und Demokraten gleichermaßen das Maul, aber der Unterton schimmert liberal. Eine Comedy-Show, die mit der Scheinheiligkeit von Politik spielt - und das mit einem anarchischen Ansatz - ist wie gemacht für mich und Leute meines Alters. Stewart nimmt alle und alles aufs Korn. Fettsucht? "Der neue Airbus kann 800 Passagiere oder 400 Amerikaner transportieren." Religion? "Die Vernunft ist Teil der Religion, seit zwei Nudisten Diät-Vorschriften von einer sprechenden Schlange annahmen." George W. Bush und der Krieg im Irak? "Der Präsident traf sich gestern mit einer Gruppe, die er Koalition der Willigen nennt. Oder wie alle anderen sagen: England und Spanien."

Die Politprominenz will veräppelt werden

Die "Daily Show" ist nicht nur amüsant, sondern darüber hinaus sehr informativ. Eine Umfrage ergab vor kurzem, dass Stewarts Zuschauer über das Weltgeschehen mehr wissen als die Konsumenten der richtigen Nachrichtensendungen. Die Ironie dahinter ist natürlich, dass die satirische Version offenbar eine bessere Informationsquelle ist als die großen Nachrichtensendungen, die Stewart und seine Crew von "Fake Reporters" gern verspotten.

An Stewart kommt jedenfalls niemand mehr vorbei. Bestseller-Autoren, Schauspieler, Musiker und natürlich die Präsidentschaftskandidaten betteln um ein Bad im Kakao. Barack Obama war bis jetzt zweimal zu Gast im Studio in der 54. Straße auf Manhattans Westside. Hillary Clinton ließ sich am Abend vor den wichtigen Vorwahlen in Texas und Ohio über Satellit zuschalten und musste sich von Stewart zu allererst fragen lassen, ob sie nichts Wichtigeres zu tun habe als mit ihm zu reden, "als Gastgeber bin ich entzückt, als Bürger beängstigt..." Und in dem verzweifelten Versuch, junge Wähler zu begeistern, erschien der greise John McCain bereits 13 Mal.

An Stewart kommt niemand vorbei: Präsidentschaftskandidat Barack Obama war bis jetzt zweimal zu Gast im New Yorker Studio© Jason DeCrow/AP

Journalistenpreis für Comedy

Dabei war die "Daily Show" am Anfang nicht mal besonders erfolgreich. Sie wurde 1996 mit Craig Kilborn als Moderator erstmals ausgestrahlt und war zunächst auf lokale Absurditäten spezialisiert. Drei Jahre später verließ Kilborn die Show, und Stewart rückte nach. Der hatte sich nach seinem Psychologiestudium erst mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen, war Kellner, Bauarbeiter und Puppenspieler. Irgendwann hatte er das satt, ging nach New York, wurde Stand-Up-Comedian. Nach einigen Flops mit Serien und drittklassigen Filmen, kam er schließlich zum Fernsehsender "Comedy Central". Inzwischen hat seine Show ein Dutzend wichtiger Preise gewonnen, darunter Emmys und Grammys und pikanterweise auch den prestigeträchtigen "Peabody-Award", der eigentlich nur für seriösen Journalismus verliehen wird.

Stewart, 45, ist inzwischen ein Star. Er moderierte bereits zweimal die "Oscar"-Verleihung, zuletzt im Frühjahr - "Oscar ist in diesem Jahr 80 geworden. Das macht ihn automatisch zum Spitzenkandidaten der Republikaner." So bissig wie vor seiner Stammkundschaft aber durfte er vor fast 40 Millionen Zuschauern nicht sein.

Jede Woche von montags bis donnerstags erwarten seine treuen Fans nämlich rotzfrech-gescheite Interviews und obendrein aberwitzige Beiträge seiner Außenreporter. Einige von denen machten durch die "Daily Show" selbst Karriere. Steve Carell ("Little Miss Sunshine", " Evan Allmächtig") zum Beispiel begann bei Jon Stewart. Und vor drei Jahren bekam der bis dahin berühmteste Außenreporter Stephen Colbert seine eigene Sendung und mimt darin einen ultrakonservativen Talker so überzeugend, dass ihm sogar das deutsche Fernsehen auf den Leim ging und ihn den Zuschauern tatsächlich als "ultrakonservativen Talkshow-host" verkaufte.

Das Geplapper der Politiker

Niemand ist vor Stewart und seinem Team sicher. Präsidenten, Senatoren, Kongressabgeordnete, Botschafter und immer wieder Fernsehleute. Sein Lieblingsopfer aber ist Vizepräsident Cheney, dem er von Zeit zu Zeit sogar das eigene Segment "You Don't Know Dick" widmet. Einmal saß der herzkranke Cheney beim steinalten CNN-Moderator Larry King, und am nächsten Abend wunderte sich Stewart, "dass keiner von beiden während des Interviews gestorben ist."

