11. September 2009, 14:03 Uhr

Im Gehirn von Günther Jauch

"Wer wird Millionär?" ist seit zehn Jahren die erfolgreichste Quizsendung im deutschen Fernsehen. Was ist das Geheimnis ihres Erfolges, wo kommen eigentlich die Fragen her, und was weiß Günther Jauch wirklich? Ein Blick hinter die Kulissen: stern.de zu Besuch in der Keimzelle des Wissens. Von Katharina Miklis

Günther Jauch, WWM, Wer wird Millionär, RTL, mind the company

Was weiß er wirklich? Günther Jauch verwirrt gerne mit großen Gesten©

Man findet Günther Jauch im Kopierraum. Ein vergilbtes Foto aus vergangenen Tagen hängt an der Wand. Sonst erinnert nichts an den Quizmaster, um den sich hier alles dreht. Ein kleines Büro im Belgischen Viertel in Köln ist die Keimzelle des Wissens von Günther Jauch - die Fragenschmiede von "Wer wird Millionär?". Seit zehn Jahren entstehen hier die Fragen, die Günther Jauch zum beliebtesten Moderatoren im deutschen Fernsehen gemacht haben. Zum Quotenkönig des Wissens. Begriffe wie "Telefonjoker", "Publikumsjoker" und "Fifty-fifty-Joker" stehen mittlerweile sogar im Duden.

Günter Schröder, 45, kennt dagegen kaum jemand. Dabei ist er der Mann, der Millionäre macht. Im besten Fall. Schröder lehnt am Kickertisch im Büro. Seine Mitarbeiter lenken sich hier von Zeit zu Zeit ab, um den Kopf frei zu kriegen. Der Geschäftsführer von "mind the company" selbst lässt das Spielen. Er verliert nicht gern. In den letzten zehn Jahren hat sich der studierte Diplom-Bibliothekar mit seinem zehnköpfigen Team weit über 22.000 Fragen für "Wer wird Millionär?" (WWM) ausgedacht. Seine Mitarbeiter bestehen überwiegend aus Redakteuren. Das ist aber nicht Voraussetzung, um bei "mind the company" zu arbeiten. Neugierig muss man sein. "Und sich ein bisschen für alles interessieren", sagt Schröder, der sich 1999 mit "mind the company" in Köln selbständig gemacht hat. Seit ein paar Monaten arbeitet ein ehemaliger WWM-Kandidat im Team mit. "Ich hatte aber auch schon einmal einen sehr guten Autoren, der war früher Bademeister", so Schröder.

Jauch selbst war in zehn Jahren WWM nicht einmal hier. Doch das stört Günter Schröder nicht. Schröder ist bei jeder Aufzeichnung hinter den Kulissen dabei. Falls etwas passiert, ein Naturereignis, ein Rücktritt in der Politik, und Schröder eine Frage auf den letzten Drücker tauschen muss. Er kennt jede einzelne Frage, die in der Sendung vorkommt. Er ist der Schlüssel zur Million. Dass er noch nie bestochen wurde, wundert ihn selbst. "Es würde aber auch nichts bringen". Mit einem Laptop, auf dem die 300 Fragen pro Aufzeichnung abgespeichert sind, macht er sich einmal die Woche auf den Weg ins RTL-Studio, wo die Sendung aufgezeichnet wird. "Laptop klauen würde nichts bringen", so Schröder. "Die Sicherheitsvorkehrungen sind äußerst hoch". Diverse Passwörter sichern die Fragen im Notebook, in den Verträgen der Mitarbeiter stehen Verschwiegenheitsklauseln. Im Studio gibt es einen Raum, zu dem nur Schröder und wenige Mitarbeiter der Produktionsfirma Zutritt haben. Dort werden dann die Fragen für die aktuelle Sendung ins System gespielt. Nicht mal Jauch sieht die Fragen vorab.

Die Suche nach Antworten

Doch wie entstehen die Fragen für die Sendung? Günter Schröders Kollegen lesen viel Zeitung. Surfen im Internet. Meistens kommen die Fragen aber unverhofft. Günter Schröder kann auch nach Feierabend nicht aufhören, in Fragen zu denken. Beim Bäcker. Im Wartezimmer beim Arzt. In der Bahn. Immer ist sie da: Die Suche nach vier Antworten. "Sehen Sie hier", Schröder zeigt auf eine Schale mit Schokoriegeln im Konferenzraum, "Mars, Bounty, Snickers, Twix... Schon habe ich eine Planetenfrage im Kopf". Privat spielt Schröder schon lange keine Wissensspiele mehr. Zu groß ist die Gefahr, als Klugscheißer abgestempelt zu werden. "Und wenn ich eine Frage nicht wüsste, würden sich alle fragen, wie ich diesen Job überhaupt machen kann".

