Wirtschaftskrisen, 11. September, Irak-Krieg - noch 500 Jahre nach seiner Geburt gilt Nostradamus einer weltweiten Anhängerschaft als Künder von Krieg, Seuchen und Katastrophen. Auch wenn er es mit den Sternen nicht so genau nahm: Seinen Nachruhm hat der umtriebige Vielschreiber richtig vorhergesagt.

Während ich dasitze, nachts, bei geheimen Studien, beruhend auf den unerschütterlichen Gedanken? Winzige Flamme dringt aus der Einsamkeit, bringt hervor, woran man nicht vergeblich glauben soll. Centurie I, Quatrain 1© Hannes Binder
Während der unheilvollen Stürme also werde ich sie zerreiben, wird der Herr sagen, und sie zerbrechen und kein Mitleid haben." Es ist beängstigend, was der Meister seinem Sohn César für die Zukunft zu sagen hat. Nichts als Grauen droht demnach, kein göttliches Erbarmen wird das hereinbrechende Elend lindern: Hunger, Seuchen und Krieg und immer neue Not bis hin zum ewigen Verderben. In Hunderte von mysteriösen Vierzeilern ist das kommende Unheil gefasst. "Und dies", wie sein Künder freimütig gesteht, "zusammengestellt, in nicht abgerundeter Sprache die Orte, Zeiten und den bestimmten Termin festsetzend." Aber das macht die Zeilen nur noch spannender.
César ist erst zwei Jahre alt, als ihm der Vater den dunklen Brief zur Widmung seines Werkes schreibt. Viele lange Sätze in sperrigem, mit lateinischen Brocken versetztem Französisch. Alles ohne einen einzigen Absatz und mit Satzzeichen wie aus dem Salzstreuer. Doch der Kleine muss ja noch nicht begreifen. Es eilt nicht, denn was da verheißen wird, soll für alle kommenden Generationen gelten. "Wenn die Zeit kommt", verspricht der Autor, "wird die menschliche Unwissenheit aufgehoben werden, und der Fall wird sehr klar sein." Wann das sein wird? Eine vage Spur gibt es: "Fünfhundert Jahre plus rechnen, wird jener, der eine Zierde seiner Zeit war, durch einen großen Schlag große Klarheit bringen, was die aus diesem Jahrhundert sehr zufrieden macht."
Fünfhundert Jahre nach der Geburt des überfließenden Schreibers - "plus rechnen"! - ist der Fall allerdings ganz und gar nicht klar. Heerscharen von Deutern in aller Herren Länder suchen nach Schlüsseln und Zeichen, um dem alten Meister auf die Spur zu kommen. Doch weiter umhüllt ein dichter Nebel aus Fragen und wüsten Spekulationen die berühmtesten, umstrittensten und wohl auch düstersten Weissagungen, die je so geballt unters Volk gebracht wurden - die Prophezeiungen des "Meisters Michel Nostradamus".
Dominierte er zu Lebzeiten schon mit Geschick und Glück die damals nicht kleine Zunft der Zukunftsdeuter, so erstrahlte der Ruf des provenzalischen Sehers nach seinem Tod bald in beinahe göttlichem Glanz - Sohn und Sekretär polierten eifrig und erfolgreich. "Flieh! auf! hinaus ins weite Land! und dies geheimnisvolle Buch, von Nostradamus' eigner Hand, ist dir es nicht Geleit genug?" So fragt Geheimrat Goethe im ersten Teil seines "Faust". Nostradamus als Lebenshilfe. Denn auch da, wo Bibel und Kirche ihren Einfluss einbüßen, scheint der Wunsch nach geordneten Verhältnissen, nach Plan und kalkulierbarem Ziel ungebrochen - "eine verdammte Furcht vor dem Zufall" diagnostiziert der italienische Mittelalterspezialist und Bestsellerautor Umberto Eco beim Menschengeschlecht.
Da wirkt ein Nostradamus wie Baldrian. Ohne jede ernst zu nehmende Konkurrenz steht sein Name heute wie eine Handelsmarke für das geheime Wissen über jenseitige Schicksalslenkung. Von Ewigkeit zu Ewigkeit, so scheint es, wurde Nostradamus offenbart, was gewöhnlichen Menschen verborgen bleibt. Der Dreißigjährige Krieg, Menschenschinder wie Napoleon und Hitler, Wirtschaftskrisen, Aids und Terroranschläge wie die vom 11. September 2001. Er hat alles schon gewusst! Sagen mit leuchtenden Augen seine Jünger. Er ist der Prototyp des Scharlatans! Entgegnen angewidert die Nüchternen. Doch so sehr der Meister die Geister auch scheidet - auch nach einem halben Jahrtausend, so scheint es, hat der Name Nostradamus nichts von seiner verführerischen Kraft eingebüßt.
"Es wird einen großen Donnerschlag geben, zwei Brüder werden auseinander gerissen durch Chaos während die Festung leidet. Der große Führer wird weichen. Der dritte Weltkrieg beginnt, wenn die große Stadt brennt." Die Wolken aus Staub und Rauch liegen noch wie ein Nebel über Manhattan, als solche und ähnliche Zeilen im Internet auftauchen.
"Nostradamus" wird schon kurz nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001 zu einem der meistgetippten Begriffe in den Suchmaschinen des World Wide Web - weltweit schreit die offenbar tief verletzte und verunsicherte kollektive menschliche Psyche nach Halt, Hilfe und Hoffnung. Hat denn niemand etwas gewusst? Haben nicht wenigstens die Propheten etwas zu sagen, wenn schon die Geheimdienste versagten? Und da tauchen dann diese Zeilen auf. Ja, er hat es wieder einmal gesehen!