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Improvisieren bis zur Perfektion

Schwarz, schnell, witzig und unglaublich cool: Mit der neuen Folge der ZDF-"Nachtschicht"-Krimiserie "Wir sind alle keine Engel" ist Regisseur Lars Becker erneut ein kleines Meisterwerk gelungen.

Von Vera Urweider

Ein neuer Fall für die Kollegen vom Kriminaldauerdienst: Erichsen (Armin Rohde) und Lisa Brenner (Barbara Auer) begeben sich in der aktuellen "Nachtschicht auf Verfolgungsjagd.

Ein neuer Fall für die Kollegen vom Kriminaldauerdienst: Erichsen (Armin Rohde) und Lisa Brenner (Barbara Auer) begeben sich in der aktuellen "Nachtschicht auf Verfolgungsjagd.

Lange genug musste man auf die neue ""-Folge "Wir sind alle keine Engel" des Hamburger Autors und Regisseurs Lars Becker warten. Denn Becker hat ein Credo: Qualität vor Quantität. Und das seit 13 Jahren. Maximal einmal jährlich lässt er sein Ermittlerteam rund um Erich Bo Erichsen (Armin Rohde), Lisa Brenner (Barbara Auer), Mimi Hu (Minh-Khai Phan-Thi) und Yannick Kruse (Christoph Letkowski) an die Arbeit. Die letzte Folge "Geld regiert die Welt" ist sogar schon mehr als zwei Jahre her. Wir haben es also mit Gelegenheitsermittlern zu tun. Quasi.

Mit seiner "Nachtschicht" Nummer zwölf gelingt eine Mischung aus luftig und leicht komisch, trotz mehrheitlich dunkler Kameraeinstellungen und tragischer Geschichte. Die Dialoge oft trocken und humorvoll und doch wird der Zuschauer ab und an schlucken müssen. Ein kleines Meisterwerk, das im Oktober des vergangenen Jahres auf dem Hamburger Filmfest eine ausverkaufte Premiere feiern durfte und definitiv auch auf der Leinwand mit einer schnellen Erzählfrequenz und dem sanft-spitzen Witz überzeugt.

"Kill your darling", sagt Moderatorin Milla (Katrin Bauerfeind) noch ganz salopp live am Mikrofon des Radiosenders Seven FM. Themenwoche: Schlussmacher-Tipps. Sie wartet gespannt auf erste Anrufer, die ihr verraten, wie sie am besten ihre Liebsten verlassen würden. Der türkischstämmige Pizzabote Mufti (Arnel Taci) ruft an – Milla solle mit seiner Freundin Sharronda (Alina Levshin) gleich selber Schluss machen. Am besten live auf Sendung. Diese dreht durch, schießt Löcher in die Decke und nimmt Geiseln in einem Blumenladen. Und noch nicht genug: Sharrondas leicht debile Brüder Dexter und Gordon - hervorragend gespielt von Tristan Seith und Edin Hasanovic - gehören der Neonaziszene an. "Wir sind alle keine Engel" nimmt schnell Fahrt auf, schmutzig und mit einer unglaublichen Energie schafft Becker hier eine weitere Hommage an seine Wahlheimat . Dass Millas Schlussmachen tatsächlich tödliche Folgen haben wird, ist in dem Moment des Anrufes noch niemandem bewusst.

Harte und genaue Arbeit

Beckers Nachtschicht folgt seit Beginn im Jahr 2002 demselben Prinzip: Der 90-minütige Film spielt meist in einer einzigen Nacht, in wenigen Stunden nur. Das verdichtet und intensiviert den Krimi fast von selbst. Und funktioniert auch nach zwölf Folgen noch einwandfrei. Dynamisch vielschichtig, jedoch nie hektisch.

