Der Erfolg von Alcopops bei Jugendlichen ist alarmierend. Alcopops sind harmlos schmeckende Alkohol-Brausen, die in Wahrheit eine höhere Drehzahl haben als Bier. Dagegen war Tante Friedas Bowlentopf fast harmlos. Der Inhalt war selbst bestimmbar, der Topf schlecht wegzutragen und also schwer heimlich zu leeren. Wo ist er eigentlich?

Geschmack und Bekömmlichkeit sommerlicher Bowlen hängen von der Qualität der Zutaten ab. Wer nicht spart, spürt keine Reue. Mit Mineralwasser oder Fruchtsaft lässt sich der Alkoholgehalt der Bowle herabsetzen© Hans Hansen
Dies ist jetzt der vergebliche Versuch, unsere Jugend aus den Klauen der Spirituosenindustrie zu retten. Wie? Indem wir uns der Früchtebowle erinnern. Und indem wir unsere nach süßen Räuschen gierenden Kinder sanft in den heimischen Garten locken, wo sie sich peu à peu und in linder Obhut (über mehrere Sommer natürlich) jenem Zustand der Reife entgegentrinken, in dem wir sie dermaleinst in die Freiheit und Selbstständigkeit entlassen können.
Unsere Jugend ist gefährdet? Durchaus: "Alle Menschen, selbst die so genannten Wilden, werden so sehr von dem Bedürfnis nach berauschenden Getränken gequält, dass sie sich um jeden Preis welche verschaffen, mögen auch ihre Kenntnisse noch so beschränkt sein", so der französische Gastrosoph Brillat-Savarin in der Physiologie des Geschmacks.
Was gefährdet die Jugend? Alcopops. Alcopops sind der größte Triumph der Spirituosenindustrie seit langem. Explodierende Absätze mit "dreistelligen Zuwachszahlen" bei den "Ready-To-Drinks (RTDs)" meldet die "Allgemeine Hotel- und Gaststätten-Zeitung". Ready-To-Drinks ist neudeutsch und bedeutet wörtlich Fertiggetränke, meint aber Fertigmixturen aus Schnaps und Brause. Zielgruppe sind offiziell natürlich erst Erwachsene von 18 bis 35 - konsumiert aber werden sie auch von deutlich Jüngeren.
Wer fertigt derlei Stoff? Zum Beispiel die Firma Bacardi, im Eigentum von Exil-Kubanern, mit Sitz in Bermuda. Das Geschäftsjahr 2002/03 war für Bacardi Deutschland das "mit Abstand erfolgreichste Jahr der Firmengeschichte". Umsatz: plus 27,3 Prozent auf 400,7 Millionen Euro; Absatzzuwachs: "stolze 72 Prozent" auf 89,2 Millionen Flaschen. "Verantwortlich für diesen kräftigen Wachstumsschub", so Bacardi, "sind (?) die überaus erfolgreichen Premix-Marken Rigo und Breezer, die als Trendsetter das boomende, junge Premix-Segment prägen".
Auch "Premix" heißt wieder nichts als Schnaps-Brause-Mix. Der Begriff Segment weist darauf hin, dass sich nicht nur Bacardi um den Markt bemüht. Andere, Smirnoff etwa, tun dies ebenso.
Verbraucherschützer und Politiker nennen Alcopops "Designer-Getränke" und rücken sie somit begrifflich in die Nähe von Designer-Drogen wie Ecstasy. Etwas hochgehängt vielleicht, aber eben nur etwas: In der Tat werden beide Rauschmittel in Labors konzipiert. Und auf Jugendliche, die ein schlafendes Suchtpotenzial haben, können Alcopops anfixend wirken. So geschickt nämlich mischen die Lebensmittelchemiker Rum oder Wodka mit Pop genannten zuckrig-künstlich-fruchtigen Sprudeln, dass man den Alkoholgehalt kaum schmeckt. Zwar enthalten Alcopops kaum mehr Alkohol als Bier, aber durch den Zucker knallt er mehr.
Es ist traurig, wenn junge Menschen für teures Geld literweise billige Alkoholbrause in sich hineinschütten. Erstaunlich aber ist es nicht. Erstens, siehe Brillat-Savarin, sind selbst Wilde (also Jugendliche) um jeden Preis gewillt, sich Rauschgetränke zu verschaffen. Zweitens schmecken Jugendlichen die herben Getränke ihrer Eltern nicht. Biere sind eher bitter; Weine eher trocken; Spirituosen ein Genuss, der erarbeitet werden will und folglich erst von Erwachsenen empfunden werden kann. Jugendliche aber mögen es umso süßer, je mehr sie durch die Produkte der Fast- Food-, Fertiggerichte- und Limonadenindustrie an versteckte Zucker gewöhnt sind, von denen sie immer mehr haben möchten.
Eine selbst gemachte Bowle wird zunächst nicht einen Jugendlichen von Alcopops fern halten. Aber man kann mit Bowlen die Zunge schulen und erkennen lassen, dass Alcopops zwar nicht unbedingt schlecht, aber künstlich und immer gleich nach Massenware schmecken. Bowlen haben den Vorteil, dass man ihren Inhalt selbst bestimmt. Sie sind entschieden unhandlicher als Alcopops in ihren schicken Langhalsflaschen. Bowlengefäße kann man nicht grölend über die Straße tragen, jedenfalls nicht lange. Wer sie genießt, bleibt notwendig an der Quelle. Bowlen sind weniger zuckrig und vor allem preiswerter als eine Flasche Rigo, die in der Kneipe stolze vier Euro kostet!
Unsere Bowlenrezepte sind ebenso wenig für Jugendliche gemacht wie Alcopops. Aber niemand kann uns davon abhalten, sie mal probieren zu lassen.
Bert Gamerschlag