Dann kamen die Zweifel, zuerst aus Amerika. 2006 hatte der US-Milliardär und Weinsammler William Koch, wohnhaft in Palm Beach, Florida, Rodenstock vor einem Gericht in New York verklagt (stern Nr. 12/2007). Koch hatte vier Jefferson-Flaschen zum Preis von 311 804 Dollar gekauft. Nun warf er Rodenstock vor, dass die Flaschen falsch seien. Die Gravuren jedenfalls stammten mit Sicherheit nicht aus dem 18. Jahrhundert, sondern seien mit modernen Werkzeugen gefertigt. Rodenstock bestreitet das bis heute. Das Verfahren läuft noch.
Jetzt haben stern-Reporter Männer gefunden, die versichern, exakt solche Flaschen in den 80er Jahren graviert zu haben. Alle leben im Westerwald, unweit von Rodenstocks damaligem Wohnort.
"Die habe ich doch gemacht", sagte der Glasgraveur Harry Müller spontan, als stern-Reporter ihm Fotos der Jefferson-Flaschen zeigten. Müllers Werkstatt liegt in Hellenhahn-Schellenberg, neun Kilometer von Bad Marienberg entfernt. Nach kurzem Schweigen wiederholte er: "Ja, solche wie die hab ich gemacht. Diese auf dem Foto hier tragen zwar nicht alle meine Handschrift, aber bei der da", wobei er auf eine von zwei Flaschen mit der Aufschrift Lafitte deutete, "bin ich mir ganz sicher: Die ist von mir."
"Ich hatte meinen Laden 1984 eröffnet", erinnert sich Müller. "Ein oder zwei Jahre danach kam ein Mann und brachte mir drei, vier alte, mundgeblasene Flaschen - mit einer weiteren als Vorlage, die bereits graviert war. Genauso sollte ich die anderen auch gravieren." Er habe das ungern gemacht, weil die Musterflasche stümperhaft ausgeführt war. Schließlich habe er aber doch ein Diamanträdchen in die Maschine gespannt und die Flaschen wie gewünscht beschriftet, für etwa zwölf Mark pro Stück. Auch Müllers Frau erinnert sich an den Vorgang: "Ich hab die Flaschen persönlich gesehen. Wir fragten uns damals: Wozu soll denn so was gut sein?" Der Name Rodenstock, allerdings, sagt Müller nichts, und auch auf Fotos konnte er ihn nicht identifizieren. Gesehen hat er den Mann nie wieder.
Einen Tag später klopfte der stern bei dem Glasgraveur Rudolf Förster in Weroth im Westerwald an. Auch ihm legte er Fotos alter gravierter Flaschen vor. Förster verhielt sich zunächst unverbindlich. Es komme ihm da etwas vage bekannt vor, sagte er, er denke mal nach.
Wochenlang ließ sich Förster Zeit, er grübelte und beriet sich rechtlich. Hatte er sich damals strafbar gemacht, vor vielen Jahren? Welche Konsequenzen hätte es, gäbe er die Arbeit an den Jefferson-Flaschen zu? Endlich tippte Förster seine Nachricht an die Reporter. "Suchen Sie nicht weiter", schrieb er per SMS, "ich habe solche Flaschen gemacht." Auch der Graveur Förster kennt Hardy Rodenstock nicht. Förster, der inzwischen einen anderen Beruf ausübt, hatte seine Jefferson-Flaschen für einen gewissen Peter Görner angefertigt, den er von der berühmten Glasfachschule in Hadamar kannte.
Es sei um die Zeit der Wende gewesen, 1989/90, als Görner mit sieben alten Flaschen und Vorlagen auf Papier zu ihm gekommen sei, so Förster: "Ich erinnere mich an die Jahreszahlen und an das Buchstabenkürzel Th. J." Er übertrug die Vorlagen per Pauspapier auf die Flaschen, zog sie mit einem Lackstift nach und gravierte die Schriftzüge mit der Diamantspitze. Als Kühl- und Gleitmittel auf dem spröden Altglas nahm er Petroleum. Görner habe pro Flasche 15 Mark gezahlt, was er mit den Buddeln tat und ob er in Kontakt mit Rodenstock stand, ist nicht bekannt. Förster fragte auch nicht. Görner starb 2008. Rodenstock sagt, er habe den Mann nicht gekannt. Er habe auch die Namen Harry Müller und Rudolf Förster noch nie gehört.