Als Cheney im Februar 2006 einen Freund beim Jagen einen Ladung Schrotkugeln verpasste, bestritten Stewart und seine Leute gleich mehrere Sendungen davon. Einer seiner satirischen Reporter, Ed Helms, sagte in drei Minuten ein Dutzend mal "He shot him in the face", "er schoss ihm ins Gesicht", und danach trat Rob Corddry als "Vice-Presidential Firearms Mishap Analyst", als "vizepräsidentaler Feuerwaffen-Pannen-Experte" auf. Mit solchen Wort-Monstern spießen Stewarts Leute die Manie der amerikanischen Nachrichten auf, für alles irgendeinen nichts sagenden Experten zu haben. Denn das ist die ganze Idee der "Daily Show": Das Geplapper von Politikern und Politik-Reportern auch als Geplapper zu entlarven. Das gelingt ihr so gut, dass es ihren Star manchmal selbst beängstigt: "Sehen Sie nicht, was das Problem in unserem Land ist? Ich werde ernst genommen. Und der Präsident nicht."

Die Jon-Stewart-Show wird immer dienstags um 23:30 Uhr auf Comedy Central ausgestrahlt. www.comedycentral.de

Zur Person Hannah Streck, 16, ist die Tochter des früheren US-Korrespondenten Michael Streck, der für den stern von 2001 bis zum Frühjahr 2008 aus Amerika berichtete. Im Alter von 13 Jahren sah sie erstmal die "Daily Show", wurde ein großer Fan und steckte mit ihrer Begeisterung den Rest der Familie an.

Von Hannah Streck
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
willi42 (23.07.2008, 10:01 Uhr)
Kabarett
Bei Pispers, Schramm, Riechling und noch einigen anderen stimme ich meinen Vorrednern voll zu.
--
Rether dagegen als wirklichkeitsfremden Sozialromantiker zu bezeichnen ist das freundlichste was mir einfällt.
--
Was wir aber bräuchten wären Formate, die unverblümt die Wahrheit täglich bringen und den Worthülsenproduzenten in diesem Land mal auf den Zahn fühlen. Ich freue mich ja schon jedes mal, wenn ein Reporter ein 2. Mal nachfragt, wenn Politiker nur Luftblasen als Antwort abgesondert haben. The Colbert-Report oder die Daily-Show könnten gute Vorbilder sein. Nur ausser H. Schmidt kenne ich wenige, die das auch nur Ansatzweise versuchen.
--
Die andere Frage ist, wieviele Prozent der Deutschen würden diese Art von Satire überhaupt begreifen? Naja, man könnte es ja auch als Bildungsauftrag verstehen : "Open your eyes and see, what is really out there..."
Laut (22.07.2008, 23:32 Uhr)
Un den Richling nicht zu vergessen....
Und was ist mit Mathias Richling? Der ist doch die Leitfigur, wenn es um die Demaskierung von Politikern geht. Aber eines stimmt: die Originale kommen bei uns nicht in Satiresendungen. Hallo Herr Richling: Meinen Sie, es traut sich eine(r) mit Ihnen als Double zu diskutieren? Laden Sie doch den Herrn ........ oder die Frau......... in Ihre Sendung ein: Bitte!!!
Daisan (22.07.2008, 20:43 Uhr)
Volker Pispers - ja, da stimme ich meinen "Vorrednern"
absolut zu!
Man muß nicht weit gehen um jemanden zu finden, der weit geht
;-)
Wenn ich an "Bretto und Nutto" von Pispers denke, habe ich immer noch Mühe nicht völlig entfesselt loszulachen. Einer der besten Köpfe in diesem Bereich. Schön bissig, und das liebe ich.
frank77777 (22.07.2008, 20:21 Uhr)
Kann man nur beipflichten !
Volker Pispers rules !
Hagen Rether ist ein weiterer Tipp!
Für mich sind deren "Spitzen" die
einzige Daseinsberechtigung von unseren
korr**ten Ho*lbirnen.
Aquarius2 (22.07.2008, 20:11 Uhr)
Gibt es hier doch!
Ich denke, dass z.B. die deutschen Kabarettisten Georg Schramm und Volker Pispers auch besser über politische Zusammenhänge informieren, als (embedded) Medien oder Politiker. Nur werden politische Kabarett-Sendungen hier ebenso wie die wenigen politischen Magazine verschämt in die späten Abend- oder Nachtstunden verlegt. Damit die Bevölkerung sich an Soaps und Supermodels oder Superstars ergötzen kann. Die regen wenigstens nicht zum Nachdenken an.
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