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Überbohlt und ausgeklumt

Superstars, Topmodels und Supernichtsnutze. Was hat die Arbeit von Dieter Bohlen und Heidi Klum eigentlich mit Andy Warhols berühmten 15 Minuten zu tun? Weniger als wir glauben - und mehr als uns lieb sein sollte. Ein Pamphlet gegen die Ich-will-berühmt-sein-Psychose.

Von Sophie Albers

"In the future everyone will be world-famous for 15 minutes" ("In Zukunft wird jedermann für 15 Minuten Weltruhm erlangen") hat Andy Warhol im Jahr 1968 verkündet. Seither wird dieser Satz immer wieder als Entschuldigung genutzt für Menschen, die im Scheinwerferlicht stehen, und das nicht, weil sie etwas können, sondern gerade deshalb, weil sie nichts können. Das war gelegentlich ganz amüsant, doch ist es langsam an der Zeit, mal darauf hinzuweisen, dass Warhol eigentlich etwas anderes gemeint hat.

Seit Jahren schon versuchen TV-Shows aus dem Nichts "Pop-", "Superstars" oder auch "Topmodels" zu stampfen. Wer seine Portion Ruhm da nicht kriegt, versucht es dann eben als Leserreporter, der wenigstens den "Superstar"-Juror Dieter Bohlen in Badehose erwischt. Oder er schreibt ein Blog, in dem es um Sex, Musik oder Drogen all derer geht, die ungerechterweise eine größere Portion Ruhm abbekommen haben als man selbst.

Mittlerweile sind wir überbohlt, gekübelböckt, ausgeparist und definitiv über alle Maßen geklumt. Vor allem aber zugemüllt mit diversen Ausformungen der Ich-will-berühmt-sein-Psychose völlig unbekannter Menschen, deren Namen wir uns nicht merken können. Menschen, um die wir uns niemals scheren würden, hätten die bekannten Multiplikatoren ihre Namen nicht immer wieder in unsere Hirne geblasen. Und dann ist eben das passiert, was auch bei jedem Madonna-Song geschieht: Man hört ihn so häufig, dass er selbst dann zum Ohrwurm wird, wenn er keiner ist. Der "Nachdem ich den Song 27.000-mal gehört habe, fand ich ihn doch ganz gut"-Effekt.

Zu Beginn hieß das noch Unterhaltungs-Revolution, mittlerweile verkommt es zum kollektiven Selbstmordversuch der Showbranche. Denn wenn wir alle Star sind, wer soll uns dann eigentlich bewundern?

"Ich bin ein zutiefst oberflächlicher Mensch"

Zurück zu Warhol: Der Papa der Popkultur würde sicherlich noch um einiges blasser vor Begeisterung, wenn er wüsste, wie genau seine Prophezeiung eingetroffen ist. Wie die meisten Menschen liebte auch der sonnenbebrillte Pop-Art-Künstler Stars und Promis, auch wenn er sich mit dem dahinter stehenden Prinzip weitaus zeitaufwändiger auseinandergesetzt hat als der TV-gefangene Rest. Ein bisschen Aufmerksamkeit sollte man dem Mann, der von sich sagte, er sei "zutiefst oberflächlich", jedoch ruhig mal gönnen.

Nicht nur, dass die ständige Paraphrasierung seiner "15 Minuten Ruhm" ihn langweilte, er hatte sie eigentlich auch anders gemeint: als Anerkennung der Macht der Medien. Der Star stecke nicht in jedem von uns, er stecke allein in der Zuschreibung. Deshalb nannte Warhol seine Factory-Jünger eben auch "Superstars", denn in Zukunft seien 15 Minuten die Zeit, die für den Ruhm übrig bleiben, weil es einfach zu viele Stars gibt.

Die Magie ist hin

Aber was ist das eigentlich, ein Star? Etwas Besonderes, einer, der in irgendetwas besser ist als alle anderen. Ob das entdeckt wird, ist wiederum eine Frage des Glücks und natürlich der Verbindungen. Ist beides vorhanden, wird er aus der Masse gehoben, die ihn dann bestaunt. Was bedeutet, dass auch Hans und Helga davon träumen können, ein Talent zu haben, das der Entdeckung harrt. Deshalb funktioniert Harry Potter auch so gut: Die Sehnsucht nach dem Besonderen ist das Benzin im Star-Motor.

Doch dann kamen die Superstars, die Superblogger, die Topmodels und Top-Kakerlakenesser und haben das Starkonzept auf den Kopf gestellt, haben es mit Beliebigkeit abgetötet. Die Magie ist dahin - angesichts der Bohlenschen und Klumschen Menschenmaterialverwertung. Die "Superstar"-Maschine begeht ein Sakrileg, indem sie den Leuten die Botschaft überbringt, dass man gar nichts können muss, um ein Star zu werden: Du siehst scheiße aus und kannst nicht singen, aber die Leute lachen über dich? Hier ist dein Vertrag, Schätzchen. Du siehst scheiße aus und kannst nicht singen, und die Leute finden dich nicht mal witzig? Wie wär's mit einer gut dokumentierten Geschlechtsumwandlung? Du bist nichts als ein blonder Witz, dafür aber steinreich mit Hang zum Exhibitionismus? Willst du nicht unser Parfüm, unseren Champagner, <"Bitte Produkt eingeben"> bewerben? Alles ist möglich.

Freiwillig gegangen

Oder doch nicht? Denn wenn jeder ein Star ist, ist es keiner mehr. Das ist die Kehrseite. Und die scheinen wir fast vergessen zu haben. Die Stars, die vielleicht doch noch etwas können, haben wir fast alle erledigt: das Star-Geheimnis? Vergessen Sie's . Wir wissen, wie sie aussehen, wenn sie betrunken sind, wenn sie auf dem Klo sitzen oder wenn sie in der Nase bohren, bei vielen sogar, was sie im Bett so treiben. Wenn der Paparazzo nicht schnell genug war, der Leserreporter ist es.

Nennen wir es die Ära der großen Demystifikation, die erstaunlicherweise der Ära des Zynismus folgte. Kein Geheimnis, nirgends. Einfach nur die nackte Wahrheit. Doch jetzt, da wir alle entblößten Hintern gesehen haben, wünschten wir doch manchmal, es wäre nicht so. Weil es keinen Spaß macht, weil es eben den Zauber nimmt. Vielleicht hat Gott Adam und Eva ja gar nicht aus dem Paradies geschmissen, sondern sie sind von alleine gegangen - weil es so verdammt langweilig war im Zustand der allumfassenden Erkenntnis.

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