"Wetten das...?" gegen "Deutschland sucht den Superstar": Erstmals ließen ZDF und RTL am Samstagabend ihre TV-Schlachtschiffe gegeneinander antreten. Quotenmäßig gewann Gottschalk. Aber auch nur da. Von Björn Erichsen und Peer Schader

DSDS und "Wetten dass ..." - zwei TV-Schlachtschiffe© Gregorowius/RTL und Rolf Haid dpa
Der Schocker des Abends passierte erst um 1 Uhr in der Nacht zum Sonntag: Im Studio von "Deutschland sucht den Superstar" hagelte es Buh-Rufe aus dem Publikum. Die Kamera zeigte fassungslose Jurygesichter: Anja Lukaseder machte große Augen, Heinz Henn schaute niedergeschlagen aufs Pult und Dieter Bohlen sah aus, als sei gerade bei ihm eingebrochen worden.
Eben hatte Moderator Marco Schreyl den Namen einer Favoritin ausgesprochen, die in der kommenden Show nicht mehr dabei sein wird. Lauren Talbot war auf diesen Moment vorbereitet. Mit "Too lost in you" von den Sugababes ist sie an diesem Abend gnadenlos untergegangen. Aber dann sagte Schreyl einen anderen Namen: Francisca Urio. Und keiner konnte es fassen. Zuvor hatte Bohlen noch gescherzt: "Heute fliegt bestimmt Francisca raus" - aber das schnell als Aprilscherz aufgelöst, den auch das Publikum nur so mittelwitzig fand. Denn die stimmgewaltige 26-Jährige hatte mit "Beautiful" von Christina Aguilera wie immer perfekten Auftritt abgeliefert. Jetzt ist endgültig klar: Jeder kann rausfliegen, selbst wenn er zu den Top-Favoriten gehört.
TV-Fights ohne Ende
Ein derart kämpferisches Wochenende hat das deutsche Fernsehen schon lange nicht mehr erlebt. Am Freitag hatte sich erst Stefan Raab von Regina Halmich ordentlich vermöbeln lassen, einen Tag später trat Henry Maske nach zehn Jahren Ringpause gegen seinen alten Widersacher Virgil Hill in der Münchner Olympiahalle an - und zur Prime Time am Samstag Abend standen sich die beiden Quotenschwergewichte "Wetten, dass..?" und "Deutschland sucht den Superstar" erstmals gegenüber.
Normalerweise streckt die Konkurrenz freiwillig alle Viere von sich, wenn Thomas Gottschalks Quotenlokomotive durch den Samstagabend walzt. Triste Spielfilm-Wiederholungen, preiswert produzierte Comedy und diverse Superpannenshows sind das einzige, was dem notorischen Zapper in der Regel angeboten wird.
Kein Wunder also, dass die beiden Kontrahenten fleißig gegeneinander stichelten: Bei RTL witzelte Schreyl: "Bei uns sitzen die Superstars den ganzen Abend auf dem Sofa und müssen nicht gleich wieder weg." Gottschalk schoss zurück, bei den Privaten gäbe es ja eh nur heiße Luft.
Vorhang auf für Frau Gottschalk
Derart große Gefühle wie im Finale von "DSDS" hatte "Wetten, dass..?" nicht zu bieten, beim ZDF setzte man lieber auf den bewährten Unterhaltungs-Eintopf aus internationalen Stars, deutscher Prominenz, einigen namhaften Show-Acts - und selbstredend der maximalen Bereitschaft von Gottschalk, immer wieder aufs Neue den dummen August zu geben. Als Höhepunkt des Abends - im Laufe der Sendung immer wieder angekündigt - sollte er nach der in der vorigen Show verlorenen Stadtwette als Frau auftreten.
Kurz vor Schluss war es soweit: Der lange Schlaks erschien mit brünetter Perücke, kräftigem Lippenstift und rotem Trägerkleid und versuchte sich beim Tanz mit Bundestrainer Joachim "Jogi" Löw als "Dancing Queen". Ganz nett anzuschauen, aber es hatte mehr was von 70er-Jahre Klamauk als von guter TV-Unterhaltung im Jahr 2007. Aber Peinlichkeit hat Gottschalk noch nie davon abgehalten, sich selbst zu feiern: "Ich bin die Unterhaltungsmutter der Nation", jubilierte er nach der Tanzeinlage.
