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Reise in eine gleißende Finsternis

"True Detective" ist das Serienereignis des Jahres. Der Achtteiler erfindet das Erzählen im TV neu und führt den Zuschauer in eine trostlose Welt kaputter Ermittler und perverser Ritualmorde.

Von Gernot Kramper

Rust Cohle und Marty Hart sind beide Verlorene.

Rust Cohle und Marty Hart sind beide Verlorene.

True Detective" trifft den Zuschauer wie ein Pflasterstein an den Kopf. Die Serie ist ein Felsen, der aus dem Flachbildschirm auf dich herabrollt und dich unrettbar auf der Couch unter sich begräbt. Wie funktioniert das? Das ist schwer zu sagen. In den ersten Folgen passiert eigentlich nichts. Rust Cohle und Marty Hart, zwei ehemaligen Polizisten, werden von anderen Polizisten zu einem lang zurückliegenden Mord befragt. Sie sitzen an einem Tisch und sprechen in eine Kamera - über den Mord an einer Frau, vor allem aber über sich selbst. Über ihre Nicht-Beziehung. Szenen einer Ehe im Polizeiauto. Hört sich an wie Quotengift, bescherte dem amerikanischen Bezahlsender HBO aber hervorragende Quoten. Das verbale Duell zwischen den beiden Hauptdarstellern Matthew McConaughey und Woody Harrelson hält einen in den Krallen, fast mehr als die eigentliche Untat - ein Ritualmord an einer jungen Frau.

Der Achtteiler nimmt einem mit auf eine Reise in die Dunkelheit, eine Finsternis, die in der abgewrackten Sumpflandschaft von Louisiana ebenso lauert wie in der verwüsteten Psyche der beiden Detectives. Das vorherrschende Motiv ist das Verbleichen. Aus allem scheint die Farbe zu entweichen, aus den maroden Gebäuden und aus den Detectives, die nur noch eine Erinnerung ihrer einstigen Vitalität ausstrahlen.

Solide Story mit verzwickter Erzählweise

Die Story von Serienschöpfer Nic Pizzolatto ist grundsolide aber nicht originell. Polizisten als abgehalfterte Typen, die trinken, in Motels hausen und ihr Zimmer mit Tatortfotos dekorieren, gibt es zu Tausenden. Auch die Idee, dass in einem scheinbar aufgeklärten Mordfall eine winzige Unaufmerksamkeit lauert, die Jahre später hervorbricht, und dann den Einzelfall in ein Puzzleteil einer apokalyptischen Mordserie verwandelt, ist alles andere als neu.

Doch noch nie ist so eine Geschichte so verfilmt worden. Ein Kinofilm mit seiner Begrenzung auf maximal 120 Minuten, könnte einen derartig komplizierten und verschachtelten Erzählmodus nicht erschaffen. Im Mehrteiler passiert lange Zeit scheinbar nichts. Verhörzimmer wechseln mit Autofahrten durch ausgebleichte Landschaften ab, bis diese Ödnis in Wellen von Gewalt explodiert.

"True Detectives" ist unverdünntes Autoren-TV. Niemand redete Pizzolatto und seinen Regisseur Cary Fukunaga hinein. Also wurde die Serie ein Edelstein, aber kein Bonbon, den jedermann lutschen mag. Würde die ARD das Epos um 20.15 Uhr senden, könnte die Anstalt wohl die schlechtesten Quoten aller Zeiten einfahren. Pizzolatto und Fukunaga machen es einem nicht leicht. Etwa wenn der zusehends betrunkenere Cohle über zwanzig Minuten hinweg seine persönliche Zeittheorie entwickelt, nach der alle Momente parallel nebeneinander passieren, und dabei genüsslich mit dem Messer alte Bierdosen zerlegt. Die Pointe des Misanthrophen: Es gibt keine Erlösung, weil das Leiden nicht einmalig sondern ewig währt.

Um der Story folgen zu können, muss man Cohle und Hart buchstäblich an den Lippen kleben. Leicht machen sie es einen nicht, vor allem nicht in der englischen Originalversion. Beide verlieren sich in endlosen Monologen in denen sie ein wenig enthüllen und viel mehr verbergen. Hart ist immer bemüht, die solide Anzugfassade zu wahren, während Cohle sich in einem Meer von Bier ertränkt.

Rust Cohle genehmigt sich einen in der Vernehmung

Rust Cohle genehmigt sich einen in der Vernehmung

Woody Harrelson und Matthew McConaughey liefern beide eine herausragende Darbietung ab. Harrelson wird von der Kritik leider etwas übergangen, weil er als seriöser Schauspieler etabliert ist. Und weil man in den USA nichts so sehr liebt, wie dass der einstige Surf-Loverboy Matthew McConaughey sich in einen kaputten Polizisten verwandelt.

So wie er wandelt sich auch die USA in "True Detective". Die Männer, die Lousiana bevölkern, sind allesamt gebrochene, verunstaltete Trinker, die in abgewrackten Hütten hausen. Frauen arbeiten entweder in Stripschuppen oder in Trailerpark-Bordellen. Diese Welt ist keine Welt mehr, sondern die Erinnerung einer Welt, die langsam verschwindet, sagt Menschenfeind Cohle lakonisch. Einen Kommentar zum Zustand der USA kann man daraus nicht ableiten. Die Welt der Ritualmorde ist buchstäblich aus der Gegenwart gefallen, Zeit hat keinerlei Bedeutung. Die Dinge, die sonst wichtig sind, Schönheit, Luxus und Reichtum, haben für die Mächtigen und ihren Kult keinerlei Wert. Das Herz der Finsternis liegt in den gesichtslosen Landschaften der USA.

"True Detective" läuft ab Donnerstag, 17. April 2014, 21.00 Uhr auf Sky

Der HBO-Trailer

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Wie heißt der Film?
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