Feuchte Körper und geistige Implosionen

25. November 2012, 09:46 Uhr

Bauchklatscher blieben zwar Mangelware bei Raabs Turmspring-Event, doch der Unterhaltung tat das keinen Abbruch. Was nicht nur an den üppigen Oberweiten mancher Teilnehmerinnen lag. Von Christoph Forsthoff

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Der Rapper B-Tight, Schauspielerin und Moderatorin Annabelle Mandeng (Mitte) und Ronja Hilbig von der Band "Queensberry" posieren mit Stefan Raab nach ihren Sprüngen in der Olympia-Schwimmhalle in München©

Respekt, Stefan Raab! Das macht dem ProSieben-Quoten-Garanten so schnell kein anderer im deutschen Fernsehen nach: Viereinhalb Stunden lang springen ein Haufen C-Promis, Playboy-Mädels mit drei Spitzensportlern und dem Entertainer selbst um die Wette ins Wasser – und was bei Olympia allenfalls für TV-Quoten im unteren einstelligen Bereich sorgt, beschert hier nicht nur der Senderkasse Werbeblöcke ohne Ende, sondern auch einen herausragenden Zuschauerzuspruch. Mag das "TV Total Turmspringen" auch als Dauerwerbesendung mit Produktplatzierungen daherkommen, der Unterhaltungswert der Moderatoren sich spätestens nach dem ersten Durchgang irgendwo unterhalb der Gürtellinie einpendeln: Nicht nur in der ausverkauften Münchner Olympia-Schwimmhalle johlt das Publikum vor Begeisterung.

Dabei ist der Meister selbst an diesem Abend bestenfalls prominenter Nebendarsteller, denn mit je drei Sprüngen im Einzel- und Synchronwettkampf reicht es eben auch nur für ein halbes Dutzend Kurzauftritte vor den Moderatorenmikros. Die indes gehören immer noch zu den besseren an diesem Abend: "Ich weiß auch nicht, warum die Schraube nicht zustande gekommen ist", grinst Raab frech in die Kamera, nachdem er seinen Salto rückwärts mit halber Schraube vom Drei-Meter-Brett ziemlich verklatscht hat – doch da die von ihm ausgesuchten Kampfrichter ein Herz für massige Körper haben, reicht es dann im Einzelspringen noch gerade für den Einzug ins Finale.

Der Witz säuft ab

Und für alle weiblichen Teilnehmerinnen für reichlich sexistische Anmachsprüche – allerdings weniger von männlicher Seite als vielmehr von Moderatorin Sonya Kraus, die eine(n) jede(n) vor dem Eintauchen noch vors Mikro holt. "Unser erstes megaheißes Gerät am heutigen Abend", kündigt die Blondine Nacktmodell Micaela Schäfer an – dabei hat Kraus selber mächtig Mühe, ihre ausufernde Oberweite im knallengen Latexkorsett zu halten. Model Amelie Klever wird angesichts ihrer Badekappe ein "Präservativ am Kopf" verpasst, Castingshow-Jurorin Fernanda Brandao hat natürlich "einen Körper wie gemeißelt" – und im zweiten Durchgang brennen dann alle Geilheits-Sicherungen durch, wird Schäfer kurzerhand aufs reine Lustobjekt reduziert: "Sie ist leider immer noch angezogen – kannst Du Dir beim Salto nicht doch die Sachen vom Körper reißen?"

Und auch Quoten-Ossi Olaf Schubert, der die Springer nach dem Auftauchen am Beckenrand mit Fragen quält, will da nicht zurückstehen: "Der innere Olaf steht kurz vor der Eruptio"“, japst der Moderator angesichts des feuchten Körpers – am Ende reicht's bei ihm allerdings lediglich für geistige Implosionen…

Sportlich respektable Leistungen

Dass sich die 270 Minuten dennoch halbwegs kurzweilig gestalten, dafür garantiert der sportliche Anspruch: Denn das Niveau unter den fast ausschließlichen Hobbysportlern ist überraschend hoch. Da zeigen Model Annabelle Mandeng wie auch Queensberry-Sängerin Ronja Hilbig jeweils einen fast sauberen anderthalbfachen Salto vom 5-Meter-Brett, überrascht Rapper B-Tight von der gleichen Höhe mit einem anderthalbfachen Salto rückwärts samt halber Schraube. Und wenn Hilbig aus 7,5 Meter Höhe ihren anderthalbfachen Auerbachsalto aus dem Handstand heraus absolviert, ist nicht nur die Begeisterung im Publikum, sondern auch bei Sportreporter Ronald Ringguth groß.

Überhaupt sorgt der Eurosport-Mann dafür, dass keiner der Teilnehmer auch nur einen Sprung lang der Lächerlichkeit preis gegeben wird, sondern stets der Wettkampfgedanke im Mittelpunkt steht – selbst für Eltons verunglückten Gesichtsklatscher im Synchronspringen mit Raab, der eher an den freien Fall eines nassen Sacks mit vier hilflos rudernden Armen erinnert, findet Ringguth noch freundliche Worte. Und auch Ehrgeizling Raab, der nach diesem verunglückten gemeinsamen Salto rückwärts vom Fünfer die Verteidigung der letztjährigen Vizemeisterschaft abschreiben muss, kommt aus dem Lachen nicht mehr heraus: "Sorry, ich hab's vermasselt, Elton…"

"Volles Risiko"

Dass am Ende im Doppel mit Raphael Holzdeppe und Björn Otto die olympischen Silber- und Bronzemedaillengewinner im Stabhochsprung ganz oben auf dem Treppchen landen, überrascht niemanden wirklich. Eher schon, dass Mandong nach ihrem zweiten Platz im Synchronspringen mit Ilka Semmler auch den Einzelwettkampf gewinnt: Hatte doch hier in der Vorrunde Turn-Ass Fabian Hambüchen die Konkurrenz nach Belieben dominiert. Doch im Finale wagt der Olympiaheld dann zu viel mit seinem dreieinhalbfachen Salto und schafft es nicht mehr, sauber ins Becken einzutauchen – „ich bin volles Risiko gegangen“, nimmt es der mehrfache Champion sportlich und verspricht, kommendes Jahr aufs Neue anzugreifen.

Vielleicht ist dann ja auch Stephen Dürr wieder dabei: Der Schauspieler war vor gut einer Woche im Training nach einem Sprung vom Drei-Meter-Brett so unglücklich mit der Stirn auf die Wasseroberfläche geprallt, dass der 38-Jährige nun an der Wirbelsäule operiert werden muss. Dass Raab da für ihn noch nicht einmal einen Satz mit Genesungswünschen übrig hatte, hinterließ am Ende allerdings dann doch noch einen bitteren Nachgeschmack.

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