Von weitem schon sieht man den Krankenwagen stehen, das Blaulicht dreht. Ein Pizzaverkäufer in roter Jacke (Mufti) liegt tot unter seinem Mofa, rund um ihn herum die schaulustigen Passanten. Ein Mann mit Hund spaziert am Geschehen vorbei. Drei Personen steigen aus einem schwarzen Auto, zwei Männer, eine Frau, sie gehen auf die Unfallstelle zu und zücken ihre Polizeiausweise. Es ist zwei Uhr nachts. Wir befinden uns am Set der aktuellen Nachtschicht-Folge "Wir sind alle keine Engel", November 2013.

"Die Arbeit mit Lars Becker ist immer etwas Besonderes", sagt Christoph Letkowski, der jüngste im Ermittlerteam. Er ist erst zum zweiten Mal in der Rolle des jungen und neugierigen Polizisten Yannick Kruse zu sehen. "Total unberechenbar" nennt er die Arbeit am Set. "Da kommst du hin und eine Szene, ein Dialog oder – und das ist fast das Extremste was passieren kann –, die Rollenmotivation ist komplett anders." Viel gelernt habe er. Auch durch das Zusammenspiel mit Armin Rohde, der mit 60 Jahren wohl gerade zu seiner Höchstform findet und dadurch zum TV-Dauerbrenner wird. Überhaupt lässt sich das Nachtschicht-Team sehen: Minh-Khai Phan Thi tanzt sich gerade in die Herzen der Zuschauer der aktuellen "Let's Dance"-Staffel und Christoph Letkowski ist mit "300 Worte Deutsch" und "Winnetous Sohn" gleich mit zwei Filmen im Kino.

Becker und Rohde sind ein eingespieltes Team

Eine Nachtschicht-Filmnacht entspricht ungefähr 20 Drehnächten. Meistens im Winter. Angenehmer als draußen auf der Straße ist es, im Kommissariatsbüro zu drehen. Die Komparsen sitzen im Cateringbereich und warten auf ihren Auftritt. Dösen, lesen, hören Musik. "Wir brauchen noch den für diese Szene", heißt es. "Ja, sie machen ihn drehfertig. Er raucht nur noch aus", die Antwort von draußen. Nachpudern. Haare richten. Margarita Broich, die Sharrondas, Dexters und Gordons Mutter spielt, schlägt sich ins Gesicht. Es ist zwei Uhr früh.

Man merkt schnell: Armin Rohde und Lars Becker sind ein eingespieltes Team. Seit der ersten Folge ist Rohde Kommissar Erichsen. Becker gibt Anweisungen, Rohde führt es aus, "genau, das mein ich", sagt Becker zufrieden, aber immer konzentriert. Ein Dreh braucht viel Geduld. Ein Nachtdreh noch mehr. Pause. Abbruch. Nochmal. Alle sind müde. Es ist fünf Uhr morgens.

Letkowskis Rolle Kruse hat heute nur wenig Text. Und doch muss er immer auf den Punkt spielen. "Das ist eigentlich noch fast schwieriger". Und dann die Details! "Der Blick muss bei jeder Wiederholung in dieselbe Richtung sein, sonst sieht es am Schluss aus, als würde man schielen", erklärt er. Margarita Broich und Barbara Auer beschließen, was sie anschauen. Auch die Rollen sind ganz gezielt und bewusst besetzt, bis in die kleinsten Nebenrollen. So überzeugt zum Beispiel Albrecht Ganskopf am Empfang des Kommissariatsbüros, Özgür Karadeniz als Polizeichef, Kida Khodr Ramadan als Halbbösling Roda Gemayel oder Clemens Schick als Ronny Vogel.

Sechs Uhr früh. Drehschluss. Die Blicke blass. "Bei Nachtdrehs ist der Biorhythmus total durcheinander. Der Körper will schlafen, darf aber nicht", sagt Letkowski. Und wenn die Schauspieler morgens um acht ins Hotel zurückkommen, müssen sie ihn zum Schlafen zwingen. "Vorhänge zu und Licht aus."

Vorhang auf jedoch hoffentlich schon bald für Folge 13, die den Arbeitstitel "Der letzte Job" trägt. Die ist nämlich bereits abgedreht und soll ja nicht des Teams letzter Job sein.

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