Sauerkraut und Nazis. Kein Tag, da das braune Deutschlandbild der Briten nicht durch Kriegsfilme konserviert würde. Plötzlich dies: Falko Burkert, ein deutscher Konditor, wurde von der Wochenzeitung "Observer" zum besten Bäcker der Insel erklärt. Wer ist der Junge, und wie hat er das geschafft? Von Cornelia Fuchs

Ein Britenbrot kann man zerknautschen und in die Tasche stecken. Falko Burkerts Brote dagegen sind von Schrot und Korn© Murdo Macleod
Man spricht deutsch am Bruntsfield Place 7 in Edinburgh. Und zwar mit schwäbischem Einschlag. Wer den Laden „Falko Konditormeister“ betritt, atmet deutschen Bäckereigeruch. Ins Glas der Fensterscheibe ist "Qualität aus Meisterhand" graviert, und die Produkte sind mit "Erdbeertörtchen" und "Apfelkuchen" ausgezeichnet, fein handschriftlich und zumeist ohne englische Übersetzung. Und das in einem Land, das deutsche Wörter (Schwein! Dummkopf!) nur aus Nazi-Filmen kennt. Helm ab! Hier arbeitet ein deutscher Bäcker ohne Scham und Kompromisse.
Die Edinburgher lieben ihren deutschen
Bäcker und Konditor. Seit der Heilbronner
Falko Burkert vor einem Jahr sein Geschäft
in Schottlands Hauptstadt eröffnet hat, ist
er fast ständig ausverkauft. 200
Brote und 300 Brezeln gehen täglich
über den Ladentisch. "Mir
kenntet dreimol so viel verkaufe",
sagt Burkert. Dazu reichen aber
die fünf Etagen seines Steinbackofens
hinter der Verkaufstheke
nicht aus. Viele kommen einfach
vorbei, um Burkert beim Backen
zuzusehen. "Mir leischten hier
Entwicklungshilfe, backtechnisch
gesehe", schwäbelt Burkert.
Im März hat er den renommierten
Food Award der britischen Wochenzeitung "The
Observer" erhalten, als bester
Lebensmittelhersteller in ganz
Britannien.
Kampf gegen den "British Cake of Horror"
Sein Verdienst: Er hat dem "British Cake of Horror", wie er ihn
nennt, den Kampf angesagt. Der Horrorkuchen
heißt im schlimmsten Fall Schwarzwälder
Kirschtorte und ist aus Industrie-
Biskuit und pflanzlicher Sahnecreme.
"Päckle auf, Feuerle an und fertig", spottet
Burkert. So habe er seine ersten Erfahrungen
in britischen Bäckereien gemacht.
Er hat das Konditorhandwerk in Stuttgart
gelernt und als Geselle im Kölner Maritim-
Hotel Desserts und in Dresden Stollen hergestellt.
Als er arbeitslos wurde, lockte ihn
eine Freundin auf die Insel, er sollte im
Weihnachtsgeschäft aushelfen.
Anfangs war es ein Schock. Burkert
hatte im Land der Teetrinker Kuchenkultur
erwartet. Stattdessen lernte er frittierte
Mars-Riegel kennen und musste Blitzkuchen
produzieren - aus Glukose, Kristallzucker und Farbstoff. "Das kann ich besser",
sagte sich Burkert und machte erst
einmal seinen Meister nach - in Stuttgart
natürlich. Dann kehrte er zurück und ließ
sich endgültig in Edinburgh nieder. Richtig
in Schwung kam seine Kuchenmission,
als er seinen Partner Robert Linton kennenlernte.
Für Linton war es Liebe auf den
ersten Biss: "I tasted his cakes and that was
it."

Für Falko Burkert (l.) und seinen Partner Linton ist gutes Brot Herzenssache. Die beiden wollen das Bäckereihandwerk auf der Insel wieder beleben© Murdo Macleod
Die beiden bildeten ihren ersten Kuchenbrückenkopf
auf dem Wochenmarkt.
