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11. August 2008, 08:49 Uhr

Die schärfste Stadt

Und wenn wir noch so oft "zum Chinesen" gehen - gut schmeckt es erst beim Original. Allen Olympia- und sonstigen Touristen sagt unser Mann in Peking, wo und wie man in seiner Stadt am besten isst. Von Adrian Geiges

Gut für den Anfang: Im Lokal "South Beauty" kommen die Vorspeisen fein portioniert und akkurat aufgereiht. Das hat mit "unseren Chinesen" nichts zu tun© Katharina Hesse

Essen ist für die Chinesen wie Sex. Ein wilder Trieb. Ein kaum beherrschbares Verlangen. Die aufregendste Art der Begegnung. Ja fast der Sinn des Lebens. Die Chinesen schuften klaglos bis spät in die Nacht. Aber gibt es um zwölf nichts zu Mittag und um sechs oder sieben Uhr kein Abendessen, dann droht Revolution. Die Deutschen reden auch noch beim Essen über die Arbeit. Die Chinesen reden auch noch bei der Arbeit übers Essen und beim Essen sowieso.

Ich lebe in Peking. Treffe ich chinesische Freunde, grüßen sie: "Chile meiyou?" - "Schon gegessen?" In Peking hat der Mensch die Wahl zwischen 30.000 Restaurants - achtmal mehr als in Berlin, allerdings auch bei deutlich mehr Einwohnern. In einigen Straßen, manchmal sogar in ganzen Vierteln lockt jedes Haus mit essbaren Sinnesfreuden. Ess-Etablissements, wohin man sieht, schon von Weitem zu erkennen an den roten Lampions über dem Eingang. Es geht immer nur um das eine.

Die Peking-Ente ist ein Klassiker. Sie hat eine knusprig-krosse Haut, wenig Fett und zartschmelzendes Fleisch© Katharina Hesse

Der Besuch eines Lokals beginnt mit einem Flirt. Die Kellnerin ist dabei die Kupplerin, sie hilft mit beim Flirt mit dem, was das Haus mir bietet, was ich mir versprechen darf, es geht um die Vorstellung der kommenden Ekstase. Die Kellnerin, meist in Uniform, die Haare gebunden und mit einem Nummernschild versehen, notiert gesenkten Hauptes die Wünsche des Kunden. Die Speisen tragen schillernde, verheißungsvolle Namen, es ist, als wäre das Essen geschminkt und aufregend gekleidet; dann muss man fragen, das gehört dazu: "Was sind denn die ‚vier glücklichen Tofu‘?" Antwort: "Tofu mit Eigelb, Knoblauch, Hack- und Pökelfleisch."

Vorm Essen wird der Gast "heißgemacht"

Oft sehen chinesische Gasthäuser aus wie ein Zoo. Das lässt Europäer frösteln, weil das, was ich gleich essen soll, beim Bestellen noch lebt. Andererseits - frischer geht's nicht, und es gibt mir die Gelegenheit für den ersten Kontakt mit den Schönheiten, die ich näher kennenlernen möchte, ja die ich bald zum Fressen gern habe. Der "red snapper" im Aquarium macht mir schöne Augen. Die Krabben winken mir aus dem Bottich. Die Kellnerin trägt den lebenden Fisch in einer Plastiktüte an den Tisch und wartet auf mein Nicken - so wie man das Weinetikett noch einmal studiert, ehe der Kellner die Flasche öffnet.

Bevor der Gast an die Speisen darf, wird er erst einmal ordentlich heißgemacht. Im Restaurant "South Beauty" spleißt der Koch die knusprige Peking-Ente vor mir am Tisch in kleine Stücke, da läuft das Wasser im Mund zusammen. Ein Kellner mischt Salatblätter und Sauce erst frisch am Tisch. Ein Meisternudler zieht seinen geschmeidigen Teig zum groben Strang, dann schleudert er ihn zu meterlangen, feinsten Fäden. Ein Akrobatenakt!

Dann der mongolische Feuertopf, ein kulinarischer Hauptspaß: Er ähnelt dem Fondue, kommt aber ohne Puritanismus und ganz bestimmt ohne Käse. Wie ein Blutbad so rot wirkt die Brühe, die in dem Kessel auf dem Gas in der Tischmitte steht. Und sie ist wahrlich gefährlich, im Grunde besteht sie aus Chilischotenmumpe, mit etwas Wasser verdünnt. Mit zunehmender Hitze beginnt sie zu brodeln. Aus ihren Tiefen steigen Zwiebeln, Ingwer und Kopfsalatherzen, hüpfen vor den Augen der Schlemmerrunde, die sich mit Geschichten überbietet, wie oft und wie scharf sie das letzte Mal gespeist hat.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 32/2008

