Das Gesetz will, dass Hühner bei Vogelgrippe eingesperrt werden. Wie finden die Vögel das? Ziemlichen Mist! Ein Biolandwirt hat von seinen 1800 Hühnern 800 nach Recht und Gesetz behandelt. Mit üblen Konsequenzen. Von Uwe Rasche

Biobauer Niels Odefey zwischen seinen Tieren. Freilaufende Hühner nehmen nur langsam zu, ihr Fleisch ist fest und der Knochenbau stark. Abgänge gibt’s nur durch den Hühnerhabicht© Jörg Fokuhl
Es war im Grunde ein Tierversuch. Und Niels Odefey, 57, hätte ahnen können, dass man dafür die Mentalität eines Laborkittelträgers mitbringen sollte. Aber Odefey ist Biobauer, trägt von morgens bis abends grüne Latzhose und hegt und pflegt seine Viecher wie kein anderer. Deshalb konnte der Mann aus der Lüneburger Heide den Versuch auch nicht bis zum Ende durchziehen. Als seine Hühner sich im Stall gegenseitig aufzufressen begannen, brach er ab und gab ihnen die Freiheit. Dass Stallhaltung unnatürlich ist und Qual und zu schlechterer Fleischqualität führt, auch unter Biobedingungen - für ihn war’s bewiesen. Wozu die Tiere länger leiden lassen. Grausame Experimente auf dem Ökohof - das darf doch wohl nicht wahr sein, oder? Wahr ist, dass der Odefey bei seinem Versuch nichts tat, als sich - gegen jede Überzeugung - an Recht und Gesetz zu halten. Zumindest, was einen Teil seiner Hühner betraf Er ließ nämlich diesen Teil nicht wie sonst auf seinem Hof nach Herzenslust umherlaufen, picken oder in der Sonne dösen - sondern er sperrte ihn ein.
So, wie es die "Verordnung zur Aufstallung des Geflügels zum Schutz vor der Klassischen Geflügelpest" verlangt. Die Aufstallung soll verhindern, dass mit dem Vogelgrippe-Virus infizierte Zug- oder Wildvögel heimisches Nutzgeflügel anstecken. Je nachdem, wie das Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit die Lage einschätzt, wird Stallpflicht verhängt oder aufgehoben. Wenn - wie jetzt wieder in Sachsen und Bayern - die Geflügelpest umgeht, dann gilt dort Stallpflicht. In den nicht betroffenen Gebieten gilt dies aber nur in gelockerter Form: Geflügelzüchter außerhalb von Risikogebieten wie Flussniederungen, Seeund Küstennähe können Ausnahmegenehmigungen erhalten. Dann dürfen sie ihre Vögel immerhin aus dem Stall lassen, jedoch nicht im Freien füttern. Treten auch bei ihnen Vogelgrippefälle auf, sind die Ställe sofort zu. Die Ansteckungskette Wildvögel - Nutzgeflügel ist aber umstritten: Stallpflichtgegner verweisen darauf, es sei wissenschaftlich nicht erwiesen, dass Wildvögel die Hauptverbreiter des Virus sind - erst im August wieder stellte eine Studie der Uni Erlangen fest, dass die bislang erhobenen Daten zu Wildvögeln „nicht vollständig, nicht adäquat und oft falsch“ seien.
Zudem bleibe fraglich, ob infizierte Zugvögel die Kraft hätten, das Virus von Kontinent zu Kontinent zu streuen. Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich- Loeffler-Instituts, bleibt trotzdem ungerührt: "Fest steht: Wildvögel sind Träger des Virus. Es ist absolut denkbar, dass die Vögel sich an Rastplätzen auf ihrer Route wie in einem Staffellauf anstecken. Deshalb ist die Stallpflicht eine wichtige Vorsichtsmaßnahme." Derlei Hin und Her kann der Geflügelindustrie egal sein und die Stallpflicht sogar ganz recht. Denn dort herrscht ohnehin geschlossene Massenhaltung - Vogelknast ist da Produktionsprinzip. Nachteile hat nur die Konkurrenz - haben diejenigen, die für anständige Aufzuchtbedingungen stehen und von denen die Kunden nichts anderes erwarten als das Optimum: die Freiland- und Biobetriebe nämlich. Seit im September 2005 die Aufstallungspflicht verordnet wurde, fügen sich fast alle - Niels Odefey tat es nicht. Er tut es immer noch nicht. "Meinen Hühnern geht es am besten, wenn sie frei herumlaufen", sagt er. "Es ist wie beim Menschen: Wer immer nur im Haus hockt, wird anfälliger für eine Grippe als einer, der sich regelmäßig an der frischen Luft bewegt."
