
Herrenhaus mit Dame: Sophie Dudemaine im Arm ihres Mannes Jacky. Wie die Mitarbeiter gehören auch diverse Tiere zum "Maison de Sophie"© Jo Magrean
Das geschah im Jahr 2000. Die Startauflage von 6000 Exemplaren war im Nu vergriffen - und bis heute hat sich der Bestseller "Cakes de Sophie" rund 1,6 Millionen Mal verkauft. Wie ist es nur möglich, fragen sich Experten, dass auf dem überbordenden französischen Kochbuchmarkt selbst nach sechs Jahren immer noch 200 bis 300 Franzosen pro Tag nach den Kuchenrezepten einer Frau verlangen, die nicht einmal zur Riege der "ma”tres de cuisine" gehört? Schließlich ist sie kein Profi, sondern hat lediglich bei Hauben-Königen als Praktikantin in die Töpfe geschaut. Ähnliche Erfolgsgeschichten sind auch in Deutschland zu beobachten: Zeitweise hieß hierzulande der bekannteste Koch Alfred Biolek, obwohl der Showmaster ist und das Gebrutzel zwar ambitioniert, aber doch nur als Hobby betreibt. Und auch sein Nachfolger Tim Mälzer ist zwar gut ausgebildeter Koch, von den Weihen eines Michelin-Sterns aber weit entfernt. Was, Frau Dudemaine, machen die Sterneköche falsch?
"Viele Kochbücher", sagt Sophie, "sind zu kompliziert. Allein all die exotischen Zutaten zu besorgen ist viel zu aufwendig." Ihre Rezepte müssen hopp, hopp gehen - und trotzdem raffiniert schmecken. Genau da liegt das Geheimnis der "Methode Sophie": Sie ist idiotensicher und funktioniert selbst dann, wenn der Hobbykoch zwei linke Hände besitzt. In diesen Tagen kann sich auch der Rest der Welt überzeugen lassen, denn jetzt erscheint "Sophies Cakes" in Deutschland, gefolgt von Italien, Spanien, Portugal, Kanada, den USA und Japan.
Mit ihrem Lieblingswort "simplifier", vereinfachen, köderte die Autorin auch den Papst der französischen Haute Cuisine, Alain Ducasse - und der ist immerhin der höchstdekorierte Koch der Welt. Gemeinsam mit ihm hat sie 120 seiner Gourmet-Rezepte ausgewählt und so entstört, dass auch die "Sardines farcie Riviera" oder das "Filet de sole tartiné de crevettes" für Normalsterbliche nachkochbar sind. Ducasse für Doofe sozusagen, ein außergewöhnliches Kochbuch, das es unter dem Titel "La Cuisine de Ducasse par Sophie" bisher leider nur in Frankreich gibt.
Sophie Dudemaine scheint auf dem besten Wege, es Martha Steward, "Amerikas bester Hausfrau", gleichzutun und aus den eigenen vier Wänden heraus ein Imperium aufzubauen: Insgesamt zwölf Bücher hat sie mittlerweile veröffentlicht, von "Les Terrines", "Les Desserts", "Les Buffets" bis "Les Crêpes de Sophie". Über eigene Fernsehsendungen erreicht sie Millionen. Ein Unternehmen in der Bretagne fabriziert in Lizenz ihre Cakes für große Supermarktketten, unter ihrem Namen werden Produkte wie Geschirr, Tischwäsche und Wohnaccessoires vertrieben. Nur das "Maison de Sophie" soll einzigartig bleiben. "Ich will unabhängig bleiben", beharrt sie sturköpfig, "und nur das machen, was mir gefällt."
Und ihr gefällt es in dem normannischen 300-Seelen-Dorf, in dem sie seit drei Jahren wohnt. Brutzeln und backen für die Familie, für Freunde, die Angestellten und die Gäste, "das verstehe ich unter Lebensart". Sie will für kein Geld der Welt gezwungen sein, irgendwann zwischen Tokio, New York und Toronto herumzujetten, um sich und ihre Produkte zu vermarkten. Die Initialen S. D. stehen für eine Frau, die sagt, sie wisse genau, was für sie unverzichtbar bleibt: die frische Brise, die vom Meer rüberweht, ein Zwiegespräch mit Kakadu-Dame Gaby, ein paar Versuche, dem vier Monate alten Berner Sennhund Beethoven etwas Benehmen beizubringen, ein Milchkaffee und frisch gebackene Brioche in der gemütlichen Küche. Ein Zigarettchen vielleicht - und die Frage: Was kochen wir heute?
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Stern
Ausgabe 36/2006