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Die ARD will Likes statt Häme

Mit der Tageswebschau will die ARD endlich die jungen Zuschauer erreichen, die statt der Tagesschau immer häufiger die Nachrichten auf RTL2 einschalten. Aber braucht die Jugend ein eigenes Newsformat?

Von Katharina Miklis

  Screenshot einer Pilotfolge der Tageswebschau, die Radio Bremen vergangene Woche in einer Online-Pressekonferenz vorgestellt hat

Screenshot einer Pilotfolge der Tageswebschau, die Radio Bremen vergangene Woche in einer Online-Pressekonferenz vorgestellt hat

  • Katharina Miklis

Immer wieder hat die ARD zuletzt versucht, junge Zuschauer über soziale Netzwerke an sich zu binden. Mal hakte es an der technischen Umsetzung, etwa als "Tatort"-Zuschauer via Facebook und Twitter den Mörder ermitteln sollten - und der Server zusammenbrach. Mal stimmte die Glaubwürdigkeit nicht - etwa als Thomas Gottschalk in seinem Vorabendtalk angestrengt versuchte, die Zuschauer über Facebook einzubinden. Recht schnell wurde diese Idee als gescheitert abgetan und abgeschafft.

Nun will also auch die Tagesschau versuchen, die Netzgemeinde zu ködern. Einige digitale Ableger hat die Nachrichtensendung bereits, den Digitalsender tagesschau24 sowie das Web-Angebot tagesschau.de mit umstrittener App. Mit der Tageswebschau, einer Art Mini-Tagesschau für das Internet, sollen nun verstärkt Zuschauer unter 30 Jahren angesprochen werden. Das werktägliche Webformat will "tagesaktuelle News aus Politik, Wirtschaft und allen anderen Bereichen der Gesellschaft aus Sicht der Netz-Gemeinschaft aufbereiten", heißt es vom federführenden Radio Bremen. "Die Tageswebschau soll zum einen Netzthemen stärker in den Blick nehmen, als es in einer klassischen Fernsehnachrichtensendung möglich ist, und zum anderen in größerem Umfang die Diskussion im Netz über relevante Ereignisse abbilden", erklärt Kai Gniffke, Chefredakteur von "ARD-aktuell". Auf zwei bis drei Minuten ist die Sendung angesetzt. Eine Moderation gibt es nicht, nur eine Stimme aus dem Off. Youtube-Videos, interaktive Grafiken und Google-Earth-Fahrten untermalen Themen, die im Netz heiß diskutiert werden, es jedoch nicht in die Tagesschau schaffen. Online können zusätzliche Inhalte und weiterführende Links abgerufen werden. Soziale Netzwerke wie Facebook werden stark eingebunden. Ziel ist es, so erklärt es Jan Weyrauch, Programmdirektor von Radio Bremen, "jüngere Menschen an die Marke Tagesschau heranzuführen". "Kleine Schwester der Tagessschau" nennt Radio-Bremen-Intendant Jan Metzger das neue Format.

Braucht die Netzgemeinde Nachrichten aus dem Netz?

Verantwortlich für den Ableger der 60 Jahre alten Tagesschau sind die ARD-Anstalten Radio Bremen und der Hessische Rundfunk sowie die Nachrichtenredaktion "ARD-aktuell" in Hamburg. Die Idee kam von Radio Bremen. Hier arbeiten vier ehemalige Volontäre in der "Digitalen Garage" an dem Projekt. Die Grafiken steuert der Hessische Rundfunk bei. Redaktionell abgenommen wird das Format schließlich bei "ARD aktuell".

Hat die Netzgemeinde tatsächlich auf ein Nachrichtenformat gewartet, das ihr erzählt, was im Netz abgeht? Haben junge Zuschauer nicht den gleichen Anspruch an ein Nachrichtenformat wie Zuschauer über 30 Jahre? In der vergangenen Woche veröffentlichte die ARD in einer Online-Pressekonferenz zwei Pilotfolgen der Webschau, die am Montag um 16.45 Uhr erstmals zu sehen sein wird. Informationen kommen in der Sendung mit drei Beiträgen recht kurz. Schnelle Schnitte und verwackelte Bilder sollen anscheinend den "Netzcharakter" verstärken. Der poppige Sound, Sprechblasenoptik und die Sprache der ersten Versionen erinnert an das Nachrichtenformat "RTL2 News", das um 20 Uhr mittlerweile immer wieder mehr junge Zuschauer erreicht, als die öffentlich-rechtliche Tagesschau. 230.000 Zuschauer zwischen 14 und 29 Jahren hatten die RTL2-Nachrichten im Schnitt im Mai eingeschaltet. Die Tagesschau wollten dagegen 220.000 sehen. Und das, obwohl für diese Zahl die Zuschauer aller öffentlich-rechtlichen Kanäle, also auch von 3sat oder den Dritten Programmen, zusammengezählt wurden.

"Keine Marketing-Maßnahme der ARD"

Kai Gniffke von "ARD-aktuell" betont, dass die Tageswebschau nach den journalistischen Standards der Tagesschau produziert werde. Auch ist ihm wichtig zu bemerken, dass das Format keine Marketing-Maßnahme der ARD sei. Man will ernst genommen werden - auch vom Social Web, von dem es im Fall Gottschalk oder "Tatort" viel Häme gab.

Verbreitet wird die Sendung im Fernsehen über die digitalen Kanäle tagesschau24 (werktags zwischen 16.45 und 17 Uhr), EinsPlus sowie EinsFestival und im Internet auf den Online-Seiten der jungen Radios der ARD und bei tagesschau.de. Auch über die sozialen Netzwerke und die Tagesschau-App soll die Webschau mobil abrufbar sein. Der Rechtsstreit zwischen Zeitungsverlegern und der ARD schwelt im Hintergrund weiter. Erst im Juli geht die Verhandlung um die Internet-Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender weiter.

Ob die Netzgemeinde sich tatsächlich von den Ex-Volontären in verspielter Aufmachung die Welt erklären lässt, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Ein halbes Jahr lang soll das Projekt zunächst getestet werden. Gescheiterte Experimente wie Gottschalks Facebook-Desaster scheinen die ARD-Verantwortlichen vorsichtiger gemacht zu haben, was die neuen Medien angeht. "Ich gebe zu, es ist ein Projekt mit offenem Ausgang", sagt Chefredakteur Kai Gniffke.

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