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Das Theater als Beute - die Geschichte hinter einer (fast) perfekten Inszenierung

Sieben Tage lang träumten die Besetzer der Volksbühne Berlin am Rosa-Luxemburg-Platz von der Übernahme des Theaters durch eine "kollektive Intendanz", dann kam die Polizei. Sie beendete die beste Inszenierung des Jahres.

Nach der Räumung der Volksbühne durch die Polizei protestieren die Besetzer auf dem Rosa-Luxemburg-Platz weiter

Nach der Räumung der Volksbühne durch die Polizei protestieren die Besetzer auf dem Rosa-Luxemburg-Platz weiter

Am siebten Tag der Besetzung, als das Unternehmen so richtig in Fahrt kam und die Akteure der ersten Stunden schon längst keinen Einfluss mehr auf das hatten, was sich auf den Gängen und in den Foyers abspielte, zog Intendant Chris Dercon in Abstimmung mit Kultursenator Klaus Lederer und der die Reißleine. Und führte damit vor, in welchem Dilemma sein Dienstherr steckt: Als Chef der Kulturverwaltung ließ Lederer keine Gelegenheit aus, gegen den von seinem Vorgänger berufenen einstigen Direktor der Londoner Tate Gallery zu sticheln. Und nun musste er jene aus dem Haus jagen, die den ungeliebten Dercon in den Tempelhofer Hangar verbannen wollten.

Als alles vorbei war, und angesichts der noch nie dagewesenen Situation machte sich Ratlosigkeit breit – ganz nach Brecht, der an diesem antikapitalistischen Happening wohl seine Freude gehabt hätte: "Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen."

Besetzung der Volksbühne Berlin - eine "Inszenierung"

Die Besetzung der Volksbühne kennt viele Drahtzieher, Urheber, Planer, Mitdenker, Sympathisanten und Trittbrettfahrer. Und je nach Blickwinkel rücken die Stadtsoziologen und Gentrifizierungs-Kritiker aus dem Umfeld des Sozialwissenschaftlers und linken Weggefährten Lederers, Andrej Holm, ins Zentrum der Aktion, oder die selbsternannten Retter der Volksbühne um Hendrik Sodenkamp, einst Assistent des Dramaturgen Carl Hegemann und Gründer des Vereins "Haus Bartleby" für Karriereverweigerer. Das schlüssigste Szenario, mit eingebauter, sich selbst erfüllender Erfolgsgarantie, hält allerdings die Berliner Autorin Sarah Waterfeld, 36, bereit.

Mitinitiatorin Sarah Waterfeld

Mitinitiatorin Sarah Waterfeld


"Wir befinden uns alle gerade in einer transmedialen Inszenierung", erklärte Waterfeld in der Volksbühne. Zu erleben war die Erschaffung von Wirklichkeit durch radikal suggestive Umdeutung der herrschenden Verhältnisse. Das Spiel, das mit der Inbesitznahme des Theaters begann, setzte sich im kollektiven Programmaufbau, in den Diskussionen und Partys fort und erlebte seinen vorläufigen Schlussakt in der Räumung durch die Polizei. 

Plenum nach Räumung der Volksbühne

Plenum nach Räumung der Volksbühne

Entsprechend gelassen konnte Waterfeld jenseits der Absperrgitter verfolgen, wie sich das Dramolett mit Besetzern, Polizei, Reportern, Kamerateams und Senatsvertretern Sittenbild-artig entfaltete.

Nach der Räumung der Volksbühne durch die Polizei protestieren die Besetzer auf dem Rosa-Luxemburg-Platz weiter

Nach der Räumung der Volksbühne durch die Polizei protestieren die Besetzer auf dem Rosa-Luxemburg-Platz weiter


Schreibwerkstatt, Infopoint, Bar und Schlafbereich

Jeder war hier zur Höchstform aufgelaufen: Ob in der "Awareness-AG" oder beim Kinderschminken, in der Schreibwerkstatt oder der AG Stadtentwicklung, am Infopoint, der Bar oder dem Schlafbereich, innerhalb kürzester Zeit hatten sich Menschen eingefunden, die ihre Rolle im basisdemokratischen sozialen Gefüge selbst definiert und mit Inbrunst ausgefüllt hatten. 

Andere Kollektive der Stadt rückten mit Spenden an, eine mobile Volksküche versorgte 24/7 die Volks-Intendanten und am Mittwoch machte die Runde, die New Yorker Oper habe sich soeben solidarisch erklärt. Wie und wo und wann, konnte jedoch niemand mehr genau sagen. Und dann führte noch eine Lehrerin ihre elf- bis zwölfjährigen Schüler durchs Haus, um ihnen zu zeigen, wie Basisdemokratie funktioniert. 

Aktivisten richteten einen Infopoint in der Berliner Volksbühne ein

Aktivisten richteten einen Infopoint in der Berliner Volksbühne ein

Eine so wunderbar durchgeknallte Vorstellung von selbst erfundenen Fakten, Strukturen und Notwendigkeiten, voller Poesie und auch blanker Wut hat seit Christoph Schlingensief wohl keiner mehr auf die Bühne gebracht.

Neue Spielzeit der "kollektiven Intendanz"

Ähnliche Strategien setzte vor "Staub zu Glitzer" schon das "Zentrum für politische Schönheit" ein, etwa als es einen Tigerkäfig vor dem Gorki Theater aufbaute, um Geflüchtete den Raubtieren zum Fraß vorzuwerfen. Doch die Besetzer rund um Sarah Waterfeld gehen einen Schritt weiter: Sie kooperieren nicht mit dem Theater, sondern reißen es sich unter den Nagel.

Touristen und Besetzer feiern im ganzen Haus Party. Hier im Foyer.

Touristen und Besetzer feiern im ganzen Haus Party. Hier im Foyer.

Chris Dercon war schon früh in ihre Pläne eingeweiht worden. Am 23. August saß Waterfeld mit dem Intendanten und seinem Pressesprecher Johannes Ehmann im Hackeschen Hof bei Weißwein, Prosecco und Gin Tonic. Die Politikwissenschaftlerin, die seit ihrem Roman "Sex mit Gysi" auch gern als "Skandalautorin" bezeichnet wird, eröffnete den beiden ihre Übernahmepläne und bot Dercon an, sich zu beteiligen.

"Er sagte kein einziges Mal, dass er das nicht möchte", erklärt Waterfeld. Und dann habe er sich nie mehr bei ihr gemeldet. Also spazierte das "Künstler*innen Kollektiv Staub zu Glitzer" am Freitag, dem 23. September gegen 15 Uhr ins offene Haus am Rosa-Luxemburg-Platz und eröffnete die neue Spielzeit unter der "kollektiven Intendanz". 40 Personen sollen zum engsten Vorbereitungsteam gehören, seit Januar 2017 trafen sie sich, schrieben Konzepte, starteten erste Aktionen und bastelten die Bombe, die am 23. September symbolisch hoch gehen sollte: benannt nach der vielseitigsten Atomwaffe der US-Army, explodiert "B61-12" seitdem im Loop auf der Website des Kollektivs und wurde als neues Symbol der Volksbühne im Foyer aufgestellt.

Vielleicht hätte Dercon gut daran getan, den Besetzern nicht den Grünen Salon, sondern für einen Monat lang das ganze Haus anzubieten. Denn erst im November will die neue Intendanz das traditionsreiche Theater am Rosa-Luxemburg-Platz eröffnen – mit einer dreitägigen Inszenierung auf allen Gängen und Rängen. Das lang geplante Neue: Noch nie war es so alt wie jetzt.


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