Günther Jauch, WWM, Wer wird Millionär, RTL, mind the company

Der Herr der Fragen: Günter Schröder von "mind the company"©

Die Ideen aller Mitarbeiter werden zunächst intern besprochen, diskutiert, durchgespielt. Einer macht dann immer den Jauch und testet eine Frage an den Kollegen. Jede davon muss durch mindestens zwei Quellen abgesichert sein. Einmal die Woche gibt es eine Abnahme durch die Produktionsfirma Endemol und RTL. Schröders Firma denkt sich auch die Fragen für "Das unglaubliche Quiz der Tiere" (ARD) aus und arbeitet mit an dem Format "5 gegen Jauch". Das Hauptgeschäft ist aber seit zehn Jahren die Millionärs-Show, die 1999 von dem englischen Original "Who wants to be a millionaire?" kopiert wurde. In 107 Länder sind die Rechte an dieser Show verkauft worden. Nicht immer mit Erfolg.

Das Erfolgsgeheimnis von Günther Jauch

Dass "Wer wird Millionär?" in Deutschland so eingeschlagen und sich vor allem auch so lange gehalten hat, liegt laut Schröder in erster Linie an der perfekten Besetzung. "Die Verzahnung von Moderator und Format muss einfach stimmen, sonst hat es keinen Erfolg. Man hat es bei Kuhlenkampff und 'Einer wird gewinnen' gesehen. Der Erfolg der Sendung ließ sich mit Jörg Kachelmann nicht wiederbeleben. Genauso wenig wie 'Der große Preis' ohne Wim Thoelke funktioniert hat, obwohl es vier andere Moderatoren ausprobiert haben". Glaubwürdigkeit ist laut Schröder das Wichtigste für einen Moderator einer solchen Sendung, "deswegen funktionieren Quizsendungen mit 22-jährigen Soapstars auch nicht". Jauch dagegen nehme man ab, dass er weiß, wovon er spricht und was er fragt. Nur er darf damit kokettieren, dass er sich zum Beispiel in der Astrologie überhaupt nicht auskennt. "Er weiß, was ein Pfund Butter kostet und das Benzin an der Tankstelle, er kennt sowohl die neusten Ausrüstungsmöglichkeiten für die Küche als auch für einen Ferrari." Die Nähe an der Lebenswelt der Leute - "egal ob Schuhverkäuferin oder Hochschulprofessor" - sei das Erfolgsgeheimnis von Jauch.

Günter Schröder nimmt einen Pschyrembel aus dem riesigen Bücherregal im Flur. Eines der wenigen Bücher, dass er zum Arbeiten benutzt. Das meiste wird im Internet recherchiert. Nur bei Wikipedia ist man vorsichtiger geworden. Es gab ein paar Vorfälle, bei denen Fakten auf der Online-Enzyklopädie nicht stimmten und Zuschauer dann Sturm geklingelt haben, weil sie dachten, die Redaktion hätte einen Fehler gemacht. "Das kann uns im schlimmsten Fall in unserer Glaubwürdigkeit zurückwerfen", so Schröder. Diesem Stress will man sich nicht mehr aussetzen. Doch diese Anrufe gibt es immer wieder. Zuschauer, die einen Fehler gefunden haben wollen, Zuschauer, die meinen, es besser zu wissen, Zuschauer, die sich über die Farbe der Krawatte von Günther Jauch beschweren. "Wir Deutschen sind halt so, das wird sich auch in zehn Jahren nicht ändern". Günter Schröder kann damit leben. Genauso wie damit, dass er immer wieder gefragt wird, wie man sich am besten als Kandidat auf WWM vorbereitet. Schröders Tipp: "Auf keinen Fall anfangen, den Brockhaus durchzuackern. Viel Zeitung lesen. Nicht nur 'FAZ' sondern vor allem auch die 'Bild'-Zeitung." Klar sollte man wissen, wann die Französische Revolution war. Es hilft aber auch zu wissen, wie viele Frauen ein Boris Becker schon hatte. Und da kann sich in zehn Jahren viel ändern. Die Fragen gehen nie aus.

Am Freitag, 11. September, 18. September und 25. September präsentiert Günther Jauch jeweils um 20.15 Uhr eine Jubiläums-Show in doppelter Länge bei RTL

Von Katharina Miklis
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
chrgue (11.09.2009, 17:49 Uhr)
Wen es interessiert....
...wenn wildfremde Menschen durch die Beantwortung von Nonsens-Frage wohlhabend werden, wen die ständigen Werbeeinblendungen und das arroganz-überhebliche Getue eines Herrn Jauch nicht auf den Keks gehen, dann kann man sich das Format gerne anschauen. Ich jedenfalls verzichte aus Überzeugung, da es mich schlichtweg nicht interessiert, welcher drittklassige Hollywoodstar in den 30er Jahren welchen Film gedreht hat.
ganzbaf (11.09.2009, 17:26 Uhr)
Ich nicht
.
erteli (11.09.2009, 16:40 Uhr)
Nur Herr Jauch kokettiert
"Nur er darf damit kokettieren, dass er sich zum Beispiel in der Astrologie überhaupt nicht auskennt."
Damit darf ein jeder kokettieren (außer vielen Frauen und der Autorin vielleicht).
Aber Planeten von Sternen nicht unterscheiden zu können uns damit zu kokettieren, sich in Astronomie überhaupt nicht auszukennen - das zeugt von bildungsmäßigem Ignoranz-Banausentum. ("Man muss aber auch wissen, wie viele Frauen ein Boris Becker schon hatte.") Ansonsten schätze ich Herrn Jauch natürlich sehr.
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