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Naidoo nervt

Der achte Bundesvision Song Contest hat durchaus Spaß gemacht. Doch der Wanderprediger und Schmusebarde Xavier Naidoo macht die Show unglaubwürdig.

Von Ina Linden

  Machen auf Newcomer: Rapper Kool Savas (l.) und Soulpopper Xavier Naidoo beim Bundesvision Song Contest

Machen auf Newcomer: Rapper Kool Savas (l.) und Soulpopper Xavier Naidoo beim Bundesvision Song Contest

  • Ina Linden

Xavier Naidoo ist nervös. Zumindest sieht er so aus. Als er nach seinem Auftritt von Stefan-Raab-Buddy Elton interviewt wird, hüpft er herum, schnappt sich Eltons Kopf und knutscht ihn spontan ab.

Kann das sein? Naidoo aufgeregt wie ein Newcomer bei dem als Plattform für unentdeckte deutschsprachige Popmusik etikettierten Bundesvision Song Contest? Naidoo, einer der Großen im deutschen Musikbusiness, der Mann, der deutschen Soul populär machte, seit fast 15 Jahren millionenfach seine Alben verkauft und mit Preisen überhäuft wird?

Das Berliner Publikum in der Max-Schmeling-Halle war offenbar nicht überzeugt und buhte den Sänger, der zusammen mit dem Rapper Kool Savas als Xavas und dem Song "Schau nicht mehr zurück" den Wettbewerb gewann, kräftig aus.

Der TV-Platzhirsch ruft das Publikum zur Räson

Man könnte sagen: eine normale Reaktion, für jemanden, der durch seine Musik so polarisiert wie der Schmuse-Soulbarde, der mit christlich-missionarischen Texten und viel Pathos einem guten Teil der deutschen Musikliebhaber gehörig auf den Keks geht. Andererseits zeigt die Reaktion vor allem, dass Raab es mit der Wahl seines "Favoriten" diesmal übertrieben hat.

Gut, das Konzept des Bundesvision Song Contest ist nach Raabs eigener Aussage, deutschsprachige Musik wieder stärker zu fördern, nachdem hiesige Interpreten beim Eurovision Song Contest jahrelang hintere Plätze belegten. Nur hätte halt auch ein etwas weniger etablierter Künstler wie zum Beispiel Peter Fox 2009 oder zuletzt Tim Bendzko komplett genügt, um Zuschauer vor die Fernseher zu locken. Dass Raab die immer schlechter gewordene Quote wieder rauftreiben will, ist verständlich. Mit Naidoo, der den im Radio längst rauf und runter gespielten Song "Schau nicht mehr zurück" zum Besten gab, macht sich Raab als Talententdecker aber unglaubwürdig. So musste der ansonsten fast apathisch im Hintergrund moderierende TV-Platzhirsch das erste Mal Emotionen zeigen und das Publikum mit einem "Xavas wird zurecht abgefeiert" zur Räson rufen.

Schade eigentlich, denn die zweitplatzierte Mädchenband Laing, die für Sachsen an den Start ging, hätte eine bessere Verpackung wirklich verdient gehabt. Die drei Sängerinnen um Nicola Rost zeigten eine überzeugende Elektropop-Nummer, getragen von der irritierend dunklen Stimme der Frontfrau und einem Sound irgendwo zwischen Kraftwerk und ein bisschen Nena – in der männerdominierten elektronischen Musik ein kleines Juwel. Dass der Song "Morgens immer müde" vor gut einem halben Jahrhundert von Schlagersängerin Trude Herr geschrieben wurde, schadet gar nicht - im Gegenteil. Der Song und die sexy Choreographie in schwarz-weißen Fledermauskostümen verleihen dem Auftritt Glanz. Stefan Raab zollte den Mädels mit einem müden "Style lohnt sich" immerhin Respekt.

Raab beschränkt sich auf stolz-gelangweiltes Dauergrinsen

Der Rest des Wettbewerbs lief wie gehabt. Die Bayrischer-Rundfunk-Moderatorin Sandra Rieß führte routiniert und mit der nötigen Bombastik ("Berlin war bisher das bekannteste Teilnehmerland der ganzen Geschichte") durch die Show, während sich Stefan Raab meist auf ein stolz-gelangweiltes Dauergrinsen beschränkte. Den Klamaukpart übernahm wie gewohnt Elton, der durchaus amüsant in den Gesangspausen die meist schon ziemlich angetrunkenen Musiker mit Fragen belästigte.

Aus dem beschaulichen Mix aus Jammerpop - wie dem drittplatzierten "Mich kann nur Liebe retten" der für Niedersachsen startenden Band Ich kann fliegen - und eingängigen Pop/Rock/Hiphop-Stückchen stach außer Laing vor allem die saarländische Combo Die Orsons mit Spaßrapper Cro hervor. Allerdings dürfte der Auftritt sogar hartgesottenen Eurovision-Song-Contest-Fans übel aufgestoßen sein. Der Song "Horst und Monika" über einen Transsexuellen, der nicht nur sein Geschlecht, sondern auch die politische Gesinnung ändert, wirkt mit rosa Gitarre und einem Wagen voller Kinder, die lange blonde Haare zu Schnurrbärten tragen, albern und deplatziert. Die Nummer verfehlt das Ziel der Band, das Thema Transsexualität musikalisch aus der Tabuzone zu heben.

Ihm wäre eine bessere Favoritenauswahl zu wünschen

Gut, dass Fettes-Brot-Sänger König Boris mit seinem Soloprojekt Der König tanzt und Vierkanttretlager mit der ebenfalls tanzbaren Akkordeon-Seefahrer-Nummer "Photoalbum" für kreative Unterhaltung sorgten. Das honorierten auch die Zuschauer, die Vierkanttretlager mit Platz 6 belohnten.

Bleibt zu hoffen, dass Stephan Raab auch 2013 wieder ein Talent ala Laing präsentieren kann. Mit einem besseren Händchen für die Favoritenauswahl bleibt der BuViSoCo das, was er sein soll. Eine wirkliche Alternative zur europäischen Schwestershow.

Ina Linden

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