Beginn des Artikels
Apfelwein
Wein, der auf der Wiese wächst
© Cornelius und Fabian Lange
Andreas Schneider prüft die Ananas-Renetten. Aus den goldgelben Früchten macht er seinen besten Apfelwein
Von Cornelius und Fabian Lange
Er hat nicht den besten Ruf, nicht einmal mehr in seiner Heimat Hessen.
Höchste Zeit also, sich dem Apfelwein zu widmen. Junge Kelterer haben sich
daran gemacht, ihm mit viel Liebe und Sorgfalt zu neuen Würden zu verhelfen.
Passt auf, der Stoff zieht euch das
Hemd aus der Hose! So haben uns
Freunde auf unseren Erstkontakt mit
Apfelwein vorbereitet. Unsere Initiation
fand im "Kanonesteppel" statt, einem der
wenigen noch authentischen Apfelweinlokale
Frankfurts. Es liegt wie fast alle Traditionslokale
im Stadtteil Sachsenhausen.
Dort haben wir unser Wirtschaftsstudium
begonnen, unter den Platanen der Äppler
(Apfelweinlokale) - und erst mal Apfelweinlatein
gepaukt: Deinen Schoppe Äbbelwoi
(0,2 l Apfelwein) petzt (trinkst) du
aus dem Gerippten (Apfelweinglas) und
schenkst aus dem Bembel (blau lasierter
Steinzeugkrug) nach.
Bembel? Da war doch was …? Richtig,
Heinz Schenk und der "Blaue Bock"! Die
TV-Größe hat den Äbbelwoi einst auch
außerhalb der Bankenmetropole berühmt
gemacht. Doch nicht nur der Bembel-
Heinz verschwindet langsam aus dem kollektiven
Gedächtnis der Nation, auch mit
dem Apfelweinkonsum geht es unaufhörlich
bergab, sogar in Hessen. Dabei war der
Apfelwein zwischen Frankfurt und Darmstadt
früher Nationalgetränk.
Derbe Leckerbissen zu saurem Apfelwein
Um ihn herum konnte sich sogar eine
eigenständige kulinarische Kultur entwickeln:
Rippchen mit Kraut, Handkäs mit
Musik (ein waffenscheinpflichtiger Käse
mit Essig-Zwiebel-Marinade), Blut- und
Leberwürstchen mit Kartoffelpüree und
die gekochte Ochsenbrust mit Grüner
Sauce, jener Kitt, der die kulinarische Identität
der Frankfurter bis heute zusammenhält.
Diese derben Leckerbissen sind bestens
geeignet, um den herben und oft auch
sauren Apfelwein halbwegs an der Leine zu
halten. Denn nachdem er am Zäpfchen
vorbeigerauscht ist, fletscht er im Magen
seine Zähne. Kohlenhydrate sind einfach
die beste Bremse für die Säure.
Die kommt nicht von ungefähr: Die
traditionellen Erzeuger keltern ihren Apfelwein
fast immer aus Fallobst - so wie es
ihnen die Lieferanten auf den Hof bringen.
Meist grauslich unreif oder überreif und
oft schon matschig. Statt nach Äpfeln duften
solche Schoppen dann nach einem
Lüftchen aus dem Pferdestall. Kein Wunder,
dass nur wenige Apfelwein-Novizen
über den ersten Schoppen hinauskommen.
Schade, denn in der hessischen Apfelweinszene
hat sich einiges getan. Dort gärt
es, und zwar gewaltig. Eine kleine Gruppe
von Erzeugern will nicht zusehen, wie ihr
Stöffsche sang- und klanglos von den gescheuerten
Holztischen verschwindet.
Andreas Schneider aus Nieder-Erlenbach
im Norden von Frankfurt zum Beispiel
arbeitet wie ein richtiger Winzer.
Seine Äpfel gedeihen auf Plantagen, die er
hegt und pflegt, und die deshalb reife,
gesunde Früchte bringen. Nur das Beste
presst er zu Most, den er zu Wein vergären
lässt und so die Seele der verschiedenen
Sorten in seine Schoppen transformiert.
Beim Gang durch seine Plantagen hält er
uns eine goldgelbe Köstlichkeit unter die
Nase: "Eine Ananas-Renette! Aus denen
mache ich meinen besten Apfelwein."
Panoptikum einer untergegangenen Apfelwelt
Direkt hinter seinem Hof aus den 1960er
Jahren liegen die Plantagen mit jeder Menge
goldgelber Früchte, die im grünen Laub
leuchten wie Christbaumkugeln. Schneider
bietet vielen bedrohten Sorten Asyl
in seinen Obstgärten, sie sind zu einem
Panoptikum einer längst untergegangenen
Apfelwelt geworden. Unter seinen Schützlingen
befindet sich der Weiße Winterkalvill,
die Rote Stern-Renette, die Gewürzluike
und der Bohnapfel - um nur einige von
Schneiders wichtigsten Sorten zu nennen.
Wenn sie reif sind, unterzieht Schneider
jeden Apfel, der zwischen September und
November vom Baum fällt, einer 360-
Grad-Leibesvisitation. Die Früchte werden
gemahlen, der Brei wird auf einem langen
Transportband einer Reihe von Walzen
zugeführt, die den Most behutsam herausquetschen.
Den durchgegorenen Apfelwein
lässt Schneider lange auf der Hefe
reifen, um das Aroma der Früchte zu verfeinern.
Neben Apfelweinen produziert er
auch Schaumweine, die mit ihrer edlen
Fruchtigkeit eigentlich zu schade sind, um
Rippchen mit Kraut herunterzuspülen.
stern-Artikel aus Heft 36/2008
Weitere Artikel aus der Rubrik "Lifestyle"