. .
Lifestyle - Lebensart
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
3. September 2006, 10:00 Uhr

Nachschub für den lieben Gott

Lange nach Mitternacht sitzen wir bei Veyrat im Wohnzimmer. Die Gäste sind weg, aber er ist aufgekratzt: "Natürlich esse ich zu Hause was anderes! Blutwurst! Kalbshaxe! Gemüse!" Aber als Avantgardist kann er sich doch nicht damit begnügen, einfach das Zeug zu garen, das ihm ins Haus geliefert wird. Immer weiter müsse das Experimentieren gehen, sagt er, nur so sei die Tradition zu retten. "Stillstand ist der Tod." - Ob das nicht etwas kompliziert sei, mit den Pipetten, dem Stickstoff und den Molekülen? - Er lacht gequält: Ich kann doch nicht zurück zu den Anfängen! - Ob denn die Zutaten wichtiger seien oder der Koch? - Monsieur schnaubt: "Der Koch natürlich! Immer mehr Kritiker schreiben zwar: das Produkt! Quatsch: Erst der Wille des Menschen macht daraus etwas Einzigartiges! Je verrückter der Mensch, umso großartiger das Produkt!"

Produkte "nicht supermarktgerecht"

Sein Freund Regis, Veyrats Lieferant für Schinken, der sei auch verrückt. Mit ihm hat er früher die Schule geschwänzt. Und heute mache Regis einen Schinken wie vor 50 Jahren. Voller Geschmack. Regis Bozon, 52, hat in seinem 150 Jahre alten, schindelgedeckten Bauernhof, hoch in den Savoyer Alpen, eine Räucherkammer eingerichtet. Aus dem Kamin kringelt blauer Rauch, das alte Haus riecht nach glimmendem Wacholderholz. Im Rauch hängen Würste und Schinken, die er später in seinem Laden oder auf Wochenmärkten verkaufen wird. Regis salzt nur halb so viel wie die Industrie, Nitrat verwendet er gar nicht. Deshalb sind seine Produkte "nicht supermarktgerecht: Der Schinken wird schnell grau, wenn man ihn aufschneidet - das wollen die Kunden nicht. Sie wollen ihn schön rosa, eine Woche lang! Das geht nur mit viel Chemie". Regis hat Schinken und Käse aufgetischt, dazu gibt es "diots" aus der heißen Brühe, die einheimischen, kurz geräucherten Schweinswürste, die leicht nach Thymian duften. Ihm ist schleierhaft, wie man im Tal Schinken machen kann: "Die Höhe macht 50 Prozent der Qualität aus! Schinken, der unterhalb von 500 Metern gemacht wird, ist kein Schinken. Da unten ist es zu feucht."

Behutsam Alain Michels Käse sind erst reif, wenn sie von Millionen brauner Milben bedeckt sind - hier wischt Veyrats Käsemann sie sanft© Markus Kirchgessner

Es ist Vormittag, elf Uhr, wir begießen das Frühstück mit Pflaumenschnaps, den Pierre Salero, 63, selbst gebrannt hat. Der ehemalige Fabrikarbeiter ist heute Kräutersammler, er zieht für Veyrat über Bergwiesen und sammelt unbekannte Kräuter, die der Meister in seiner Küche verflüssigt. Die Kräuter kennt er nur unter den Namen, die ihnen die Einheimischen gegeben haben. Mit am Tisch sitzt auch Gilles Rigaud, 49, ehemaliger Bauunternehmer, der alles hingeschmissen hat und jetzt das einfache Leben genießt. Wenn er nicht gerade durch Bali fährt, sammelt er für Veyrat Pilze. Die drei sind sich einig: Die neuen EU-Gesetze bringen den Geschmack um. Kaum ein Bauer dürfe noch ein Schwein schlachten: "Die gehen heute in den Supermarkt, kaufen sich eine Schweinehälfte und legen sie in die Tiefkühltruhe!" Dabei sind die alten Schweinerassen ebenso verdrängt worden wie das Empfinden für Qualität: "Heute wird in Europa praktisch nur noch eine Rasse verwendet, weil sie so mager ist." Die drei prosten sich zu: Es lebe die Qualität!

