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7. Oktober 2007, 12:32 Uhr

Sitzfleisch in der Familienkutsche

Thomas Gottschalk feiert sein 20-jähriges Jubiläum als Moderator von "Wetten, dass..?". Bei der Show am Samstagabend in Basel ging es daher mal wieder vor allem um eines: um Gottschalk selbst. Und vieles spricht dafür, dass dies noch einige Jahre so bleiben wird. Von Björn Erichsen

Thomas Gottschalk mit Wettkandidat Gerhard Donie, der im Stile eines Messerwerfers WC-Saugglocken auf die entblößten Rücken seines zehnköpfigen Teams schleuderte© DDP

"Wir sind alle ersetzbar und werden irgendwann zum Auslaufmodell." Anlässlich seines 20-jährigen "Wetten,dass..?"-Jubiläums gab Thomas Gottschalk im großen "Bild"-Interview durchaus Nachdenkliches zu Protokoll. Sollte das etwa Altersweisheit sein? Wohl kaum, denn im gleichen Atemzug bekräftigt das berufsjugendliche Fernseh-Urgestein, dass er noch etwas länger weitermachen möchte. Allen Kritikern zum Trotz, die ihm nach jeder Sendung den Tipp geben, sich mit Ehefrau Thea einen schönen Lebensabend in Malibu zu gönnen. Für seine Beharrlichkeit sieht er einen guten Grund: "In aller Bescheidenheit sehe ich niemanden, der das, was ich mache besser macht als ich."

Nun mag es an der deutschen Liebe zu Beständigkeit liegen, dass sich auch viele Zuschauer nach zwei Dekaden Gottschalk niemand anderen bei "Wetten, dass..?" vorstellen mögen - weder Geheimfavorit Günther Jauch noch Johannes B. Kerner und schon gar nicht Oliver Pocher, von dem viele sagen, dass er doch eigentlich dem jungen Gottschalk am ähnlichsten sei. Und dennoch: Nach nunmehr 122 Sendungen erinnert Gottschalk fatal an Helmut Kohl in seinen letzten Amtjahren. Kritikresistent, selbstgefällig, reformscheu, Änderungen bei seiner Show lehnt er kategorisch ab: "Der Porsche muss immer aussehen wie der Porsche und 'Wetten, dass..?' muss immer aussehen wie 'Wetten, dass..?'"

Gottschalk ließ keine Möglichkeit der Selbstinszenierung aus

Wie ein schnittiger Sportwagen aus Zuffenhausen kam die 170. Ausgabe von "Wetten, dass..?" im beschaulichen Basel allerdings nicht gerade daher. Eher wie eine große Familienkutsche, die behäbig durch den Samstagabend zuckelt. Zwangsläufig ein Kombi, denn sonst würde das Ego des Moderators gar nicht hineinpassen: Gottschalk ließ kaum eine Möglichkeit der Selbstinszenierung aus. Bei einer Wette mit einem Traktor - es ging darum Styroporbälle per Auspuffausstoß in einen Basketballkorb zu befördern - konnte sich Gottschalk den Hinweis nicht verkneifen, dass er die "Zugmaschine beim ZDF" sei. Und auch beim Gespräch mit den Fußball-Weltmeisterinnen Birgit Prinz und Nadine Angerer ging es in erster Linie um ihn selbst. "Ihr habt ja eine Riesenbegeisterung in Deutschland ausgelöst. Am Sonntagnachmittag neun Millionen Zuschauer, das ist ja fast mein Bereich."

Besondere Aufmerksamkeit widmete Gottschalk, diesmal mit einer Art lilafarbenen Bettvorleger in Mantellänge bekleidet, US-Star Jennifer Garner, die gemeinsam mit Ray-Charles-Darsteller Jamie Foxx für ihren Nahost-Thriller "Operation Kingdom" warb. "Ich habe mich schon vor zwei Wochen bei der Premiere des Films in Los Angeles auf fünf Meter an dich rangewanzt, dich dann aber doch lieber nicht angesprochen. Sag, hättest du mich Ernst genommen?", umgarnte Gottschalk augenklimpernd und fast schon devot die Affleck-Gattin, die mit einem sündhaft kurzen, rotem Kleid für das optische Highlight des Abends sorgte. Ob Gottschalk seine nimmermüde Flirtfähigkeit meinte, als er sagte, dass er niemanden sieht, der das besser mache was er macht?

