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Unsere Eltern, die Nazis

Die neue ARD-Dokumentation "Vater, Mutter, Hitler" erzählt die Geschichten von vier Menschen in der NS-Zeit anhand ihrer Tagebücher. Das Besondere: Auch die Kinder der Protagonisten kommen zu Wort.

Von Alina Schwermer

Filmaufnahme aus der ARD-Doku "Vater, Mutter, Hitler"

Der SS-Mann und "Judengeneral" Felix Landau (gespielt von Michael Steinkocher) gibt im Film das erschreckendste Beispiel für menschliche Skrupellosigkeit ab

"Sein Ruhm steigt zu den Sternen", notiert die Hamburgerin Luise Solmitz in ihr Tagebuch. "Der Heiland ist er. Es liegt Jubel, Erlösung, Rausch in der Luft." Sie schreibt über Adolf Hitler. Später, Jahre nach 1933, wird die wohlhabende Bürgerin anders denken: Ihr Mann ist Jude. Er kommt nur knapp mit dem Leben davon. Es sind Biografien mit teils erstaunlichen Wendungen, die die ARD-Doku "Vater, Mutter, Hitler" (ARD, 23.30 Uhr) aus der NS-Zeit erzählt, Geschichten ganz unterschiedlicher Menschen. Manche der Protagonisten haben Spuren in den Geschichtsbüchern hinterlassen, so wie der skrupellose SS-Mann und "Judengeneral" Felix Landau, der Menschen in der Ukraine abschlachtet, oder der Wehrmachtsoffizier Wilm Hosenfeld, der vielen Juden das Leben rettet. Andere, wie die Arbeitertochter Ida Timmer, interessieren sich nicht groß für Politik. Doch eines haben die vier Protagonisten gemein: Sie schreiben ein Tagebuch - das von ihren jeweiligen Kindern entdeckt wird. Anhand der Einträge lässt Regisseur Tom Ockers in "Vater, Mutter, Hitler" den NS-Alltag in Spielszenen wieder aufleben, ergänzt von Kommentaren der Nachkommen.

"Vater, Mutter, Hitler" macht die Massenhysterie von 1933 greifbar

Das Ergebnis ist eine ungewöhnliche Doku, spannend, erkenntnisreich und vielschichtig. Hätte man Luise Solmitz nach dem Krieg gefragt, wie sie über Hitler dachte, hätte sie vielleicht von der Angst um ihren jüdischen Mann erzählt, von der Erniedrigung ihrer Tochter und der Diskriminierung im eigenen Viertel. Dass sie Hitler einst Heiland nannte und Deutschland groß sehen wollte? Verschwiegen oder verdrängt. Ida Timmer versucht später, ihr Tagebuch zu verstecken, damit die Kinder nicht erfahren, dass sie auch über den Krieg hinaus NS-Anhängerin war - die Töchter finden es trotzdem.

Dank der Tagebücher sehen wir die ganze Geschichte. Das macht sie erschreckender und zugleich verständlicher. Wir sehen, wie die vier Protagonisten in einer Zeit von politischem Chaos, Unsicherheit und Armut aufwachsen. Ida Timmers Familie lebt von trockenem Brot; die Angst vor dem Verhungern ist real, die Wut auf die Siegermächte des Ersten Weltkriegs sitzt tief. Die Massenhysterie 1933? In "Vater, Mutter, Hitler" wird sie greifbar.

"Der Mensch hat Abgründe, die wir nicht glauben können"

"Der Mensch hat Abgründe, die wir nicht glauben können", sagt Teja-Udo Landau. Er ist der Sohn des SS-Massenmörders Felix Landau, jenes Protagonisten, der im Film das erschreckendste Beispiel für menschliche Skrupellosigkeit abgibt. Zum ersten Mal spricht Landau junior öffentlich über seinen Vater. Als er 2001 das Tagebuch entdeckt, kann er es nicht fassen. "Meine Welt ist zerbrochen." Den Vater selbst lernte er wegen dessen Verhaftung erst mit 31 Jahren kennen; damals habe der alles schöngeredet. "Das waren keine Juden, das waren Partisanen." Oft sei der Vater aufbrausend und nervös gewesen; "ich glaube, er hat Rache gefürchtet." Seit Teja-Udo Landau das Tagebuch kennt, haben sich mehr Fragen als Antworten ergeben. "Dieser große Hass auf die Juden - warum?" Sein Vater ist ein uneheliches Kind, die Mutter heiratet einen Juden. Schürt das seinen Hass? Oder ist die Ideologie, wie Landau junior glaubt, vor allem "ein Vorwand, sich zu bereichern"? Nur Vermutungen, keine Antworten.

"Vater, Mutter, Hitler" ist so beklemmend, weil der Film Landau senior nicht nur als verblendeten Massenmörder charakterisiert - sondern auch seine normale, menschliche Seite zeigt. Felix Landau schreibt seiner Frau innige Liebesbriefe, seinem Tagebuch vertraut er in poetischem Ton seine große Liebe und Sehnsucht nach gemeinsamem, harmonischem Leben an. Dann wird er nach draußen gehen und willkürlich Juden erschießen. "Sein Verhalten wirkt für mich schizophren", sagt Teja-Udo Landau. Er erinnert sich, wie sein Vater später vor den Enkeln den großen Macho gab. Dabei sagte er oft: "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu." Die Enkel werden darüber später den Kopf schütteln: "Wie konnte er so was sagen?"

Hoffen, dass sich Geschichte nicht wiederholt

Schlussendlich beeinflusst "Vater, Mutter, Hitler" auf zweifache Art: Das Publikum und die Mitwirkenden. "Der Film war das erste Mal, dass ich mich öffnen konnte", sagt Teja-Udo Landau. Er sieht ihn als Chance, mit den Erkenntnissen aus dem Tagebuch fertig zu werden: "Damit ich wieder ruhig schlafen kann."

Andere wie Jorinde Krejci, Tochter des Judenretters Wilm Hosenfeld, haben wenig Böses zu verdauen. Doch gerade deshalb legt sie Wert auf die Botschaft: "Es ist ungeheuer wichtig, dass man diese Dinge weiß. Wenn ich heute Pegida-Demos sehe, macht mich das traurig. Da frage ich mich: Haben die Deutschen nichts gelernt?" Krejci und Landau hoffen darauf, dass ihre Schicksale helfen, dass Geschichte sich nicht wiederholt. Ein paar Fragen bleiben den Kindern: Warum entscheidet sich ein Mensch so, der andere ganz anders? Warum ändern so wenige ihre Meinung? Und vor allem: Wie viel Vater oder Mutter steckt in mir? Mal verunsichert diese letzte Frage zutiefst, mal ist sie ein Ansporn.

Alina Schwermer
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