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3. Dezember 2003, 12:16 Uhr

Der Schwarzseher

Die Schlangen wurden in den eisernen Käfig übergeben, wo die sieben Kinder des Königs jedoch gefangen sind. Die Alten und Vorfahren steigen aus den Tiefen der Hölle, aber sterbend sehen sie ihre tote Frucht und schreien. I, 10© Hannes Binder

Ein spätes und damals selbst von seinen Kritikern kaum wahrgenommenes Werk begründet schließlich seinen geschichtlichen Ruhm: die Prophezeiungen, deren erster Teil 1555 erscheint. Fast 1000 Vers-Päckchen werden es schließlich. Und nun wird nicht mehr nur ein einziges Jahr mit Vorhersagen abgedeckt wie bei den Almanachen. Denn kommt nicht alles wieder? Laufen die Geschicke der Menschen nicht im Kreis? Davon waren schon antike Denker überzeugt. Von ihnen übernimmt Nostradamus sein Geschichtsverständnis: So wie die Planeten, Sonne, Mond und Sterne ihre Bahnen ziehen in den acht Himmeln - die Astronomie als exakte Wissenschaft ist noch im Werden - und immer wieder in die gleichen Konstellationen zurückkehren, so wiederholt sich das Schicksal der Menschen. Auch andere Almanachschreiber hatten sich diese Weltsicht schon zu Eigen gemacht und ewige Kalenderwerke herausgebracht. Mit etwas Geschick konnte es nicht schwer sein, es ihnen gleich zu tun.

Herauszufinden, wann die Planeten wo gestanden haben auf der Himmelssphäre, war kein großes Problem. Das mathematische Rüstzeug der Zeit reichte für solche Kalkulationen. Besser noch: Andere hatten sich zuvor schon die Mühe gemacht und die Bahnen von Merkur, Venus, Mars, Jupiter oder Saturn bestimmt. In wuchtigen Tabellenwerken war alles nachzulesen. Zeile für Zeile, Planet für Planet, Jahr für Jahr. Und wenn der Finger mal verrutschte im schummerigen Licht der Kerzen, machte das auch nicht viel. Wer sollte es schon merken?

Es ist ein Dreiklang, der die Visionen der Zukunft hervorbringt, wie Nostradamus im Vorwort der Prophezeiungen schreibt: göttliche Offenbarungen durch halb magische Praktiken - von Schwefelgeruch zum Beispiel ist die Rede und einer kleinen Flamme - sind das Erste. Dazu bedürfe es, zweitens, einer besonderen prophetischen Begabung - wo kämen wir hin, wenn Krethi und Plethi glaubten, den Geist Gottes deuten zu können? Die letzte Komponente schließlich bildeten die ewigen schicksalsprägenden Zyklen der Planeten. Aber das Heilige will er nicht den Hunden geben und die Perlen nicht vor die Säue werfen, schreibt er, "was auch der Grund war, die Sprache dem Gemeinverständlichen und die Feder dem Papier wieder zu entziehen".

Am Ende hat er alles notiert, was er notieren will für die gesamte vermeintlich verbleibende Zeit bis zum Ende der Welt - 3797 soll das kommen, sagt der Seher von Salon voraus. Oder vielleicht doch schon 1999 im Sommer? Darauf jedenfalls hatten sich zahlreiche gegenwärtige Jünger bereits eingerichtet. "Jahr 1999, siebenter Monat. Vom Himmel kommt ein großer Schreckenskönig. Wiedererweckt, der große König von Angoulmois. Vor, nach Mars, Regieren zu guter Zeit." Zehnte Centurie, Quatrain 72. Ausnahmsweise eine ganz konkrete Zahl: 1999. Groß war das Geschrei kurz vor der Jahrtausendwende. Und hin und her gedeutelt wurde, wer der "große Schreckenskönig" sein könnte, der vom Himmel kommen sollte. Was dann kam - auch ohne Nostradamus berechenbar -, war die totale Sonnenfinsternis vom 11. August. Das war's. Oder nicht?

Nostradamus ist ein von der Gicht geplagter alter Mann, als er den Almanach für 1567, seinen letzten, schreibt. Arthritis kommt dazu, Ödeme plagen ihn. Das Atmen wird zur kaum noch erträglichen Qual. Ende Juni notiert er auf dem Rand einer Sternentabelle: Hic prope mors est - hier ist der Tod nahe. Am Abend des 1. Juli dann folgt gegenüber sei nem Sekretär eine Prophezeiung, die sich bewahrheiten soll: "Bei Sonnenaufgang wirst du mich nicht mehr lebend antreffen." Morgens liegt seine Leiche neben dem Bett.

Die erste Gesamtausgabe des gewaltigen Prophezeiungswerkes im gewohnt quälenden Almanach-Stil kommt erst 1568, zwei Jahre nach seinem Tod, heraus. Später tauchen neue Vorhersagen auf, dazu Sechs-, nicht die gewohnten Vierzeiler, Entwürfe vermutlich, die sich unvollendet irgendwo im Studierzimmer von Salon fanden. Gepflegt wird der komplette Nachlass damals von seinem Sohn Cèsar und seinem ergebenen letzten Sekretär Jean Aymes de Chavigny. Letzterer verfasst dann auch die "offizielle" Biografie des Meisters und fügt der schon zu Lebzeiten keimenden Legende bei, was noch fehlt. Die Saat ist gelegt.

Und mit noch einer Prophezeiung hat Nostradamus Recht behalten: "Gegen jene, die mir so oft den Tod gewünscht haben", schreibt er 1557 trotzig im Vorwort von gleich drei Almanachen: "Wenn ich tot bin, wird mein Name weltweit leben."

Frank Ochmann
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