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24. September 2003, 18:02 Uhr

Im Netz der Gefühle

Vergessen Sie Disco und Restaurant - immer mehr Deutsche finden heute ihr Partnerglück im Internet. Viele verlieben sich, einige heiraten, manche betrügen ihre Frau

Dirk und Cora: "An Weihnachten sind wir uns im Chat begegnet, Neujahr haben wir uns zum ersten Mal gesehen. Der Zug rollte in den Bahnhof ein - ich sah ihn und wusste: Der ist es"© Florence Schäfer/ Anna Meyer-Kahlen

Plötzlich ist er da: Nur ein paar Meter von ihr entfernt schaut Dirk aus dem Zug heraus, der gerade in Bremen eingefahren ist. Cora steht rechts, Dirk schaut nach links. Doch gleich werden sie sich in die Arme fallen - und wissen: Das ist es. Dabei hatten sie noch vor ein paar Stunden ohne einander Silvester gefeiert und dann spät in der Nacht am Telefon miteinander geheult: "Ich will dich unbedingt sehen", hat Cora gesagt, und Dirk hat nur ein "Ich dich doch auch" herausgebracht. Am besten morgen - Neujahr!

In Münster in den Zug setzen und sich plötzlich nahe sein. Was für eine Aufregung! Aber wie oft trifft man schon einen Menschen zum ersten Mal, in den man lange schon verliebt ist. Dem man vertraut. Der so viel von einem weiß - außer, wie man sich bewegt und wie man aussieht, wenn man lacht. Den man zu verlieren fürchtet, wenn man ihm zum ersten Mal in die Augen sieht.

Am Anfang war das Wort

Am Anfang war das Wort. Das hätte das Motto der Hochzeit sein können, die Cora und Dirk Überwasser zwei Jahre später gefeiert haben. Denn mehr als Worte hatten die beiden nicht, als sie sich begegnet sind, als sie füreinander nicht mehr waren als Schrift auf einem Bildschirm. Als Dirk Cora angesprochen hat in einem Chat, in einem Raum im Netz, in dem Menschen miteinander reden - und flirten. Als sie nicht wussten, dass sie mehr gemeinsam hatten, als im selben Raum zu sein.

"Das Eis war so schnell gebrochen zwischen uns", erinnert sich Cora an ihr Treffen mit Dirk, und Tausende Deutsche kennen es sehr gut, wenn das Eis bricht im Internet. Jene, die online ihre eigene Cora, ihren eigenen Dirk gefunden haben. Und das sind viele: Das Netz liegt in Deutschland hinter Partys und dem Arbeitsplatz auf Platz drei der Orte, an denen man heutzutage anbandelt. Nach Umfragen kommt es für mehr als 40 Prozent der 14- bis 50-Jährigen infrage, im Netz einen Partner zu suchen. Über 60 Prozent aller Singles im Netz sollen sich bereits per E-Mail oder Chat zu einem Date verabredet haben, 70 Prozent halten das Netz für einen geeigneten Ort zum Kennenlernen - und für alle, die lieber auf Bilanzen hören: In den USA ist der Markt für professionelle Partnersuch-Dienste im Netz im vorigen Jahr um 387 Prozent gewachsen, für nichts geben Amerikaner online mehr aus als für Kontaktbörsen. Mehr als für Börseninfos.

Virtuelle und reale Welt überschneiden sich

Was bedeutet das? Nicht nur, dass da viel Geld zu holen ist, sondern auch, dass normal geworden ist, was noch vor Jahren belächelt wurde oder peinlich war. Kein Wunder: Die neuen Medien sind tief in unseren Alltag eingedrungen und haben dabei unsere Partnerschaften verändert.

Wer heute neben Internet und Handy eine Freundin oder einen Ehemann hat, führt meist eine multimediale Beziehung. "Die virtuelle und die reale Welt überschneiden sich immer mehr", sagt Nicola Döring, Autorin des Buches "Sozialpsychologie des Internet" und zurzeit Professorin der Universität der Bundeswehr in Hamburg: "Wir reden beim Frühstück, telefonieren am Vormittag, chatten in der Mittagspause, schicken uns Fotos per E-Mail, abends kommt eine SMS, und dann werfen wir vielleicht noch einen Brief ein." Das gibt Raum für Streit ("Du hättest dich melden können, du hast doch ein Handy!") - aber auch die Möglichkeit, sich des anderen immer wieder zu versichern. Mit Signalen, die nur sagen sollen: "Ich denke gerade an dich!"

Die Signale werden immer kürzer: Ein 'HDGDL' per SMS zum Beispiel heißt "Hab dich ganz doll lieb". Das ist der Liebesbrief von heute: weniger blumig, aber genauso ehrlich und mit der gleichen Wirkung: 'SIB' - ich habe "Schmetterlinge im Bauch".

Ehrlichkeit ist am Wichtigsten

Wer so selbstverständlich mit Medien umgeht, der findet es nicht ungewöhnlich, wenn jemand im Netz seinen Partner findet. Andere fragen sich, wie das klappen soll: sich kennen lernen, ohne sich zu sehen. Einander vertrauen, ohne zu wissen, ob der andere über Probleme lacht, die man ihm erzählt. "Man muss ehrlich sein, das ist das Allerwichtigste", sagt Cora, "sonst kann es sowieso nicht klappen."

Ehrlich zu sein, heißt nicht, dem anderen - dem Unbekannten - alles zu erzählen. Aber was erzählt wird, sollte stimmen. Sonst vergibt man sich den größten Vorteil des Chats: Sich anzunähern, ohne dass Aussehen und Alter zunächst eine Rolle spielen. "In Chats lernt man sich von innen nach außen kennen", sagt Nicola Döring - beide tasten sich an den anderen heran, stürmen vor, weichen zurück, haben Angst und Mut und werden eifersüchtig, wenn der oder die Auserwählte mit anderen chattet. Dass sie sich dabei nicht in die Augen sehen können, ist für viele kein Problem: "Ich habe Dirk durch die Anonymität sogar näher an mich herangelassen, als wenn wir uns offline begegnet wären", sagt Cora.

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