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KOMMENTARE (10 von 11)
 
waelder (12.08.2008, 19:32 Uhr)
Peking - schärfstes Essen?
Also, was scharfes Essen angeht, ist Peking ganz sicher nicht die erste Adresse.
Die dürfte eher in West-Sumatra sein, wo das nach der Provinzhauptstadt Padang benannte Essen alles schlägt, was mir in Südost- und Ostasien je auf den Tisch gekommen ist. Wenn es einem dann doch zuviel wird, dann geht man in Padang oder Bukittinggi zum Chinesen.
Aber nach einem längeren Aufenthalt in West-Sumatra kann man bei starkem Durst auch die Autobatterie leersaufen, das schadet dann auch nichts mehr.
Was Tiere angeht, denen geht es außerhalb der westlichen Industrieländer überall auf der Welt dreckig, wenn es nicht gerade um heilige Kühe in Indien handelt, aber selbst die sehen meist sehr erbärmlich aus.
S-achte (11.08.2008, 22:42 Uhr)
Hallo Maria1000
Zu Dem ersten Teil Deines Beitrages kann man ja noch antworten, auch wenn Du meine Argumentationskette vielleicht nicht nachvollziehen kannst:
Es gibt die schlecht behandelten Tiere, ja, man sieht auf den Märkten auch den Hunden an, welcher vor dem schlachten verprügelt wurde und welcher nicht. Es ist indiskutabel, auch keine Frage!
Aber in Summe stimmt es einfach nicht, daß in China alles was lebt mißhandelt, gequält, geschändet, etc. wird! Und das so zu postulieren, wird denen nicht gerecht, die versuchen den Anschluß an die Restwelt zu bekommen und mit solchen Berichten/Kommentaren permanent einen vor den Latz bekommen!
Ich bin geneigt, in der Xinhua ein Artikel über die lebensverachtende Praxis des Verschiffens von Eismeer'produkten' zur Nachbereitung in Nordafrika vor dem Verkauf in Europa zu veröffentlichen und die Reaktionen darauf wieder hier zu verlinken. Auch das kann man so formulieren, daß ein Aufschrei durch die südostasiatische Welt geht.
Aber der Rest Deines Beitrages ist völlig daneben!! Wie, bitte schön, hättest Du denn gerne einen Beitrag, der versucht, Dir die Welt außerhalb Deines Wirkungskreises nahezubringen?
Oder gilt einfach nur: 'Nur ein Beitrag der auf China draufhaut ist ein guter Beitrag!'?
Zu beurteilen wer agitiert und wer probiert zu differenzieren, fehlt Dir offensichtlich komplett die Übersicht.
Ich hasse es, so argumentieren zu müssen, aber ich hasse es noch viel mehr, wenn Diskussionen auf Basis von angelesenem Halbwissen in die Welt gesetzt werden.
Zur Entspannung: Geh mal in die östlichen EU Staaten und schau Dir dort mal die Tierhaltung/Transport/Schlachtung etc an. Oder Nordafrika ...
und dann schau mal genau hin, welche ggf. auch westlichen Firmen daran beteiligt sind!
Gute Nacht!
Maria1000 (11.08.2008, 19:45 Uhr)
@Nana_Xiaojie - Nein, Danke! Tiere in China
werden behandelt wie DRECK, von daher für mich uninteressant!
Und: Wurden mal wieder ein paar "Kommunikationsagenturen"-Praktikanten abkommandiert zum "Leserbeiträge" hier im STERN schreiben? Wie schon öfters zu Beiträgen von Herrn Geiges....
Maria1000 (11.08.2008, 19:43 Uhr)
Seit ich weiss, WIE Nutztiere in China auf Märkten und
in Tierfabriken noch viel mehr geschunden und gequält werden als in Europa, ist mir der Appetit auf Chinesisches Essen - und China - endgültig und gründlich vergangen!
GlobalKlaus (11.08.2008, 12:39 Uhr)
Sehr gut!
Ich will auch wieder nach Beijing ... hab meine Automatenkarte für die Verpflegung in den Kellergeschossen der Gebäude in Chang An noch in der Tasche oder die Militärkantine in der ICBC Zentrale im dritten Untergeschoß im Bunker ...simple aber super Küche !!!
S-achte (11.08.2008, 00:07 Uhr)
Nee, kein Problem
man kann natürlich im internet über alles schreiben, ob man Ahnung hat oder nicht, die Anonymität macht's ja möglich!
Es wird aber dort immer jemanden geben, der dann halt mal dagegen hält, weil er/sie halt doch Ahnung hat. Muß man dann halt akzeptieren.
BTW: Es war nicht undefinierbar, es war Hund. Lohnt übrigens nicht, weil zäh und weitgehend geschmacklos. Saucenträger halt ...
manesse (10.08.2008, 22:52 Uhr)
@Clibanarius
In China würde die Köche selbst aus einem misslaunigen Clibanarius noch ein leckeres Süppchen kochen können. Freilich: Gut gesotten muss er sein und recht lang abgehangen, damit er nicht so zäh ist.
Clibanarius (10.08.2008, 07:54 Uhr)
Ja, wohlrecherchiert
Wüsste nicht, daß man über ein Land etc. nur dann was schreiben darf wenn man dort war?! Aber sicher, Ekelküche bleibt Ekelküche, da können selbsternannte China-Experten und angebliche China-ein-und-aus-Geher (das tolle anaonyme Internet machts ja möglich) andere anpfurzen wie sie wollen.
BTW: Auch Ratte aus dem Wok probiert? Oder war das undefinierbare Stück Hühnchen?
S-achte (10.08.2008, 02:16 Uhr)
@clibanarius
Na Du alte Panzerratte, danke für den wohlrecherchierten Beitrag! Schön, mal wieder von jemandem was zu lesen, der in China praktisch ein und aus geht!
Wäre nie drauf gekommen, daß Chinesen anders pfurzen als Deutsche bei der Currywurst! Die stinken halt leider noch dazu unter der Achsel, wenigstens seit dem Rauchverbot!
BTW: Ich habe selten so gut gegessen wie in China!
Clibanarius (09.08.2008, 12:42 Uhr)
Ekelküche...
...und dazu passend ekliges Essverhalten wie Furzen, Rülpsen und schmatzen. Guten Appetit!*würg*
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