Dann kamen Anfragen nach Brezeln. "Sie
sind doch Schwabe, wollen Sie nicht Brezeln
backen?", fragten Exildeutsche, die
noch heute ein Drittel der Kundschaft
ausmachen. Von da war es nur ein Schritt
zum Brot, vom Roggenmischlaib bis zur
Walnuss-Sonderanfertigung.
Burkerts Privatküche wandelte
sich in eine Backstube. Von Mittwoch
bis Samstagmorgen backten
er und sein Freund in Wechselschichten.
Wenn der eine schlief,
schob der andere Brote in den
Ofen: "Und Freitagnacht hen mir
koi Aug zugetan." Vor seinem
Stand warteten früh morgens die
Kunden geduldig auf Erdbeertorte
oder Brezeln.
Burkert hatte eine Marktlücke
entdeckt: leichte, nicht zu süße
Kuchen. „Halt net dekoriert wie
an Chrischtbaum“, sagt er und
meint die dicke Zuckerglasur,
"Icing" genannt, die viele britische
Kuchen überzieht und die skrupellos mit Bildern und Figürchen beklebt
wird.
Burkert passt mit seinen traditionellen,
chemiefreien Kuchen genau in den britischen
Trend zu besserem Essen, das am
besten gleich am Ort produziert sein sollte.
Die Journalistin, die ihn für den "Observer"
porträtierte, notierte fast ehrerbietig,
wie Burkert an überlieferten Traditionen
festhält: "Er ist sowohl leidenschaftlich als
auch inspirierend in seinem Glauben, dass
zeit- und arbeitsintensives Handwerk nie
durch Maschinen ersetzt werden kann."
Man könnte sie auch störrisch nennen,
diese Akribie, mit der Burkert sein Handwerk
zelebriert: In seinen Regalen stapeln
sich alte Backformen, die er vor dem Schrott
bewahrt hat und wieder nutzt. In seinem
Café wartet eine gasbefeuerte Baumkuchenmaschine
auf den September, wenn
Burkert mit den Weihnachtsbäckereien
beginnen
will. Sein Traum ist ein Holzbackofen,
den er bauen lassen will, sobald sich
das Geschäft weiter etabliert hat.
"Die hen halt koi Ahnung"
Burkerts Achtung vor allem Altehrwürdigen
bedeutet für seine beiden Gesellen,
dass er ihnen noch nicht einmal einen Ein-
Tages-Bart durchgehen lässt: "Ich bin immerhin
der Chef und kann bestimmen,
wie meine Angestellten aussehen." Es gibt
auch schon mal einen Anschiss für ungebügelte
Bäckerhemden: "Ich sag denen
dann, dass wir hier schließlich Deutschland
vertreten." Da verschwindet für einen
Moment sogar der schwäbische Akzent. Es
ist Konditorenehrensache, dass bei "Falko
Konditormeister" der Biskuit durch Eischnee
luftig leicht gemacht wird und nicht
durch chemische Zusätze, wie die britische
Presse erstaunt bemerkt.
Seine Gesellen und die Meisterin, die seit
einigen Wochen aushilft, hat Burkert aus
Deutschland geholt: "Hier in Edinburgh
findet man kein qualifiziertes Personal."
Doch es gibt schon erste britische Interessenten
für eine Lehrstelle in der deutschen
Konditorei. Die schreckt noch etwas die
Idee, drei Jahre lernen zu sollen, bevor sie
nach deutscher Tradition einen Abschluss
in der Hand haben, und fragen, wieso ein
Konditor so lange lernen muss, wie ein Arzt
studiert. "Die glaubet, sie müssten bloß Zucker,
Eier und Mehl zsammedatsche, und
des war’s", sagt Burkert, schon ein bisschen
beleidigt ob dieser Infragestellung seiner
Fähigkeiten. "Die hen halt koi Ahnung."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 35/2007