Sie schmecken kräftig, sind gesund und sehr vielseitig, denn Johannisbeeren können Vorspeise, Hauptgang und Dessert verzaubern. Freuen wir uns also, wenn jetzt die Roten kommen. Von Alf Burchardt

Johannisbeeren sind auch für Koalitionen zu haben: Zusammen mit dem Saft von Himbeeren veredeln sie hier einen Ziegenkäse© Hans Hansen
Wie Signallampen leuchten sie auf den Tischen in Kneipen und Restaurants, und jetzt, im Sommer, auch in den Biergärten: große Gläser, gefüllt mit knallroter Flüssigkeit. Solche Farbkleckse finden sich an heißen Tagen in immer mehr Lokalen, denn es steigt die Zahl derer, die ihren Durst statt mit dem Klassiker Apfelsaftschorle mit dem verdünnten Saft der Johannisbeere löschen. Und selbst in dieser homöopathischen Dosierung zeigt die kleine Beere noch, welch großer Geschmack in ihr steckt.
Der pure Stoff dagegen, die reine Beere, schmeckt so intensiv, so herrlich sauer, dass manch einer ihn lieber gleich verarbeitet. Möglichkeiten gibt es mehr als genug: ein bisschen die Vorspeise aufmotzen, dem Hauptgang noch eine besondere Note verleihen oder ein gediegenes Dessert zaubern. Auch Kuchen lässt sich prima backen mit Johannisbeeren. Und Schnaps destillieren. Wer doch gleich ein ganzes Schälchen davon weglöffeln will, streut zuvor gern großzügig Zucker drüber. Kalorien? Jetzt grad egal!
In Süddeutschland oder Österreich heißen sie Ribisel
Das Gewissen lässt sich schnell beruhigen: Johannisbeeren versorgen uns mit einem kräftigen Schuss Vitamin C. Nicht zu verachten auch das Kalium, das den Blutdruck senkt. Gesund sind alle drei Sorten: die auf vielfältige Art wohlschmeckenden roten Beeren, die schwarzen, meist eingekocht vom Saft bis zur Konfitüre, und die eher seltenen weißen - das sind die Albinos, rote Johannisbeeren, die ihre Pigmente und damit auch ein bisschen von ihrer Säure verloren haben.
Von Juni bis September reifen die Beeren an Sträuchern, ihren Namen, jedenfalls ihren gebräuchlichsten, haben sie nach dem 24. Juni: Rund um den katholischen Feiertag des Heiligen Johannes sind die ersten Früchte genießbar. Doch Johannisbeeren erhält ebenfalls, wer in Süddeutschland oder Österreich ein Körbchen Ribisel verlangt, dort heißt die Frucht nach ihrer Familie Ribes, der sie ebenso entstammt wie ihre grüne Schwester, die Stachelbeere.
Ein recht junges Früchtchen
Im Vergleich zu dem anderen Obst in unseren Gärten ist die Johannisbeere ein recht junges Früchtchen. Im 14. und 15. Jahrhundert begannen italienische Mönche, die Sträucher zu hegen und zu pflegen, die zuvor als Wildjohannisbeeren weder im Mittelmeerraum noch in Nordosteuropa und Eurasien Beachtung gefunden hatten. Bald darauf kümmerten sich auch die Dänen und die Holländer um die Pflanze, dann die Engländer und die Franzosen.
Und die Deutschen? Immerhin war es Peter Schöffer aus Mainz, der erstmals eine Johannisbeere abbildete. Er führte die von Gutenberg entwickelte Technik des Buchdrucks weiter und zeigte die Pflanze 1484 in seinem "Herbarius", dem ersten in Deutschland gedruckten Kräuterbuch. Mittlerweile, so schrieb der US-Autor Waverley Root in seinem großen Werk "Food", verzehren die Deutschen - gemeinsam mit den Briten, Skandinaviern und Russen - die meisten Johannisbeeren.
Sie alle lassen sich nicht schrecken von etwas Mühe, die vor dem Genuss steht, denn um eine brauchbare Menge zusammenzubekommen, muss man doch eine ganze Weile pflücken. Auch kleinere Zickigkeiten sehen sie der Johannisbeere nach: Nicht zu viel Wind möchte sie haben, zu nass darf der Boden auch nicht sein, und wenn's geht: bitte eineinhalb Meter Abstand zum Nachbarn! Ist die Beere dann reif, gilt: nicht ewig transportieren, nicht lange lagern - das mag sie auch nicht - , sondern schnell verzehren. Der letzte Punkt sollte kein Problem sein.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 31/2006