Die Stars hauen früh ab

Wirklich charmant präsentierte sich dagegen Oscar-Gewinner Jamie Foxx, der nach verlorener Wette eine zünftige Jodeleinlage zum Besten gab, bei der er von Melissa Etheridge auf der E-Gitarre begleitet wurde. Absolut hörenswert und ein Höhepunkt des Abends. Doch es war wie so oft bei "Wetten, dass..?": Die echten Stars aus Übersee verließen die Show frühzeitig und ließen trotz passabler Entschuldigungen (Garner: "Ich spiele Theater mit Kevin Kline") einen sichtlich genervten Gottschalk und einen Haufen deutschsprachiger Gäste zurück, die nur wenig zum Unterhaltungswert der Sendung beitrugen.

Einzige Ausnahme stellte noch Michael "Bully" Herbig, der sich im Laufe der Sendung in ein "Sissi"-Kostüm schälte, aber dabei ein wenig überdreht wirkte. Die Klitschkos durften mal wieder reinschauen und Suzanne von Borsody als Werbung für ihre Musikbibel minutenlang über die Parallelen zwischen Priesteramt und Schauspielerberuf fabulieren. Spätestens als Gottschalk die TV-Rentner Kurt und Paola Felix zum Gespräch bat (Der Grund für die Einladung: "Ich hatte sie noch nie als Pärchen da"), fühlte man sich endgültig in das Jahr 1987 zurückversetzt. Willkommen im TV-Museum des ZDF.

Unterhaltsame Wetten

Immerhin waren die Wetten - laut einer Umfrage der Zeitschrift "TV Guide" immerhin für 74 Prozent der Zuschauer ein Grund einzuschalten - besser als in den letzten Shows. Vor allem ein Wettkandidat aus dem Rheinland brachte Stimmung in die Halle, als er im Stile eines Messerwerfers WC-Saugglocken auf die entblößten Rücken seines zehnköpfigen Teams schleuderte, so dass diese haften blieben. Im "Pömpel-Rausch", wie Gottschalk mutmaßte waren die Zuschauer jedoch nicht. Sie wählten lieber einen Schweizer Busfahrer im Ruhestand zum Wettkönig, dem es mit viel Gefühl im Füdli - schwyzerdütsch für Hintern - gelang, einen zwölf Meter langen Doppeldecker-Bus auf einer nur acht Meter breiten Brücke zu wenden.

In der Show, in der sich nichts ändert, kam es kurz vor Toresschluss dann doch noch zu schier Revolutionären. Die "Wetten, dass..?"-Redaktion hat etwas am Format gefeilt. Künftig wird der Wetteinsatz nicht mehr von Gottschalk selbst vorgeschlagen, sondern von den Zuschauern via Bild-Zeitung. Für Gottschalk hatte das am Samstagabend nach traditionell verlorener Stadtwette - die Baseler waren selbstredend in der Lage ihren Münsterplatz mit Pflanzen, exotischen Tieren und einem Rudel Tarzan- und Jane-Imitaten in einen kleinen Schweizer Dschungel zu verwandeln - handfeste Folgen: Bis zum nächsten Mal hat er die Aufgabe, das Wohnzimmer eines Leipziger Zuschauers zu streichen und dafür Farbe, Pinsel und Rollen selbst mitzubringen. Begeistert schien Gottschalk nicht darüber. Er hätte sich wohl lieber wieder schlecht gekleidet, aber dafür medienwirksam in einen See gestürzt. Aber das kommt eben davon, wenn man Änderungen zulässt.

Ansonsten spricht nur wenig dafür, dass in nächster Zeit an "Wetten, dass..?" irgendetwas ändern wird. Gottschalk wird seinen Platz nicht kampflos räumen. Und das muss er auch gar nicht, denn er weiß natürlich, worauf es ankommt: "Wie es mit mir und der Show nach 20 Jahren weitergeht, entscheiden nach wie vor die Zuschauer. Und da bin ich ganz optimistisch." Kann er auch sein: Wieder einmal hat er es geschafft über elf Millionen Zuschauer am Samstagabend vor dem Bildschirm zu versammeln. So wird Gottschalk wohl noch einige Zeit, die behäbige Familienkutsche "Wetten, dass..?" mit ruhiger Hand durchs Programm lenken. Immerhin hat er noch einen Vertrag bis 2010 und wird dann 60 Jahre alt sein. Doch das muss noch lange nicht heißen, dass die Ära Gottschalk dann vorüber ist: Helmut Kohl ist schließlich auch erst mit 68 abgetreten.

Von Björn Erichsen
 
 
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