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Wir Getriebenen

Bei Schulzeugnissen, im Arbeitsleben, sogar im Schlafzimmer: Erfolgsdruck bestimmt unser Leben. Aber woher kommt dieser Zwang eigentlich? Und: Ist der Zweitplatzierte immer der erste Verlierer?

Von Gabriele Meister

Stand bereits als Kind unter Erfolgsdruck: Franzi van Almsick 

Stand bereits als Kind unter Erfolgsdruck: Franzi van Almsick 

Mit 14 holt sie zwei Mal Silber und zwei Mal Bronze bei den Olympischen Spielen. Völlig unerwartet. Aber jetzt, mit 22, hat sie die Unbeschwertheit des Mädchens, das nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hatte, längst verloren. Als bestens vermarkteter Star und Liebling der Nation soll Franziska van Almsick ihrem Spitznamen "Goldfisch" endlich Ehre machen und die ersehnte Medaille für Deutschland gewinnen. Doch es kommt anders: "Franzi van Speck. Als Molch holt man kein Gold" titelt die Berliner Zeitung prompt, als sie im Jahr 2000 mit Bronze in der Staffel-Wertung und ohne Einzelfinalteilnahme von den Olympischen Spielen in Sydney zurückkehrt. Später sagt sie der Rheinischen Post: "Ich sprang ins Wasser und wusste: Wenn ich als Erste anschlage, ist alles schön. Wenn nicht, kriege ich eins auf die Fresse."

Van Almsicks Sätze machen Angst. Woher kommt dieser gnadenlose Erfolgsdruck in unserer Gesellschaft? Warum werden Schwimmer, Fußballtrainer und andere sofort beschimpft oder gefeuert, wenn sie nicht siegen? Abgesehen vom Sport beherrscht dieser Druck inzwischen auch alle anderen Lebensbereiche: Eltern streiten per Rechtsanwalt um Zeugnis-Noten, weil ein Leben ohne Abitur chancenlos erscheint; Arbeitslose werden als "gescheiterte Existenzen" stigmatisiert. Und in der Wirtschaft gilt das Credo: Wachstum und noch mehr Wachstum! Sogar beim Sex lastet auf manchen Männern ein derart hoher Performance-Druck, dass sie impotent werden.

"Die Zukunft war auf einmal nicht mehr vorherbestimmt"

"Erfolgsdenken ist ein Phänomen der Neuzeit", sagt der Soziologe Dr. René John vom Institut für Sozialinnovation und Herausgeber des Buchs "Scheitern – Ein Desiderat der Moderne?". "Zuvor konnten die Menschen glauben, dass ihre Götter das Leben gut eingerichtet hatten. Es kam nur darauf an, ihre Absichten richtig zu erkennen und sich entsprechend zu verhalten." Erst als mit der Reformation plötzlich Glaubensrichtungen miteinander konkurrierten und infolgedessen Aufklärer und Religionskritiker zur Selbstreflexion aufforderten, geriet dieses System ins Wanken: "Die Zukunft war auf einmal nicht mehr vorherbestimmt, sondern offen", sagt René John.

Von nun an musste man also selbst Verantwortung für sein Leben übernehmen und sich gesellschaftlich und ökonomisch behaupten. Wer das schaffte, galt als erfolgreich. Deshalb versuchte man, mit neuen Rechenmethoden Risiken zu kalkulieren und den eigenen Status über Versicherungen so gut wie möglich abzusichern.

Auf die Bemessung von Risiken folgte bald die Bemessung des Menschen selbst: Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelten zwei französische Psychologen den ersten brauchbaren Intelligenztest.

Erfolgsdruck durch totale Überwachung

Solche Tests spielen im Leben der meisten heute keine große Rolle. Dafür vermehren sich ähnliche Bewertungsverfahren wie Grippeviren zur Winterzeit: Einstellungstests, Bewertungen anhand erreichter Quoten, benötigter Zeit und so weiter. Vor allem die Arbeitswelt wird längst von Systemen bestimmt, die Menschen in "erfolgreich" und "gescheitert" sortieren. Manche Unternehmen setzen dabei auf totale Überwachung: Vorgesetzte wissen genau, welcher Mitarbeiter die meisten Schritte zurückgelegt und wer die meisten Waren gescannt hat. Werden vorgegebene Zeiten überschritten, lösen Scanner Alarm aus. Geduld mit dem Mitarbeiter, der immer zuverlässig gearbeitet hat, sich heute aber krank fühlt und länger braucht, kennt das System nicht.

