31. Oktober 2012, 07:52 Uhr

Warum es am Reformationstag Saures gibt

Brauchtum Halloween

Süßes oder Saures: Früher beging man noch den Reformationstag, doch seit einigen Jahren ist der 31. Oktober auch in Deutschland Halloween-Tag. Was hat es mit dem Fest auf sich? Von Carsten Heidböhmer

Für ältere Semester ist es ein obskurer, aus den USA importierter Brauch. Für Kinder, Jugendliche und inzwischen immer mehr Erwachsene dagegen ein willkommener Anlass zum Feiern. An Halloween verkleidet man sich inzwischen auch in Deutschland und zieht mit dem Spruch "Süßes, sonst gibt's Saures" von Haus zu Haus. Woher kommt der Brauch - und wie zum Kürbis kam er bloß nach Deutschland?

Wo ist der Brauch entstanden?

Seinen Ursprung hat das Halloween-Fest in Irland. Nahm man lange Zeit an, Halloween habe seine Wurzeln in einem alten keltischen Erntedank-Brauch, geht die Wissenschaft heute von einem rein christlichen Ursprung aus. Über ausgewanderte Iren gelangte der Brauch im 19. Jahrhundert in die USA. Dort kam dann der für Halloween typische Kürbis ins Spiel, und es entstand die Sitte, dass Kinder von Haus zu Haus ziehen und um Süßigkeiten bitten - oder mit Streichen drohen.

Woher stammt der Name Halloween?

Der Name leitet sich von "All Hallows' Eve" an - dem Abend vor Allerheiligen. Verkürzt wurde daraus mit der Zeit "Halloween".

Was heißt "Trick or Treat"?

In den USA ziehen die Kinder von Haus zu Haus und rufen: "Trick or Treat". Übersetzt hieße das: Gebt uns eine Leckerei (Treat), sonst spielen wir euch einen Streich (Trick)? In Deutschland sagen die Kinder "Süßes, sonst gibt's Saures" - was im Prinzip genau das Gleiche meint.

Wann kam der Brauch nach Deutschland?

Halloween tauchte hierzulande verstärkt Ende der 90er Jahre auf, wie Walter Grünzweig, Professor für Amerikanistik an der TU Dortmund, erläutert. Es fing zunächst harmlos an: Zeitschriften und Magazine veröffentlichten erste kurze Artikel über das neue Phänomen. Dann rollte Halloween wie eine Lawine übers Land. Immer mehr Kneipen und Süßwaren-Hersteller hätten sich auf diesen Trend eingestellt. Die breite Masse feiert Halloween in Deutschland aber erst seit dem neuen Jahrtausend.

Ist Halloween in Deutschland wirklich von der Industrie eingeführt worden?

Das behauptet zumindest die "Fachgruppe Karneval im Deutschen Verband der Spielwarenindustrie (DVSI)". Sie erhebt für sich den Anspruch, Halloween im Alleingang nach Deutschland gebracht zu haben. Die Fachgruppe entstand, nachdem 1991 wegen des Golfkriegs der Karneval abgesagt wurde, was den Kostümherstellern brutale Einbußen bescherte. Um neue Anlässe zu schaffen, startete die Gruppe 1994 eine Kampagne zur Einführung des amerikanischen Brauchs.

Die Kampagne war offenbar erfolgreich: Allein in Deutschland werden auch in diesem Jahr mit Halloween wieder 200 Millionen Euro umgesetzt. Für die Süßwarenindustrie ist das Gruselfest nach Auskunft des Bundesverbandes das drittwichtigste Ereignis des Jahres nach Weihnachten und Ostern. Und auch die Event-Gastronomie ist auf diesen Zug aufgesprungen und sorgt mit Halloween-Partys für volle Häuser.

Hat es sowas schon mal gegeben?

Dass die Industrie einem Brauch zum Durchbruch verhilft, ist nicht ungewöhnlich. So etwas hat es in der Geschichte schon einmal gegeben: In den 20er Jahren hat etwa der Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber den Muttertag in Deutschland mit Plakaten "Ehret die Mutter" durchgesetzt.

Was hat die Globalisierung damit zu tun?

Gunther Hirschfelder, Professor für Vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg, erforscht das Thema Halloween seit Langem. Die "Fachgruppe Karneval" ist ihm bislang noch nicht untergekommen. Er sieht den Grund für den Erfolg vor allem in dem gesellschaftlichen Bedarf an neuen Bräuchen. "Der Mensch als soziales Wesen sehnt sich nach Traditionen, die sein Leben strukturieren", so Hirschfelder. Halloween fülle ein kulturelles Vakuum, das in den 90er Jahren entstanden sei: Christliche Feiertage verlören schon seit längerem an Bedeutung, die Globalisierung trage zu einem Schwinden von regionalen Traditionen bei. In diese Lücke drängen Valentinstag, Muttertag, große Sportereignisse und eben Halloween. All diese Feiern haben nach Ansicht des Kulturwissenschaftlers eines gemein: Sie sind unverbindlich, sollen Spaß machen und es gibt ein kommerzielles Interesse. Der Amerikanist Grünzweig sieht eine weitere Lücke, die von Halloween gefüllt wurde: Zwischen den Sommerferien und Karneval habe es vorher keinen Anlass für ein Fest gegeben.

Welche Rolle spiele das Fernsehen dabei?

Warum sich gerade Halloween etabliert hat, und nicht ein anderer Brauch, erklärt erklärt Gunther Hirschfelder mit dem Aufkommen des Privatfernsehens Mitte der 80er Jahre: Die privaten Kanäle hätten verstärkt Hollywood-Filme gezeigt, die zuvor im öffentlich-rechtlichen Programm keine Chance gehabt haben, Gruselschocker wie "Halloween" zum Beispiel. Dadurch seien die Deutschen mit diesem Fest vertraut geworden. Neue Bräuche werden heutzutage vorrangig von Fernsehen oder dem Internet vermittelt.

Sind die Symbole wichtig?

Die klare Symbolik ist ein weiterer Grund für den schnellen Siegeszug von Halloween: Der Kürbis ist ein starkes Zeichen, bei dem jeder sofort an Halloween denkt. Und: Er passt in die gesellschaftliche Entwicklung, die von sakraler hin zu jahreszeitlicher Symbolik geht. Viele Schaufenster und Wohnungen sind im Herbst mit Blättern und Kürbissen geschmückt.

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