"Tomaten sind meine Leidenschaft!"

Sein Gemüse bezieht Veyrat vom Gärtner Favrin am Lac du Bourget, das Klima ist dort so mild, dass mitten in den Bergen Olivenbäume gedeihen. Drei Generationen bewirtschaften dort nur einen Hektar Land, doch was sie auf dem bisschen Erde zaubern, ist "einfach wunderbar", schwärmt Veyrat. Opa Georges, 78, ist durch 160 Länder gefahren, hat seltene Samen mitgebracht und in Treibhäusern gezogen. Zwölf Sorten Basilikum, 27 Sorten Paprika, 30 Sorten Salat wachsen dort. Er experimentiert für sein Leben gern, immer auf der Suche nach dem neuen oder dem verlorenen Geschmack: "Tomaten sind meine Leidenschaft!" Davon züchtet er 38 Sorten, seine liebste wird bis zu zwei Kilo schwer, ist hässlich und wird schnell schlecht: "Aber welch ein Geschmack!" Leider ist sie unverkäuflich, weil die Verbraucher zu blöd seien: "Sie wollen eine Tomate, die eine Woche lang schnittfest bleibt und nix kostet. Und dann jammern sie, dass sie nach nichts schmeckt."

Schimmlig "La crožte fleurie", die blühende Rinde auf Rohmilchkäsen, gedeiht nur in Tropfsteinhöhlen. Dieses Prachtexemplar wird Veyrat anbieten© Markus Kirchgessner

Der Kunde? Da kriegt Pierre Jargot, 61, der Metzger von Marc Veyrat, einen Wutanfall. "Die Frauen sind die schlimmsten. Fettfrei. Alles muss fettfrei sein." Mit seinem Bruder Robert, 63, und Sohn François, 27, betreibt er eine Dorfmetzgerei, in der eine Qualität produziert wird, von der man anderswo nur träumt. Im Kühlhaus reift eine Rinderhälfte der hiesigen Abondance-Rasse. Seit drei Wochen hängt sie hier bei drei Grad ab, sie ist fast bläulich, das Fleisch deutlich marmoriert, also mit Fett durchzogen: "Das beste Stück kriegt morgen Veyrat." - Und um den Rest reißen sich dann die Kunden? - "Ach was", sagt Pierre, "das bleibt jetzt eine Woche im Laden liegen. Die wenigsten wissen, wie gut dieses Fleisch ist." Dann hackt er ein drei Kilo schweres Stück C™te de bÏuf ab und lädt uns für den Abend in die Villa des Fleurs zum Essen ein. Legt dort dem Koch das Fleisch auf den Tisch und knurrt: "Mach es ja ordentlich!" So gut haben wir seit Jahren nicht gegessen, und bei einer Flasche C™te R™tie ist es nicht geblieben. Pierre ist französisches Urgestein, knorrig, selbstbewusst und voller Spott über Europa. Das Monster in Brüssel schließt ihm gerade seine Räucherkammer. Fünf Generationen lang hing dort die beste Wurst aus Savoyen im Rauch. Auch der Pormonier, die mit Weißkohl, Lauch und Schweinefleisch gefüllte Wurst, die er zu Veyrat nach Hause liefert. Jetzt soll Jargot den Raum kacheln. Da macht er lieber die Räucherei zu. "Woher soll der Geschmack kommen? Aus den Kacheln?"

Ob er denn schon mal bei Veyrat gegessen habe? Nein, sagt er, was er so gehört habe, reize ihn nicht, er esse lieber traditionell. Aber auf seinen illustren Kunden lässt er nichts kommen: "Leute mit seiner Kompromisslosigkeit retten die Qualität unserer Lebensmittel, ohne sie wären wir verloren. Veyrat ist wie Picasso: Dem wirft auch keiner vor, dass er Bilder malt, auf denen man nicht erkennt, was es sein soll."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 35/2006

Von Claus Lutterbeck
1 2
weiter  
 
 
MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2012)
Dick im Geschäft