Schritte zählen und den Alltag überwachen allerdings auch die Apps von Krankenkassen: "FIT2GO unterstützt dabei, sich täglich zu bewegen. Ist man erfolgreich, wartet eine Belohnung!" schreibt die Barmer GEK auf ihrer Website. Auch die Versicherung Generali ist durch solche Praktiken ins Gerede gekommen.

Angst vor dem gesellschaftlichen Tod

Erfolg scheint also eine Frage der Leistung zu sein. Man muss sich nur anstrengen, schon folgt die ökonomische und soziale Anerkennung – per Prämienprogramm und Trainingserfolg, den man direkt über die Barmer-App auf Twitter und Facebook teilen kann. Das bedeutet: Wer fit ist, kann seinen Status noch verbessern. Wer aufgrund eines Bandscheibenvorfalls oder einer Psychotherapie zum Beispiel keine Berufsunfähigkeitsversicherung mehr bekommt, muss seinen ökonomischen und damit gesellschaftlichen Tod fürchten, sollte der Fall der Fälle eintreten.

Dabei ist der Zusammenhang zwischen Leistung und Erfolg eigentlich ein modernen Mythos: "Von den vielen Tellerwäschern in Amerika sind später nicht so viele Millionär geworden", sagt René John. Man könne es aber natürlich auch so sehen: "Es war schon ein Erfolg, dass sie es überhaupt nach Amerika geschafft haben", sagt er. Analysen mit Zahlen gaukelten immer eine gewisse Objektivität vor. "Letztlich muss man immer fragen, wer das Bewertungssystem erstellt hat und welche Interessen dahinter stehen."

Es wird noch schlimmer

Und noch etwas entscheidet: Die Ressourcen. Wenn es nur eine Goldmedaille oder eine freie Stelle gibt, erhöht das den Erfolgsdruck enorm. Deshalb eignet sich Ressourcenverknappung prima als dramatisches Unterhaltungselement. Die Beliebtheit von Castingshows spricht für sich. Zusätzlicher Anreiz: Die Zuschauer haben die Macht, durch ihr Voting Kandidaten scheitern zu lassen und sich dadurch von eigenen Misserfolgs-Gedanken abzulenken.

Wird der Erfolgsdruck also immer schlimmer? "Ja", sagt René John. "Schon deshalb, weil immer mehr Probleme in immer schnellerem Tempo auf uns einprasseln, zu denen wir uns als Gesellschaft, aber auch als Einzelpersonen sofort verhalten müssen, weil wir den Eindruck haben, dass unsere Zukunft davon abhängt." Heißt: Wir müssen Antworten auf globale Fragen finden – wie mit Putin umgehen, dem Irak, Ebola und all den anderen Katastrophen? – aber auch auf ganz persönliche wie: "Muss mein Kind Abitur machen?" Und: "Kann ich mit den Konsequenzen leben, wenn ich meine Arbeitszeit reduziere?"

Entschleunigung als Fluchtburg

Kein Wunder, dass René John infolge des Erfolgsdrucks noch eine andere Tendenz beobachtet: "Dieser Wunsch nach Entschleunigung, die Romantisierung des Landlebens, der Hang, etwas selbst zu machen, auch wenn man es kostengünstiger und zeitsparender kaufen könnte – das sind alles Versuche, dem Erfolgsdruck zu entgehen." John nennt sie "hilflose Versuche", weil auch sie uns nicht vor dem Druck bewahren können.

"Ich habe keine Angst mehr, zu fallen. Und ich weiß jetzt: Man darf Fehler machen", sagte Franziska van Almsick dieses Jahr eben jener Zeitung, die sie 14 Jahre zuvor als "Franzi van Speck" beschimpft hatte. Versuchen kann man also nur eines: Trotz allem mit einer gewissen Lockerheit und Abgeklärtheit durchs Leben gehen. Auch, wenn sich Erfolg wie Zwang anfühlt – erzwingen lässt er sich deshalb noch lange nicht.