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"Sie behandeln uns wie ein Stück Dreck"

Günter Wallraff hat sich in seiner neuen "RTL"-Reportage mit den Jobcentern beschäftigt, die rund eine Million Langzeitarbeitslose betreuen. Was er herausfand, ist erschreckend.

  "Das ist ein Verbrechen": ein Jobcenter in Leipzig

"Das ist ein Verbrechen": ein Jobcenter in Leipzig

Über zehn Jahre ist es her, seit die Hartz-IV-Reformen beschlossen wurden, und meistens werden in Deutschland nur Loblieder auf die angebliche Erfolgsstory der Regierung Schröder gesungen. Sie hat aber zwei Seiten - und die eine davon ist wohl eher düster zu nennen. Denn eines ist klar: Die über eine Million Langzeitarbeitslosen profitieren nicht von dieser historischen Umwälzung des Sozialstaates.

Der Enthüllungsjournalist Günther Wallraff, der zuletzt in seiner "RTL"-Reportage die unappetitlichen Zustände in deutschen Burger King-Filialen aufdeckte, widmet sich in seinem neuen Film den Zuständen in deutschen Jobcentern - und was er zu Tage förderte, macht auf gruselige Art deutlich, wie ein System zu Lasten der Betroffenen vollkommen außer Kontrolle geraten ist.

Ein Spaziergang mit Lamas

Der absurde Höhepunkt der Reportage ist der Spaziergang mit den Lamas. Acht Langzeitarbeitslose werden in einer Weiterbildungsmaßnahme einen halben Tag lang dazu verdonnert, sich den südamerikanischen Tieren zu widmen. Wallraff begleitete getarnt als Tourist den "Kurs". Einer kleinen Einführung zur Natur der Tiere ("Sie spucken aus Futterneid") folgt ein Spaziergang mit den Tieren, bei dem je zwei Langzeitarbeitslose ein Lama führen müssen. Welchem Sinn und Zweck die Aktion dient, bleibt offen.

So ist es mit vielen Weterbildungs- und Motivationsmaßnahmen. Die Teilnehmer müssen sinnlose Vorträge anhören, zum x-ten Mal Bewerbungstrainings absolvieren und sinnlose Motivationsspielchen über sich ergehen lassen. Der Frust steigt, das Ganze ist demütigend und die erfolgreiche Vermittlung in einen neuen Job liegt bei vier bis sechs Prozent. Es ist absurd. Rund vier Milliarden Euro gibt die Agentur für Arbeit für solche Maßnahmen aus. Wallraff und sein Team prangern diese Umstände zu Recht an.

Die perverse Logik des Systems

Aber warum gibt es solche Maßnahmen, wenn der Erfolg gering ist? Hier kommt die perverse Logik eines Systems ins Spiel, das die Menschen hin- und herschiebt, um sich selbst zu rechtfertigen. "Da wird nur Arbeitslosigkeit verwaltet", berichtet ein Jobcenter-Mitarbeiter. Schließlich müssen die Vorgaben der Chefs umgesetzt werden. Außerdem existiert eine ganze Industrie an Trägerfirmen, die sinnlose Maßnahmen anbieten. Man profitiert voneinander. Das Jobcenter kann behaupten, dass es sich um die Langzeitarbeitslosen kümmert, die Träger erhalten Aufträge.

Das ist aber nur ein Teil der Wahheit im dunklen Universum Jobcenter. Einem Mitarbeiter von Wallraff gelingt es, über einem längeren Zeitraum als Prakitkant in einem Jobcentern zu arbeiten, sie führen außerdem zahlreiche Gespräche mit Mitarbeitern, die unerkannt bleiben wollen. Was sie und der Zuschauer zu hören bekommen, gleicht mehr einer Verwaltungshölle. Von einer engagierten Institution, die sich für die "Kunden" einsetzt - keine Spur. "Das ist ein Verbrechen", so beschreibt ein Mitarbeiter das Wirken der Jobcenter.

Da gibt es die totale Arbeitsüberlastung. Maximal soll jeder Jobcenter-Mitarbeiter 150 Langzeitarbeitslose betreuen. Diese Zahl existiert aber nur auf dem Papier. Meist sind es dreihundert oder vierhundert Fälle (oder noch mehr). Es wird getrickst und geschönt, so kann man brav die Zahlen melden, die man in Nürnberg bei der Bundesagentur für Arbeit und in der Politik hören will. Tatsache ist: Es gibt viel zu wenig Personal. Wallraff und sein Team berichten glaubwürdig von Fällen, in denen Akten vernichtet wurden, um nicht zu Arbeit zu ersticken.

Nahles lehnt Interview ab

Das führt zu Frust auf beiden Seiten, der Ton ist gegenüber den Kunden häufig rau und herablassend, Anträge können nicht fristgerecht bearbeitet werden, Geld wird zu spät überwiesen - es ist ein täglich gelebter Albtraum: "Sie behandeln uns wie ein Stück Dreck, Abfall", beschreibt eine Arbeitslose ihre Erfahrungen mit dem Jobcenter-Mitarbeitern. In der Regel sind nicht mehr als fünf bis zehn Minuten für die wichtigen Gespräche mit den Hilfesuchenden drin. Da soll dann ein stimmiges Jobprofil gefunden werden. Einer ausgebildeten, jungen Köchin beschied eine Jobcenter-Mitarbeiterin nach fünf Minuten, sie solle jetzt Nageldesignerin werden.

Es bleibt die Frage nach der Verantwortung - und die ist leicht zu beantworten. Sie liegt bei der Politik, die sich weigert, mehr Geld in die Jobcenter zu investieren. Stattdessen gibt es ein rabiates System von Vorgaben und Tricksereien, um Effizienz vorzutäuschen. Der größte Betrug findet bei der Berechnung der Arbeitslosenzahlen statt. 2,7 Millionen Menschen waren es im Herbst 2014 (im Januar 2015 3 Mill.). Davon werden laut Wallraff rund 1,17 Millionen Menschen aus der Statistik herausgerechnet. Schwangere Frauen, Kranke, Arbeitslose, die für kurze Zeit in Billigjobs gesteckt werden, wohl wissend, das sie bald wieder auf der Schwelle der Jobcenter stehen - sie alle tauchen in der offiziellen Statistik nicht auf. Stefan Sell, Professor für Wirtschaft und Kritiker des Systems sagt: "Man hat vor der Langzeitarbeitslosigkeit kapituliert."

Wallraff und seinen Mitarbeitern ist ein gelungener, aufrüttelnder Einblick in eine Welt gelungen, die zu unrecht zu oft im Abseits steht. Jeder, der schon einmal Erfahrungen gemacht hat in einem Jobcenter, wird die Schilderungen und Zustände bestätigen. Selbstverständlich wurde auch an höchster Stelle ein Interview zum Thema angefragt, aber Arbeitsministerin Nahles von der SPD hat abgelehnt.

Tim Schulze
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