Johann Lafer ist der rührigste unter Deutschlands Köchen, er salzt und pfeffert auf allen Kanälen. Als Touristen ihn auch noch im tunesischen Fernsehen zu erkennen glaubten, schien das nicht völlig abwegig. Die Wahrheit ist: Er hat einen Doppelgänger.

Rafik Tlatli (l) und Johann Lafer putzen Artischocken. Wenn wie in ihrem Fall zwei Küchenchefs aufeinander treffen, wird das eine Art Jam-Session. Über das Thema wird frei improvisiert, einer ergänzt und variiert den anderen© Heinrich Voelkel
Ein jeder x-beliebige Tag im Leben des Johann Lafer würde einen gewöhnlichen Sterblichen schaffen: über drei Stunden Fernsehpräsenz pro Woche, mehr als 250 Koch-Folgen in der ARD, 146 Folgen im ZDF, 60 Folgen auf 3sat, plus jede Woche regionales Kochen im SWR, plus Autorenschaft an rund fünf Dutzend Kochbüchern, plus Beiträge für Zeitschriften und die "FAZ", plus Kochschule, plus Wein-Kollegs, Vorträge, Messe-Events und Produktentwicklungen. Ist es derselbe Lafer, der auch noch Chef eines Nobelhotels mit zwei Gourmet-Restaurants ist? Der Herr über 80 Mitarbeiter, liebende Ehegatte und Vater von zwei Kindern?
Oder ist das Pensum nur dadurch erklärlich, dass dieser Koch einen Klon hat? Wenn es den gibt, dann ist es Rafik Tlatli. Rafik trägt eine weiße Kochjacke, hat in Deutschland gelernt, ist Chef eines Nobel-Hotels mit Gourmet-Restaurant an der tunesischen Küste, Akteur wöchentlicher Fernseh- und Rundfunksendungen, Autor diverser tunesischer Kochbücher, bekennender Muslim und geständiger Liebhaber deutscher Hausmannskost. Gerollter Schweinebauch mit Zwiebeln auf Brötchen? Tlatli seufzt inbrünstig und beißt zu - Allah ist mit den Genusssüchtigen.
Das Verblüffendste an den beiden ist ihre Ähnlichkeit: Haarwuchs (dunkel), Augen (braun), Teint (levantinisch), Bärtchen (Saddam-Husseinisch), Gesichtsschnitt (glatte Bonhommie), Gestalt (gezügeltes Embonpoint), Gang (rudernd) - in allem sind sich die beiden gleich. Wie, um alles in der Welt, ist das möglich? War es einst vielleicht so? Johann und Rafik, zwei schreiende Bündelchen auf einer Säuglingsstation vor 45 Jahren, Zwillinge, noch unbenannt, werden durch launiges Schicksal getrennt und in entlegene Länder und getrennte Lebensläufe geschleudert. Bis ein Zufall sie zusammenführt.
Oder etwa so? Das osmanische Reich in höchster Ausdehnung - ein Imperium von den Alpen über Anatolien bis zum Hohen Atlas. Im osmanischen Heer, das so zahlreich ist wie die Sterne, dient ein Feldkoch der Janitscharen, der auf allen Feldzügen feurige Suppen und scharfe Döner serviert und auch diversen Landestöchtern dienstbar ist. Seine DNA hinterlässt er in ihren Leibesfrüchten. Mit dem Ergebnis, dass sie 400 Jahre später an zwei Orten wieder zutage tritt.
Die Ähnlichkeiten fielen einem deutschen Touristen auf, als er sich in Tunesien durchs Fernsehen zappte. Hey, kocht der Lafer jetzt auch noch vor tunesischer Kamera? Gleichzeitig stolperte einer von Tlatlis deutschen Freunden darüber, dass der plötzlich auf Doppelseiten in der Zeitschrift "essen & trinken" auftauchte.
So alarmiert, kam der stern auf die Spur der beiden und führte sie zusammen. An einem sonnigen Tag des Jahres 2002 schütteln sich ein Österreicher und ein Tunesier auf dem Flughafen von Tunis verwirrt die Hände, schließen sich in die Arme und erkennen sich als Brüder. Zwei Schnauzbärte zittern erschüttert - und Rosamunde Pilcher übernimmt den Rest.
Das Land ist ockerfarben. Weinbestandene Hügel mit hintergründigen Bergen. Die Straße windet sich nach Südosten. Rafiks Hotel liegt in Nabeul am Golf von Hammamet. Der Tunesier kutschiert seinen Gast in einem Audi 80, aber eine Hand hat er immer am Handy. Es ist viel zu organisieren - die Küche zu Hause, die nächste Fernsehsendung im Studio; Reisen zur Fußballweltmeisterschaft in Japan, wo er das nordafrikanische Couscous gekocht hat, 3000 Portionen pro Tag. Johann ist beeindruckt. Dagegen sieht seine jüngste Geschäftsidee klein aus: der "Heli-Gourmet", ein Hubschrauber, den man mitsamt Lafer am Steuerknüppel (selbstverständlich ist Lafer auch Pilot) mieten kann, um zum Picknick oder Weingüter-Hopping zu fliegen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 43/2002