Die Jefferson-Flaschen sind nur ein kleiner Teil von Rodenstocks Weingeschäft. Nach der Versteigerung 1985 war Rodenstock in der Altwein-Szene bekannt wie ein bunter Hund. Rasch spezialisierte er sich auf den Verkauf von Großflaschen, die zwar deutlich seltener sind, dem Kunden aber einen besser gereiften Wein versprechen und hohe Preise erzielen. Bis in die Gegenwart, wenigstens bis 2008, lieferte er in einem erstaunlichen Umfang alte Jahrgänge der Sondergrößen Magnum (Inhalt: zwei Normalflaschen), Doppelmagnum (vier Flaschen), Jeroboam (sechs Flaschen).
Dem stern liegen Zollpapiere aus dem Zeitraum von 1998 bis 2008 vor, die Rodenstocks gewaltigen Export von Großflaschen belegen, die eigentlich nur in sehr geringen Stückzahlen produziert wurden. Stets sind es nur die besten Jahrgänge. Empfänger ist die Firma Royal Wine Merchants in New York.
Aus den Unterlagen geht hervor, dass Rodenstock am 23. November 1999 eine Kiste folgenden Inhalts nach Amerika schickte: drei Magnum 1961 Château Pétrus, zwei Magnum 1921 Château Pétrus und eine Flasche Château Lafitte des Jahrgangs 11 (1811!). Zwei Tage später gingen zwei weitere Magnum Pétrus raus, diesmal Jahrgang 1921 und 1947. Noch mal zwei Tage später: eine Doppelmagnum 1947 und zwei Magnum 1921, immer Pétrus. Château Pétrus gilt als Göttertrank aus der Bordeaux-Apellation Pomerol, die produzierten Mengen sind sehr klein. Der Jahrgang 1961 gilt im Bordeaux generell als Jahrhundertjahrgang. Pétrus aus den 20er Jahren gibt es so oft wie Schneefall im Mai, Pétrus-Großflaschen sind noch rarer.
Am tiefsten in die Schatzkiste hatte Rodenstock am 21. November gegriffen. Da nahm er eine Impériale des 1961er Pétrus aus seinem Keller und schickte sie per Lufthansa nach New York. Eine Impériale ist eine Riesenpulle, Inhalt: acht Normalflaschen, und vom Pétrus 1961 kommen solche Flaschen fast nie ans Tageslicht.
Nach den Importpapieren schickte Rodenstock von 1998 bis 2008 allein an diesen einen Weinhändler 818 Flaschen der besten französischen Weingüter und Jahrgänge, zu 90 Prozent Großflaschen - der derzeitige Marktwert aller Flaschen beträgt etwa knapp sechs Millionen Euro. Die letzte dokumentierte Lieferung datiert vom 17. November 2008. Die Fracht: Château Pétrus, 1961, Format: Impériale.
Das betroffene Weingut bezweifelt die Existenz so vieler Großflaschen. "Gerade in den 20er Jahren war Pétrus ein unbekanntes Weingut", sagt Gutsbesitzer Jean-François Moueix, "für wen hätte man die teuren Großflaschen produzieren sollen? Wir müssen wohl nicht betonen, dass diese Flaschen nie vom Château selbst verkauft wurden."
Andere Weinhersteller schweigen lieber: Mouton-Rothschild etwa. Dabei tauchen auf Rodenstocks Zollpapieren von dem legendären Mouton-Jahrgang 1945 immerhin 83 Großflaschen auf, darunter drei vom Format 4,5- Liter-Jeroboam, von denen überhaupt nur 24 gemacht wurden - vor mehr als 60 Jahren.
Auch vom Château Cheval Blanc, dessen 47er Rotwein eine Ikone des Bordelaiser Weinbaus ist, kommt kein Kommentar. Bei Rodenstock tauchen von diesem Jahrgang 53 Großflaschen auf, darunter zwei Jeroboam und eine Impériale - solche Flaschen werden auf Auktionen mitunter für sechsstellige Summen gehandelt. Wenn überhaupt.
Sind Rodenstocks Flaschen nun alle falsch? Sicher nicht. Sind sie alle echt? Viele in der Weinszene bezweifeln das. Rodenstock dagegen sagt: Alle Weine und Flaschen sind authentisch. Ansonsten sucht er in dieser Sache Beistand bei einem ganz Großen. Als ihn der Autor eines Buches über Thomas Jeffersons Weinliebe kontaktierte und nach den Turbulenzen um die Flaschen befragte, antwortete Rodenstock, und der Autor zitiert ihn: "Warum regen sich alle über Weinfälschung auf? Jesus hat das auch schon gemacht."