Der Papst spendet seinen Segen noch "der Stadt und dem Erdkreis", da werden die Gläubigen auf dem Petersplatz bereits unruhig. Im Geiste erschnuppern sie schon all die Festgerichte, auf die sie während der Fastenzeit verzichten mussten und deren Zubereitung ein Teil der Osterfreude ist. Lamm und Carciofi, Artischocken also, gehören stets dazu.

Ostern in Rom ist ein sinnenfrohes Fest© Christian von Alvensleben
Es gab Zeiten, da haben sie Salvatore am Ostersonntag schon um drei Uhr in der Früh überfallen. Kaum hatten die Glocken des Dörfchens Lenola Christi Auferstehung verkündet und das Ende der Fastenzeit eingeläutet, drängten die Gäste schon an die Tische. Nach der kargen Karwoche ausgehungert wie Wölfe und erschöpft vom Beten auf harten Kirchbänken, wollten sie nur eins: Ran an die Tröge!
Salvatore Zizzo und Rosanna De Filippis, die Wirtsleute einer noch immer wunderbar wahrhaftigen "Hostaria" in den Bergen zwischen Rom und Neapel, haben ihre Gäste nie enttäuscht: Ihr Ostermenü war und ist immer eine Pilgerfahrt wert, egal, wie sehr es einer heute mit dem lieben Gott hält. Zu Ostern herrscht bei Salvatore und Rosanna zwei Tage lang Ausnahmezustand. Denn an keinem anderen Wochenende im Jahr stürmen ihre Landsleute in solchen Scharen aufs Land.
Natale con i tuoi, Pasqua con chi vuoi, heißt Italiens Faustregel für die zwei wichtigsten Feste im Jahr: "Feiere Weihnachten mit den Deinen, Ostern aber mit wem du willst." Also rotten sie sich zusammen, zu Gruppen und Sippen, mit Freunden, Kind und Kegel, stopfen die Kofferräume und Autodächer voll mit Rädern, Wolldecken und Ballspielen, mit Thermoskannen und Weinflaschen, mit Brotlaiben und Körben voll bunter Eier fürs Picknick zwischendurch - und dann geht es raus aufs Land. Puntos, Vans und Wohnmobile wälzen sich im Schritttempo in die "Campagna", und Stunden später lassen sich ihre Insassen auf jedweder Grünfläche nieder - und sei‘s auf dem dürren Rasenstreifen gleich neben der Trasse. Dort holt die Nation einmal kurz Luft, vertritt sich die Beine und wirft mit den Kleinen ein bisschen den Ball. Bald aber befällt sie wieder eine Unruhe, die von Meran im Norden bis Marsala im Süden als landesweites, fresslüsternes Magenknurren vernehmbar ist, freudig erwidert vom Brodeln des Pasta-Wassers in den riesigen Kesseln.
Was Salvatore und Rosanna bei einem mehrstündigen Menü auftischen, ist Tradition im besten Sinne und lässt ein wenig Wehmut aufkommen: Denn diese hauchdünnen Fettuccine aus selbst gemachtem Teig, morgens mit dem Nudelholz ausgerollt, dann geschnitten und getrocknet, wo gibt es sie noch?! Diese feinen "Sughi", mal aus würzigem Hackfleisch und frischen Tomaten, mal mit dem zarten Aroma von wildem Spargel, dessen dünne, tiefgrüne Stifte nur geübte Augen zu dieser Jahreszeit zwischen dem jungen Gras entdecken, wer macht sie noch selbst?! Das sind die Gerichte, die den Ruhm der italienischen Hausmacherkost, der "cucina casalinga" begründeten. Das sind aber auch die Gerichte, die längst auf der Liste der bedrohten Genüsse stehen. Besonders zu kulinarischen Hoch-Zeiten wie Ostern wird deutlich, dass auch Italiens Küche in den geschmacklichen Abwärtsstrudel gerät, der entsteht, wenn kundige Köche von immer mehr Beutelaufwärmern verdrängt werden, die eingeschweißte Fertigware servieren. Das gilt für die Trattoria leider ebenso wie für zu Hause.
Anders Salvatore. Immer kurz vor den Feiertagen fährt er mit seinem kleinen Lieferwagen zweieinhalb Stunden in die Höhen der Abruzzen. Dort lebt ein Schäfer, der ihm eigene Lämmer und Zicklein verkauft, die nichts als Bergkräuter gefressen haben: Ohne Agnello und Capretto wäre in Italien kein Ostermenü denkbar. Ihr Fleisch, von Salvatore mit Olivenöl, Weißwein und Rosmarinzweigen im Ofen gebacken, ist so unvergleichlich, dass selbst weniger Gläubige unter seinen Gästen ein andächtiges "Santa Madonna!" raunen und der ganze Saal in tiefes, mampfendes Schweigen verfällt.
Spätestens beim Dolce aber ist wieder der Teufel los. Dann wird Rosannas Pastiera Napoletana verdrückt, ein mit schneeweißem Ricotta gefüllter Hefekuchen, schwer und süß und eine ständige Gefahr für Mammas Hüften. Doch die lacht und schert sich heute nicht um Kalorien. Nachher wird man sich noch mal ein bisschen die Beine vertreten und dann das wohlverdiente Nickerchen auf duftenden Frühlingswiesen halten, bevor es wieder nach Hause geht.
Im Stau werden dann bereits die Pläne für den Osterausflug im nächsten Jahr geschmiedet. "Pasqua è pasqua." Ostern ist halt Ostern. Daran führt kein Weg vorbei.
Daniela Horvath