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Trauerspiel mit Löffel

Uri Geller ist wieder da. Der Magier, der alle paar Jubeljahre mal die Nation mit Löffelverbiegen und telepathischem Uhren-Reparieren in Atem hält, sucht in einer Marathon-Show auf Pro7 seinen Nachfolger. Warum eigentlich?

Von Björn Erichsen

Er stottert, er schwitzt, zeichnet hilflos mit dem Finger eine Art Violinenschlüssel in die Luft. So präsentierte sich Zauberkünstler Uri Geller, inzwischen in die Jahre gekommen, mit grauem, kurzen Haar und Brille auf der Nase, am Montagabend bei TV Total. Seine Aufgabe: Er sollte eine Figur erraten - ein Quadrat mit vier Punkten darin -, das Moderator Stefan Raab zuvor auf ein Blatt Papier gemalt hatte. Doch es lief wie so oft, wenn Geller spontan gebeten wird, einen Beweis für seine angeblich übersinnlichen Fähigkeiten zu erbringen: "Ich kann es nicht, der Druck ist zu groß."

Raab war sichtlich amüsiert über das unbeholfene Gebaren, musste aber gute Miene zum Uri-Geller-Trauerspiel machen. Vor ein paar Jahren noch hatte er deutlichere Worte für das Wirken Gellers gefunden ("Was für einen riesiger Sch..."), als dieser das deutsche Fernsehen noch für RTL heimsuchte. Doch nun ist Geller für Raabs Heimatsender ProSieben im Einsatz und präsentiert neun Wochen lang "The next Uri Geller - Unglaubliche Phänomene". Darin wählt der Magier aus zehn Nachwuchszauberkünstlern seinen Nachfolger als "größten Mystifer" aller Zeiten aus. Warum der Münchner Sender den angestaubten Uri Geller aus der Zaubermottenkiste holt, liegt auf der Hand: Das Original der Show "The Successor" erreichte in Israel und den USA ansehnliche Einschaltquoten. Und ProSieben braucht mal wieder dringend einen Quotenerfolg.

Für den ist Uri Geller immer mal wieder gut. In ärmlichen Verhältnissen 1946 in Tel Aviv geboren, sorgte das ehemalige Fotomodel Anfang der Siebziger Jahre weltweit für Furore, als er in diversen Fernsehshows mit seinen Künsten aufwartete: Angeblich durch telepathische Kräfte kopierte er versteckt gemalte Zeichnungen, brachte stehen gebliebene Uhren zum Ticken und verbog oder zerbrach immer wieder Essbesteck. Sein Markenzeichen. Auch Deutschland wurde 1974 vom Uri-Geller-Fieber erfasst, als der in der ZDF-Sendung "Drei mal neun" auftrat und die Löffel der Nation verborg. Geller war für einige Zeit Gesprächsthema Nummer eins, selbst der "Spiegel" widmete ihm eine Titelseite: "Gibt es den Faktor Psi? Uri Gellers rätselhafte Kraft".

"Ein Zauberkünstler wie viele andere auch"

"Die Darbietungen von Uri Geller sind alles andere als rätselhaft", sagt dagegen Mark Schmidt, selbst als Zauberkünstler tätig und im Vorstand der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V., zu stern.de. "Geller ist ein Zauberkünstler wie viele andere auch, allerdings noch nicht einmal ein besonders spektakulärer. Wir bezeichnen ihn als sogenanntes 'One-Trick-Pony', weil er seit dem 70ern mit dem immergleichen Repertoire unterwegs ist", sagt Schmidt. "In jedem Fall lässt sich jeder einzelne von Gellers Tricks mit einfachen Mitteln erklären. Wir tun das auf unserer Webseite."

Nun kann man Bühnenmagiern sicher nicht vorwerfen, Tricks zu verwenden. Es ist ihr Job, das Publikum mit einer perfekten Illusion täuschen und dadurch in Staunen zu versetzen. Bei Geller aber liegt die Sache anders: Er selbst beharrt darauf, übersinnliche Kräfte zu besitzen. So will er im Alter von fünf Jahren ein "Lichterlebnis" gehabt haben. Dabei sei er von einer hellen Lichtkugel verfolgt worden, die ihm dann per Laserstrahl seine Fähigkeiten eingeimpft haben soll. Diese Geschichte erzählt Geller heute noch. Abstand nimmt er hingegen davon, dass seine übersinnlichen Kräfte direkt von Gott stammen sollten oder aber von Außerirdischen des Planeten Hoova, was er früher gern zum Besten gab.

Ein Kollege hielt ihn von Manipulation ab

Diese selbst verliehene übersinnliche Aura ist der Grund dafür, warum andere Zauberkünstler - ansonsten eher eine verschwiegene Gemeinde - immer wieder Ehrgeiz entwickelten, Gellers Tricks offen zu legen. Der Magier James Randi etwas liefert sich seit Jahrzehnten eine Privatfehde, nachdem Geller ihn für die Behauptung verklagt hatte, dass einer seiner Tricks von einer Cornflakes-Packung stammen würde. Die Packung konnte tatsächlich aufgetrieben werden, und Geller verlor den Prozess. Randi sorgte 1973 auch höchstpersönlich dafür, dass Geller vor einem Auftritt in der Johnny-Carson-Show seine Löffel im Vorfeld nicht manipulieren konnte, woraufhin nicht ein einziger seiner Tricks funktionierte.

Legendär sind auch Gellers sportliche Missgriffe: Egal, ob er nun den Erfolg des Englischen Nationalteams bei der EM 1996 im Halbfinale gegen Deutschland vorhersagte, oder einen Formel1-Triumph von David Coulthard prophezeite - Geller lag so gut wie immer daneben. Kürzlich wehrte er sich erfolglos gegen die Veröffentlichung eines Videos, in dem deutlich zu sehen ist, wie er sich beim israelischen Original von "The next Uri Geller" einen Magneten über den Finger schiebt, bevor er auf scheinbar wundersame Weise eine Kompassnadel zum Ausschlag bringt.

Geller war Teilnehmer beim Dschungel-Camp

Doch all dies konnte bis heute seine Popularität nicht brechen - darin besteht das eigentliche Phänomen Uri Geller. Trotz aller Entzauberung hat er es immer geschafft, im Gespräch zu bleiben: sei es als Teilnehmer der englischen Variante des Dschungel-Camps (Geller wurde als erster rausgewählt), oder mit der dreisten Behauptung, er habe unmittelbar am Ende des Kalten Krieges mitgearbeitet, da er einem russischen Unterhändler mit positiver Energie bombardiert habe, damit dieser dem Abrüstungsvertrag zustimmt.

Und für so jemanden sucht ProSieben nun also einen Nachfolger. Für den Titel des "größten Mystifiers aller Zeiten" hat man allerdings auch ein paar würdige Kandidaten auftreiben können: Vincent Raven etwa, den mit seinem Raben-Weibchen Corax eine mentale Verbindung zusammenschweißt, oder "Farid", der sich genau daran erinnert, wie er als Kleinkind wie von Geisterhand aus seinem Bett gehoben wurde. Was der Zuschauer davon halten kann, verrät ProSieben sogar selbst in seinem Slogan, wenn auch nicht ganz freiwillig "Mystifier" ist ein selbsterschaffenes Kunstwort, das sich in keinem Lexikon findet. Das Verb "to mystify" gibt es im Englischen hingegen schon. Es heißt soviel wie: verwirren, täuschen, irreführen.

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