Die andauernden Proteste gegen die RTL-Serie "Erwachsen auf Probe" zeigen Wirkung. Der Kölner Sender hat seine Pressemappe überarbeitet, plötzlich soll alles harmlos und pädagogisch wertvoll erscheinen. Von Carsten Heidböhmer

Die Kessler-Zwillinge: Moderatorin Katja Kessler und die sieben Monate alten Babys Chiara und Alicia G.© RTL / Frank Hempel
Es ist schon jetzt der Medienskandal des Jahres. Lange hat keine Fernsehsendung mehr für ein derartiges, fast ausschließlich negatives Medienecho gesorgt wie die RTL-Serie "Erwachsen auf Probe" - und das schon vor der ersten Folge am 3. Juni. Bei dem Format handelt es sich um eine Adaption der britischen Serie "The Baby Borrowers" (Die Kinder-Ausleiher), die 2007 von der gebührenfinanzierten Sendeanstalt BBC ausgestrahlt wurde.
Auch dort reagierten die Medien vorab kritisch auf die Ankündigung, der große Aufschrei blieb jedoch aus. Und damit die Medienresonanz: Nur 360.000 Zuschauer wollten sich das TV-Experiment im Schnitt ansehen. Eine ähnliche Quote wäre für RTL ein Debakel. Insofern dürften die Proteste von Verbänden oder Regionalpolitikern den Senderverantwortlichen zunächst gut ins Konzept gepasst haben. Gibt es für eine neue Serie bessere Werbung, als wenn sie schon Wochen vor dem Start in aller Munde ist?
Dass sich der Deutsche Kinderschutzbund zu Wort meldet, war sicher erwartet worden. Empörte Wortmeldungen von dem Hebammenverband und anderen Gruppierungen, von deren Existenz zuvor kaum jemand Kenntnis gehabt haben dürfte, hielten das Interesse an "Erwachsen auf Probe" wach, ohne den Sender zu beschädigen. Und Regionalpolitiker, die gleich die Verbotskeule schwangen, disqualifizierten sich mehr selbst, als dass sie RTL in Bedrängnis brachten.
Doch irgendwann kippte die Stimmung. Die Proteste rissen gar nicht mehr ab. Eine Beschwerde nimmt keiner wirklich wahr. Zehn Wortmeldungen signalisieren der Öffentlichkeit, dass da irgendwas Interessantes im Busch ist. Doch 30 bis 40 Einzelpersonen, Verbände oder Politiker, die alle auf dem Sendeformat herumhacken - und sogar Strafanzeige stellen? Das muss auf Dauer nerven. Als sich mit Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen erstmals eine Spitzenpolitikerin kritisch zu der Serie äußerte, erreichte die Debatte eine neue Stufe.
Wie sehr das Dauerfeuer der Kritiker die Programmverantwortlichen belastet, zeigte sich beim Auftritt von RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger auf einer Presseveranstaltung am vergangenen Freitag. Die Kritik habe ihn persönlich betroffen gemacht, sagte Sänger und wirkte sichtlich angeschlagen. In der Sache hatte er nichts zurückzunehmen. Wie Politiker bei gescheiterten Reformprojekten, so sah auch Sänger lediglich Vermittlungsprobleme. Man dürfe doch nicht eine Presseerklärung für bare Münze nehmen, sagte Sänger, und stellte damit alle als naiv dar, die den Verlautbarungen des Senders glauben schenken.
Rasch wurde die Pressemappe überarbeitet. Inzwischen liest sich das Konzept der Sendung ganz anders. Die zunächst recht reißerisch formulierte Pressemitteilung wurde radikal entschärft. Ursprünglich wurde der Inhalt folgendermaßen beschrieben: "Dann überlassen vier Familien (...) für vier Tage den Teenagern das Schönste, was sie besitzen: ihre Babys. Nun erleben die Teenager erstmals am eigenen Leib, was es bedeutet, einen Säugling rund um die Uhr zu versorgen." Genau dieser Aspekt hatte die größte Empörung ausgelöst: dass Kinder für einen längeren Zeitraum der Obhut der Eltern entrissen werden.
In der neuen Version heißt es stattdessen: "Die Eltern und Mütter sind fester Bestandteil der Sendung und die ganze Zeit bei ihren Kindern dabei. Sie geben den Teenagern Tipps und Hilfestellungen. (...) Während der Dreharbeiten entschieden die Mütter und Eltern individuell, wie viel Zeit im Einzelnen ihre Kinder mit den Teenagern verbringen sollten." Nach Gründen für diese Änderungen befragt, teilt RTL mit: "Es handelt sich um eine normale Aktualisierung."
Doch die Änderungen haben es in sich: Was sich zunächst las, als ob Eltern ihre Säuglinge vier Tage lang in die Obhut von Fremden gäben, wird nun als völlig harmlos dargestellt: ein nettes Zusammensein von Babys, Teenagern und Eltern, fast wie ein Nachmittag im Park, wo die Teenager Fußball spielen, die Babys im Gras krabbeln und die Eltern müde auf der Decke liegen. Alles nur ein großer Spaß, so die Botschaft.
Auch sonst versucht man beim Sender, den Eindruck zu erwecken, "Erwachsen auf Probe" komme damit eine erzieherische Wirkung zu. Der Sender plant sogar die Herausgabe von Begleitmaterial für den Unterricht. Nach Angaben von RTL haben zahlreiche Pädagogen dies bereits vorab angefragt.
Möglicherweise wird einigen Beteiligten der Rummel um die Sendung zu viel. Klatschkolumnistin Katja Kessler, die in der Doku-Soap als Expertin in Erscheinung tritt, steht nach Aussage ihres Managements für keine Interviews mehr im Zusammenhang mit "Erwachsen auf Probe" zur Verfügung. Auf Nachfrage wollte man dort aber nicht ausschließen, dass sich das ändern könnte, sollte sich der Wirbel um die Sendung legen.
Auffällig still blieb während der letzten Wochen ein Medium, das sonst immer an vorderster Front mitmischt, wenn es einen Aufreger gibt: die "Bild"-Zeitung. Katja Kessler ist mit Chefredakteur Kai Dieckmann verheiratet. Und die hält sich verständlicherweise zurück - schließlich will sich die Boulevardzeitung nicht den Anschein geben, die Frau des Chefredakteurs besonders zu unterstützen. Doch als Ministerin von der Leyen RTL aufforderte, die Ausstrahlung von "Erwachsen auf Probe" zu stoppen, konnte auch die "Bild" nicht länger auf Tauchstation bleiben und veröffentlichte eine Meldung. Auch das zeigt, wie brisant die Lage geworden ist.