Sind die Jefferson-Flaschen Rodenstocks identisch mit jenen der Graveure, die der stern im Westerwald aufstöberte, in nahem Umkreis von Bad Marienberg, dem Städtchen, in dem auch Rodenstock bis 1989 lebte?
Nach den stern-Recherchen sind Jefferson-Flaschen in mehreren Phasen und von verschiedenen Personen hergestellt worden, soweit nachweisbar, stets im Umkreis von Bad Marienberg. Harry Müller will seine Jefferson-Flaschen um 1985/86 graviert haben, wobei eine Vorlagenflasche offenbar bereits existierte. Auch die muss jemand gemacht haben, wenn auch mit Laienhand. Wer, ist unbekannt. Um 1989/90 hat Rudolf Förster dann weitere gemacht.
Der stern fand immerhin einen Graveur, der sich daran erinnerte, dass er für Rodenstock gearbeitet hatte und ihn auch persönlich kannte: der inzwischen verstorbene Ulrich Strüder. Strüders Werkstatt lag in Bad Marienberg. Rodenstock sei sein Kunde gewesen, in den 80er Jahren, erzählte Strüder den stern-Reportern. Vor allem habe er Karaffen für ihn graviert. Rodenstock habe sich an der Arbeit des Gravierens sehr interessiert gezeigt.
Strüder erinnerte sich, dass Rodenstock irgendwann mit einer alten Flasche aufgetaucht sei und auch sie graviert haben wollte, mit einem Wappen. Als Rodenstock die fertige Arbeit entgegengenommen habe, habe er Strüder gefragt: "Schätzen Sie mal, was die wert ist." "Keine Ahnung", habe Strüder geantwortet. Daraufhin habe Rodenstock gesagt: "100 000 Mark!" Strüder behauptete, er habe Rodenstock wütend vor die Tür gesetzt und ihm dabei gesagt: "Sind Sie verrückt? Nie hätte ich den Auftrag ausgeführt, wenn ich gewusst hätte, wie teuer die Flasche ist. Auf so einen Wert bin ich gar nicht versichert."
Eines vergaß Strüder damals in seiner Erregung zu fragen: Wann war die Flasche 100 000 Mark wert - vor der Gravur oder nachher?
Vor seinem Tod im März 2010 wurde Strüders Aussage auf Video aufgezeichnet. Rodenstock bestätigt lediglich, dass ein "Herr in Bad Marienberg" Karaffen für ihn gravierte. Aber keine Flaschen.
Die Graveure Förster und Müller sind jetzt als Zeugen benannt. Ihre eidesstattlichen Versicherungen sind Bestandteil einer weiteren Klage, die der amerikanische Milliardär William Koch am 30. März in New York unter dem Aktenzeichen 10 CIV 2804 eingereicht hat. Auch die Aussagen des verstorbenen Strüder finden sich in der Klageschrift wieder.
Die neue Klage richtet sich diesmal gegen das Auktionshaus Christie's. Allerdings spielt Rodenstock darin eine große Rolle. Koch sieht in Rodenstock und Broadbent Komplizen, die die Welt zu ihrem gegenseitigen Nutzen mit falschen Altweinen versorgten. Rodenstock habe die Weine geliefert, Broadbent habe sie verbreitet mit dem Ziel, die führende Rolle Christie's bei Weinauktionen auszubauen. Rodenstock und Christie’s bestreiten die Vorwürfe.
Koch verklagt Christie's mit der Begründung, er, Koch, habe sich beim Kauf seiner vier Jefferson-Flaschen auf Michael Broadbents Beschreibungen in Christie's Auktionskatalog verlassen. Der Auktionator hatte in der Tat gleich mehrfach die Echtheit von Rodenstocks Flaschen versichert und sich dabei noch auf zusätzliche Expertenurteile berufen.
Glaubt man Kochs Klageschrift, haben alle sogenannten Experten inzwischen ihr Urteil revidiert oder bestreiten gar, je eines abgegeben zu haben. Und in einem Briefwechsel hatte Broadbent sogar zugegeben, dass ein "schriftlicher Beweis für die Echtheit der Flaschen nicht existiert".