Die Reue des Grabschers
Dennoch war es gestern Abend eine der besseren "Wetten, dass..?"-Shows in jüngerer Zeit. Das lag zum einen an den Gästen, von denen ausnahmsweise mal keiner früher ging (da hatte sich Schreyl also geirrt). Mit John Travolta, Tim Allen und Rowan Atikinson war endlich mal wieder genug internationales Flair auf dem Sofa versammelt, das die Show so dringend braucht. Aber auch Gottschalk selbst schien sich die harsche Kritik der letzten Zeit zu Herzen genommen zu haben: "Ich habe Vieles falsch gemacht. Frauen angegrabscht und Randgruppen beleidigt", gab sich der Entertainer reumütig.
Und wirklich: Gegrabscht wurde nicht, Gottschalk ließ seine Gäste diesmal sogar gelegentlich ausreden, wie etwa Handball-Weltmeistertrainer Heiner Brand oder "Stromberg"-Darsteller Christoph Maria Herbst. Selbst ein ernstes Thema fand Platz bei "Wetten, dass...?", in einem erfreulich zotenfreien Gespräch mit Schauspielerin Natalia Wörner über Sinn und Unsinn von Kindesadoptionen in Südamerika.
4,5 Millionen schauen DSDS - immerhin
"Deutschland sucht den Superstar" hat die starke Konkurrenz sichtlich gut getan. Erstmals seit Beginn der Mottoshows traute sich RTL, aus dem vorgegebenen Raster der Show auszubrechen - ein riesiger Unterschied zur drögen Veranstaltung von vor zwei Wochen! Die Kandidaten stürmten gleich zu Beginn gut gelaunt auf die Bühne - von Erschöpfung keine Spur mehr. "Ich hab die Haare schön"-Johanna, die als Kandidatin beim Mallorca-Casting für einen amüsanten Staffelauftakt gesorgt hatte, durfte als Backstage-Reporterin im Superstar-Haus herumschnuppern und lieferte drei heitere Einspieler zu. Und zum Schluss gab Casting-Katastrophe Menderes mit Piepsstimme den Michael Jackson.
Erst nach knapp einer Stunde unterbrach RTL das erste Mal mit Werbung. Für die Zuschauer war es eine Erholung - für RTL eine Katastrophe: so wenige Spots haben die Kölner am Samstagabend zur besten Sendezeit vermutlich noch nie verkauft. Vermutlich konnten sich die Werbekunden schlicht nicht vorstellen, dass "DSDS" gegen Gottschalk eine Chance haben könnte.
Für RTL hat sich das Wagnis dennoch gelohnt. Gut 4,5 Millionen sahen die vierte "DSDS"-Mottoshow. Das ist im Vergleich zu den anderen Shows ein klarer Zuschauerrückgang, aber gegen "Wetten dass…?" ein großer Erfolg, zumal Gottschalk mit gut 10,5 Millionen deutlich unter den Erwartungen blieb. Und mit einem Marktanteil von über 25 Prozent in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen kann RTL mehr als zufrieden sein. Bei aller berechtigten Kritik an der Sendung: "DSDS" hat gezeigt, dass es in der Lage ist, mit großen Emotionen spannende TV-Unterhaltung liefern zu können.
Raab schlägt sich warm
"Wetten dass…?" hingegen bot die altbewährte Mischung: gelegentlich nett anzuschauen, mal nur ärgerlich, doch vieles in Gottschalks Show plätschert einfach nur noch dahin. Die Frage von Sieg oder Niederlage ist gleichgültig geworden und ist allenfalls nur noch für die Wettkandidaten von Interesse.
Die spannendste Erkenntnis dieses Samstagabends bleibt: Gottschalk ist mit "Wetten dass…?" vielleicht bei den Quoten unschlagbar - aber mit einem starken Gegenprogramm wie "DSDS" kann die Konkurrenz der Show empfindlich schaden. Sicher wird RTL wieder einen Angriff wagen.
Und dann ist da ja auch noch Stefan Raab: Der hat schon angekündigt, im Herbst womöglich mit "Schlag den Raab" gegen "Wetten dass…?" punkten zu wollen. Ganz so unrealistisch wie noch vor ein paar Wochen klingt das nun nicht mehr. Bald schon könnten schwere Zeiten für den ZDF-Dauerbrenner anbrechen, schnell mal einen Frauenfummel überstreifen reicht da nicht aus: Raab hat ja gerade erst bewiesen, dass er auch Frauen schlägt.