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Zweite Chance für junge Extremisten

Judy Korn arbeitet in Haftanstalten mit rechtsextremen oder religiös motivierte Gewalttätern - und kann dabei eine bemerkenswerte Erfolgsquote vorweisen.

Von Björn Erichsen

Erfolgreich in der Arbeit mit extremistischen Jugendlichen: Judy Korn

Erfolgreich in der Arbeit mit extremistischen Jugendlichen: Judy Korn

"Eigentlich müsste man mal..." oder "Wenn ich mehr Zeit und Geld hätte, dann würde ich..." Viele Menschen haben Ideen für neue Produkte, Dienstleistungen oder soziale Projekte. Aber meist bleiben die Pläne unverwirklicht, weil die Umsetzung für zu aufwändig und risikoreich gehalten wird. In unserer Interviewreihe "Erfolgsmenschen" stellen wir Männer und Frauen vor, die sich davon nicht abhalten ließen und ihre Ideen in die Tat umsetzten. Sieben Geschichten, die Mut machen, sich selbst mehr zuzutrauen und Dinge einfach anzupacken.

In dieser Folge stellen wir Judy Korn vor. Ihre Klienten machen vielen Menschen Angst: Als Mitbegründerin und Geschäftsführerin von Violence Prevention Network (VPN) kümmert sich Judy Korn um in Haft befindliche rechtsextreme oder religiös motivierte Gewalttäter. Ihr Programm "Verantwortung übernehmen – Abschied von Hass und Gewalt" kombiniert Anti-Gewalt-Trainings mit politischer Bildungsarbeit, auch nach der Haftentlassung werden die (ausnahmslos) jungen Männer durch VPN betreut. Mit Erfolg: Die Re-Inhaftierungsquote liegt bei 13,3 Prozent – und damit deutlich unter dem Durchschnitt. Das Programm, das ursprünglich in Brandenburg startete, kommt inzwischen in zehn Bundesländern zum Einsatz.

Was machen Sie anders als andere Initiativen?
Die klassische Aussteiger-Arbeit beginnt erst, wenn sich ein Mensch bereits bewusst zum Abschied von seiner Ideologie entschieden hat. Wir dagegen setzen früher an: Bei uns beginnt der Dialog bereits, wenn diese Entscheidung noch bevorsteht, wir lösen also den Prozess der Distanzierung erst aus. Es geht dann aber nicht darum, den jungen Männern unser Erklärungsmodell für die Welt nahe zu legen, sondern sie dazu zu bringen, ihr eigenes zu hinterfragen und sich damit offen zu machen für Neues.

Ist der frühe Zeitpunkt ausschlaggebend für die Erfolgsquote?


Ja, das ist sicher ein wesentlicher Schlüssel. Frühzeitig eine respektvolle Beziehung zwischen einem Trainer und seinem Klienten herzustellen. Das ist auch gar nicht so schwer, wie man vielleicht denken könnte. Die Tragik von Menschen, die sich in der Radikalisierung befinden liegt darin, dass sie nur wenig positive Beziehungserfahrungen gemacht haben, dass ihr Hunger nach Bindungen riesengroß ist. Das macht es Extremisten leicht, sie für sich einzunehmen – aber uns eben auch.

Wie sehen Erfolge bei Ihnen aus?
Da kann ich Ihnen ein aktuelles Beispiel nennen: Einer unserer Teilnehmer saß in einer Jugendstrafanstalt wegen Gewaltdelikten ein und war auf dem besten Weg in die islamistische Radikalisierung. Dieser Mann hat unser Programm durchlaufen und sagt heute nach seiner Entlassung: Ohne diese Maßnahmen hätte ich meinen Irrweg niemals erkannt und würde für meinen Glauben töten.

Das ist in der Tat ein Erfolg. Vermutlich muss man auch mit weniger zufrieden sein, oder?


Ja, natürlich. Aber es gibt auch schöne kleine Erfolge, etwa bei unserer Präventionsarbeit in Berliner Brennpunktschulen. Die Schüler staunen, wenn wir dort mit unseren Teams arbeiten, die je aus einem Palästinenser und einem Israeli bestehen. Und beide nicht nur miteinander sprechen, sondern sogar Freunde sind. Es ist für einige dort eine völlig neue Erfahrung, dass Juden und Muslime miteinander auskommen. Das setzt einen Anker in ihrem Denken und kann zumindest einen kleinen Teil dazu beitragen, dass diese jungen Menschen die Welt ein bisschen anders sehen.

Wie gehen Sie dabei mit Rückschlägen um?


Unsere Re-Inhaftierungsquote ist gering - aber wer mit Menschen arbeitet, muss mit Rückfällen rechnen. Das passiert: Sie werden entlassen, man erwartet, dass alles gut wird und dann geht es doch zurück in den Strafvollzug. Die Kunst besteht darin, die Beziehung dann trotzdem nicht abbrechen zu lassen.

Was ist die wichtigste Eigenschaft bei dieser Arbeit?


Offenheit. Und die Überzeugung, dass jeder Mensch eine zweite Chance verdient und sich ändern kann.

Was ist es, das Sie antreibt?
Als Kind von 68er-Eltern habe ich von klein auf die Botschaft mitbekommen: Wenn dir was nicht passt, musst Du was dagegen tun. Nicht meckern, sondern machen. Mit 16 war ich kurzzeitig bei der Berliner Antifa, die aber ebenso zur Gewalt aufrief, wie die Skinheads in meinem Stadtteil. Ich fand die Gewalt sinnlos, bin dann einfach zu der Skinheadgruppe hin gegangen und wollte mit ihnen reden. Das war aus heutiger Sicht hochgradig naiv – aber erfolgreich. Es hat dazu geführt, dass sich beide Gruppen an einen Tisch setzten, später ist daraus sogar ein gemeinsames Jugendzentrum entstanden.

Also immer direkt drauf los, egal was kommt?


Ja, im Prinzip schon. Ich finde es immer wieder bemerkenswert, was sich erreichen lässt, wenn man am Ball bleibt. Meine Begeisterung für die Arbeit von Violence Prevention Network habe ich allerdings auch erst nach einem Umweg entdeckt: Nach dem Studium war ich im öffentlichen Dienst tätig. Doch ich habe schnell gemerkt, dass ich innerhalb dieser Strukturen nichts bewirken konnte. Ich wollte raus, meine Ideen umsetzen, und habe damals glücklicherweise Menschen mit ähnlichen Ideen getroffen. Heute gibt uns der Erfolg Recht, und VPN ist ein Unternehmen mit 25 Mitarbeitern. Etwas Vergleichbares hätte ich als Beamtin niemals erreichen können.

Können Sie Ihren Erfolg genießen?


Ja, das kann ich, und das tue ich auch. Ich freue mich darüber, wenn wieder eine Gruppe von jungen Männern unser Trainingsprogramm absolviert hat und aus der Haft entlassen wird. Und ich bin stolz darauf, dass wir mit unserer Arbeit einen guten Teil dazu beigetragen haben, dass heutzutage kein Politiker auf Bundes- oder Landesebene, an Themen wie Extremismus und Deradikalisierung vorbeikommt. Das finden Sie inzwischen in jedem Koalitionsvertrag.

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