Stur ist der Mann, ja. Ein Qualitätsfreak, der keine Kompromisse und gerade deshalb das vielleicht beste Geflügel Deutschlands macht. Die Kunden lieben ihn, weil seine Tiere ein Leben hatten, das den Namen verdient; weil sie nach Freiheit schmecken. Die Medien schätzen ihn, weil der Hühnerrebell aus der Heide vom Federvieh viel Ahnung und stets eine starke Meinung hat. Die Behörden fürchten ihn, weil er sich von ihnen nichts sagen lässt. Zwangsgelder? Zahlt er nicht. Kontrolleure? Jagt er schon mal vom Hof. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt. Und Odefey betont: "Wenn es in meiner unmittelbaren Nachbarschaft Fälle von Vogelgrippe gäbe, würde ich meine Tiere auch einsperren." Seine Spezialität sind Steirer Wildhendl, langsamst wachsende Mistkratzer. Er holt sie als Küken aus Österreich und zieht sie unter freiem Himmel mit bestem Futter zu prächtigen Tieren auf. 15 Wochen dauert das - dreimal so lange wie das Leben der Billighähnchen aus der Supermarkttruhe. Seit einem stern-Bericht (Nr. 45/2002) versendet er Hühner nur noch an Privatkunden. "Ich wollte nicht mehr mit dem Lieferwagen im Stau stehen, sondern so viel Zeit wie möglich auf dem Hof verbringen, meine Kraft ins Produkt stecken."
Wer so handelt, braucht Verbündete. Detlef Fölsch etwa, emeritierter Professor für angewandte Verhaltensforschung und artgemäße Tierhaltung an der Uni Kassel, Lorenz-Schüler, Geflügelkoryphäe: "Stallhaltung auslaufgewöhnter Tiere erzeugt schadenträchtiges Verhalten, Stress und Immunitätsschwäche - Voraussetzungen für Krankheiten", schrieb Fölsch 2006 auf dem Höhepunkt der Vogelgrippe-Debatte in der "Süddeutschen" - und stellte sich so auf die Seite der Stallpflichtgegner. Die fragen angesichts der Zwangstötung von fast einer halben Million Enten in Mastbetrieben in Niederbayern, wie sich diese Tiere an Wildvögeln anstecken konnten, wo sie doch rund um die Uhr eingesperrt waren - bisher wird vermutet, das Virus könnte ja im Stroh der Tiere gelauert haben. Wie es da hineinkam? Fragezeichen. Professor Mettenleiter führt trotzdem auch diesen Fall auf Zugvögel zurück. Wichtig sei eben die vollkommene Kontrolle der hygienischen Bedingungen bei der Masthaltung. Wer sich das dicke Bündel der gesetzlichen Hygienebestimmungen anschaut (Schutzkleidung im Stall beispielsweise), wundert sich, dass der Gesetzgeber dieser Branche, von Gammelfleisch-Skandalen gebeutelt, überhaupt so viel Verantwortlichkeit zutraut. Zusätzlich beschleicht einen ein dummes Gefühl: Wo so viel geregelt werden muss, muss auch viel im Argen liegen.
Odefey fühlt sich bestätigt: Wenn konsequente Kerkerhaft für Geflügel nicht vor Vogelgrippe schützt - was soll das Ganze dann? Als Odefey den Wissenschaftler Fölsch anrief und ihm eröffnete, er wolle die Auswirkungen der verordneten Stallhaltung prüfen, auf seinem eigenen Hof mit den eigenen Tieren - und dass er dafür einen wissenschaftlichen Berater brauche, da überlegte Fölsch nicht lange. Gemeinsam planten sie die Versuchsanordnung: Sämtliche 1800 Küken wurden zunächst wie üblich vier Wochen im Aufzuchtstall gepäppelt und dann auf drei Gruppen verteilt. 400 Tiere (Gruppe "Stall") blieben im 50 Quadratmeter großen Kükenraum, um die Bedingungen konventioneller Bodenhaltung nachzustellen. Weitere 400 Tiere (Gruppe "Biostall") zogen ebenfalls in eine geschlossene Behausung, allerdings von 60 Quadratmeter Größe und zu einem Viertel eine Art Wintergarten mit Tageslicht. "Diese Konstruktion ist das Resultat einer EU-Richtlinie - eine üble Mogelpackung", findet Odefey: "Sie erlaubt Biobauern in Stallpflichtphasen, ihr Geflügel und ihre Eier weiter als Bio-Freiland zu deklarieren. Im Grunde aber ist es Täuschung, denn die Hühner dürfen keinen Fuß ins Freie setzen." Die übrigen 1000 Tiere (Gruppe "Freigänger") wuchsen auf wie stets bei Odefey: tagsüber in Freiheit; nachts in weitläufigen Ställen, als Schutz vor Fuchs, Marder und Iltis.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 44/2007