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28. Mai 2002, 00:45 Uhr

Der Zauber der ersten Nächte

Dauergrinser mit Herzrasen, die spielend mit weniger als vier Stunden Schlaf auskommen: Frisch Verliebte. Warum liebt er sie? Und warum liebt sie ihn zurück? Und vor allem: Warum benehmen sie sich wie Trottel?

© Foto: Joachim Gern

Man sollte sie krankschreiben. Für sechs bis acht Wochen mindestens. So lange, bis das Allerschlimmste vorbei ist. Bis man sich wieder vernünftig mit ihnen unterhalten kann, sie sich wieder für das aktuelle Tagesgeschehen interessieren und nicht mehr mit vollkommen anlassunabhängigem, ozeanischem Grinsen durchs Leben schweben. Frisch Verliebte.

Sie sind eine Zumutung für alle Alleinstehenden und für Paare, die schon seit geraumer Zeit keine »Heute vor genau dreieinhalb Monaten haben wir uns kennen gelernt«-Tage mehr feiern. Entweder sie gehen allen auf den Wecker, oder sie melden sich wochenlang überhaupt nicht. Und wenn man sie anruft, liegen sie entweder, egal zu welcher Tageszeit, im Bett oder sind gerade auf dem Sprung in ein verlängertes Wochenende am Meer. Auch wenn es November ist und für die Jahreszeit ungewöhnlich kalt.

Verliebtheit ist eine Form schwerer geistiger Umnachtung. Das ist biologisch bewiesen: Der Serotoninwert im verliebten Hirn sinkt 40 Prozent unter den Normalwert, das Erregungsniveau ist erhöht, Appetit und Schlafbedürfnis gehen gegen Null, die Wahrnehmung ist total gestört. Nur so ist es zu erklären, dass Marion B. - ihr wirklicher Name ist der Redaktion bekannt, wird aber verändert für den Fall, dass sie sich irgendwann für ihr absurdes Verhalten schämt - neuerdings eine ausgiebige männliche Nackenbehaarung erotisch findet. Und der affenartig zugewucherte Typ namens Hendrik S. schwört Marion im Gegenzug, dass er an ihren Oberschenkeln nicht einen Hauch von Orangenhaut erspähen könne. Diese Menschen sind krank, sie können nichts dafür.

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